Sie habe lange gezögert, so Simone de Beauvoir, dieses Buch zu schreiben. "Das Thema ist ärgerlich, besonders für die Frauen; außerdem ist es nicht neu", heißt es im Vorwort ihres 1949 in Frankreich erschienenen Werkes Le Deuxième Sexe (deutsch 1951: Das andere Geschlecht).

Heute, dreißig Jahre nach de Beauvoirs Tod, ist ihr Thema tatsächlich nicht neu. Die Ehe muss nicht mehr als Unterdrückungsapparat entlarvt, ein Bewusstsein weiblicher Autonomie nicht erst geweckt und die Tatsache, dass Frauen wie Männer arbeiten gehen, nicht mehr verteidigt werden. Und doch ist der Weckruf aus de Beauvoirs Werk für viele Feministinnen aktuell geblieben und wurde in zahlreichen Debatten um die kulturelle Konstruktion von Geschlechtern (Judith Butler und Co.) immer wieder aktualisiert: Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.

Ein großer Satz. Vielleicht einer der größten Irrtümer.

In der Tat beginnt, wer heute auf die Welt gebracht wird, das Leben zunächst vor allem als neutrales Individuum. Von der Kita bis zum Uni-Abschluss werden Mädchen und Jungen möglichst gleichbehandelt, junge Frauen schreiben mitunter bessere Noten und werden in mühelos erlangten ersten Jobs vielleicht ein bisschen eifriger gefördert als ihre jungen Kollegen. Spätestens danach aber trifft man sich auf einer Art Plateau. Hier, im frühen Erwachsenenleben, mit ähnlichen Einstiegsgehältern, in ähnlichen Jobs und Turnschuhen, bastelt man an ähnlichen Formen der Selbstverwirklichung und fühlt sich dabei gleich. Rollen und Aufgabenverteilung sind keine Frage von Geschlecht, sondern von Charakter, nicht Mann-Frau-Kategorien bestimmen den Blick auf politische Ereignisse, sondern Generationen und Milieus, und mit Geschlechterklischees kann höchstens Mario Barth noch reüssieren. Es ist ein schönes, ein freies Spiel, das den Alltag bestimmt. Das heutige Leben, ein Sieg der Gleichheit.

Wenig überraschend wenden sich vor dieser Kulisse der Egalität die Frauen inzwischen selbst vom Feminismus ab. "Ginge es nach uns", schreibt die ZEIT-Redakteurin Cathrin Gilbert (ZEIT Nr. 13/16) im Namen der um die 30-jährigen Frauen, "könnten wir uns vom Feminismus verabschieden." Etwas rotziger, mittlerweile von der Autorin selbst zurückgenommen, vermeldete Ronja von Rönne im vergangenen Jahr in der Welt: "Als Frau ekelt der Feminismus mich an", denn: "Ich habe selbst einfach noch nie erlebt, dass Frausein ein Nachteil ist."

Frausein ist tatsächlich kein Nachteil mehr. Bis man es wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Simone de Beauvoirs Satz muss umformuliert werden: Man ist als Frau geboren, merkt es lange Zeit nicht – und keine ist darauf vorbereitet, es zu werden.

Der Zeitpunkt der Frauwerdung wird heute so weit wie möglich verschoben. Geschlechtslosigkeit gilt als wünschenswertes Kennzeichen moderner Gesellschaften. Weshalb in der etwas kuriosen Brüderle-Sexismus-Debatte für viele das größte Ärgernis auch darin bestand, "nur" das Bewusstsein für Übergrifflichkeiten zu schärfen, nicht aber die Existenz sexueller Reize aus der Arbeitswelt und dem öffentlichen Raum an sich verbannen zu können. Ein absurder Wunsch, der sich aus einem unerschütterlichen Glauben an die technische und soziale Beherrschbarkeit alles Biologischen speist.

Natur, Körperlichkeit, Geschlechtlichkeit – das sind Kategorien geworden, die sich, so das Versprechen, mit Apps und Pillchen in den Griff kriegen lassen. Hormonpräparate steuern den Körper; wen es im leistungsstarken Alltag beispielsweise nervt, ab und zu schlechte Laune zu haben, kann seine Periode problemlos und dauerhaft unterdrücken. Kein evolutionärer, kein tierischer Drang, sondern der individuelle Entschluss führt dazu, Kinder in die Welt zu setzen. In Kinderwunschkliniken wird ihm entsprochen, die Eizelle eingefroren, der Embryo in einen fremden Körper verpflanzt. Im Alltag wird der Organismus per Smartphone beim Essen, Schlafen, Schritte-Tun observiert. Bedienbar wie eine Maschine, mit Superfoods getunt, bleibt das Biologische stets modellierbar, Sexus interessiert höchstens noch als Ziffer, die den Body-Mass-Index von Mann und Frau unterscheidet.

Der technische Blick auf die Physis hat die Beschäftigung mit ihr zu einer Obsession werden lassen – und gleichzeitig ihre natürlichen Unterschiede, Grenzen und Eigenwilligkeiten verdrängt.