Zugegeben, das Pariser Café als Ort intellektueller Auseinandersetzung ist ein überkommenes, romantisches Klischee. Längst sind die hitzigen Diskussionen einer behaglichen und teilnahmslosen Stille gewichen. Gerade deswegen ist es nur folgerichtig, dass Cécile Wajsbrot ihren siebten ins Deutsche übertragenen Roman Eclipse in ein ebensolches Café versetzt. Nicht nur kommt die ereignisarme Geschäftigkeit der Eigenbrötlerei der namenlosen Erzählerin in ihren späten Dreißigern entgegen. Als Fotografin hat sie zudem ein Faible für alles Überkommene, heißt Fotografieren für sie doch nichts anderes, als "die Gegenwart als Vergangenheit zu bezeichnen".

Ihre Tage verbringt sie allein in dem Café "mit dem hellen Holz", navigiert durch Websites, Musikvideos, Interviews und Konzertmitschnitte. Hört Lieder, mit denen sie Erinnerungen verbindet, und recherchiert die dahinterliegenden Geschichten. In einer beeindruckenden Eröffnungsszene liefert Wajsbrot die eindringliche, gleichwohl enigmatische Schilderung einer Pariser Straßenszene. Nur ganz allmählich begreift der Leser, dass die Autorin hier verschiedene Zeiten und Räume ineinanderfließen lässt, indem sie das gegenwärtige Paris in eine Daguerreotypie des Boulevard du Temple – die wohl erste fotografische Abbildung von Menschen – blendet. Gespenstisch menschenleer nahm Daguerre die Stadt 1838 aus seinem Arbeitszimmer auf, nur ein Schuhputzer und sein Kunde verharrten im städtischen Getümmel lange genug in einer Position, um sich verschwommen auf der Silberplatte einzuprägen.

Dabei kaschieren die geschäftigen, in endlosen Hypotaxen vorgetragenen Surf- und Denkbewegungen vor allem den Trennungsschmerz der Erzählerin. Ihr Liebhaber, "der ungarische Dichter", hat sich in die USA abgesetzt, auch eine Fehlgeburt wird angedeutet. Später tritt dann ein rätselhafter Mann, eine "Inkarnation" des Verflossenen, auf die spärlich möblierte Handlungsebene. Eine Affäre entspinnt sich, aber vor allem nutzt sie ihn als Modell für eine Fotoserie über das Verschwinden eines Mannes: Von Aufnahme zu Aufnahme entfernt sich dessen Rückenansicht vom Kameraauge, bis der Mann gänzlich in die Dunkelheit abtaucht. Und tatsächlich wird auch der Mann während des Fotografierens aus dem Leben der Erzählerin verschwinden, ganz ähnlich den Menschen auf der berühmten Daguerreotypie des Boulevard du Temple. Gleichzeitig bedeutet diese Serie über Verschwinden, Verlust und das Vergehen der Zeit den künstlerischen Durchbruch der Erzählerin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Diesem Verarbeiten und Vergegenwärtigen von Erinnerung durch die künstlerische Arbeit kommt bei Cécile Wajsbrot besondere Bedeutung zu, ist ihr Lebensthema doch die alles vereinnahmende, nie endende Vergangenheit. 1954 als Nachfahrin polnischer Juden geboren, die vor den Nazis nach Frankreich fliehen mussten, mit einem Großvater, der in Auschwitz umgebracht wurde, ist die Allgegenwart der Erinnerung unumgänglich. Mit Romanen wie Der Verrat und Aus der Nacht griff Wajsbrot ihre Familiengeschichte und die daraus resultierende Pflicht zur Erinnerung auf. In Die Köpfe der Hydra thematisierte sie dann den Erinnerungsverlust, der sich über die Alzheimererkrankung ihres Vaters in die Familiengeschichte drängte.

In Eclipse enthält das Ineinanderwirken der Zeitebenen nur noch Spurenelemente dieser schwergewichtigen Erinnerungsarbeit. Hier führt es zu abgeklärter Langmut, einem trägen Dehnen der Zeit, das phasenweise sogar an die essayistische Assemblierprosa eines Thomas Meinecke erinnert, die auf ähnlich lustvolle Weise Assoziationsschleifen zu spinnen weiß. Das funktioniert vielleicht gerade deshalb, weil die Figur vor dem Bildschirm mehr und mehr zum Sittenbild unserer Zeit geworden ist, einer "Zeit des Sich-Entfernens, der Abstände, der Distanzen", wie es im Buch heißt. Wobei Cécile Wajsbrot unseren täglichen Mediengebrauch nicht nur einfängt, sondern auch geschickt adressiert: Immer wieder unterbricht man die Lektüre, um sich in die Denkbewegungen der Fotografin einzuklinken und ein beschriebenes Foto oder einen erwähnten Liedtext zu googeln. Dadurch wuchert dieses schmale Buch zügig aus zu einem veritablen Hypertext mit tausend Anschlussstellen.

Cécile Wajsbrot: Eclips. Aus dem Französischen übersetzt von Nathalie Mälzer; Matthes & Seitz, Berlin 2016; 232 S., 19,90 €