"Sieh doch ihr Haar, ihre Augen, ihren Charme", schwärmte Kaiser Franz Joseph seiner Mutter vor, nachdem er Sisi zum ersten Mal begegnet war. Die Schönheit der späteren Kaiserin Elisabeth galt als legendär, und ein besonderes Merkmal blieb stets ihre knielange wallende Mähne. Die seidige Pracht wurde in stundenlanger Arbeit zu eindrucksvollen Frisuren geflochten und nur alle drei Wochen gewaschen; inklusive Pflegepackungen und Trocknen dauerte diese Prozedur einen ganzen Tag. Das mag extrem erscheinen. Die weibliche Leidenschaft für Haarpflege jedoch scheint universell zu sein, und sie zieht sich durch die Kulturgeschichte der Menschheit.

Aus dem chinesischen Altertum sind Abbildungen kunstvoller Frisuren überliefert. Und als die ersten europäischen Entdecker den afrikanischen Kontinent bereisten, staunten sie über die Vielfalt aufwendiger Flechtarrangements bei den Einwohnerinnen. Offen getragen, gilt Haar seit je als Zeichen von Jugend und erotisches Signal. Evolutionsbiologen vermuten, dass schönes Haar schon immer als Selektionskriterium bei der Partnerwahl gewirkt haben könnte: So ließe sich erklären, warum das menschliche Haupthaar Längen erreicht, die keinen anderen praktischen Zweck erfüllen.

Auch wenn die Moderne den Frauen Freiheiten wie den Kurzhaarschnitt beschert hat – das Getue um den Schopf hält unvermindert an. Rund drei Milliarden Euro geben die Deutschen jedes Jahr für einschlägige Pflegemittel aus, mehr als für jede andere Art von Kosmetika. Um in der Masse der Produkte und Werbeversprechen nicht die Übersicht zu verlieren, sind zwei Tatsachen nützlich zu wissen: Gute Wartung und Pflege können vor Schäden bewahren, reparieren jedoch lässt sich ruiniertes Haar damit nicht. Und auf das Wachstum der Mähne haben Pflegeprodukte gar keinen Einfluss, da müssen andere Mittel ran.

Zwar suggerieren die Hersteller gern, dass man seine Haare mit Kuren "gesundpflegen" könne, doch stumpfes, brüchiges Haar ist in der Wohlstandsgesellschaft nur selten ein Zeichen von Krankheit. Das einzelne Haar besteht aus Millionen fadenförmiger, ineinander verdrehter Eiweißfäden. Diese Keratinfasern sind überaus elastisch und reißfest und von einer Schicht aus dachziegelartig anliegenden Hornschuppen umhüllt. Häufiges Waschen und Stylen, Glätten, Blondieren oder Färben greift diese zarten Schuppen an und mit der Zeit auch die darunterliegenden Fasern. Farbpigmente können sich überhaupt nur anhaften, wenn die eng anliegende Hornschicht durch alkalische Lösungen wie Ammoniak geöffnet wird. Um den Schaden zu begrenzen, offeriert die Kosmetikindustrie ein riesiges Arsenal an Substanzen, das die Haare wieder glätten soll. Tatsächlich können dabei Bruchstücke von Proteinen in die Fasern eindringen und die Haare vorübergehend reißfester machen. Viele moderne Substanzen, etwa Silikonöle oder maßgeschneiderte langkettige Moleküle, glätten die Oberfläche und beugen durch die verminderte Reibung weiteren Schäden vor. Zu den ältesten Haarpflegemitteln der Menschheit gehören pflanzliche Öle – sie bewirken seit je dasselbe.

In den Haaren findet allerdings kein Stoffwechsel statt, sie bestehen aus totem Polymer. Es wäre also irrig zu glauben, dass man sie mit Pflegeprodukten päppeln könnte, die Nährstoffe oder Vitamine enthalten. Ebenso wenig kann man das Haar "ersticken", etwa mit Silikonen, die in Haarkuren stecken. Sie beschweren die Mähne allenfalls.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Auch von "trockenem Haar" kann man nur im übertragenen Sinne sprechen, weil glanzloses Haar optisch an spröde, raue Haut erinnert. "Ein Mittel, das Feuchtigkeit ins Haar brächte, würde es vermutlich schlapp und strähnig aussehen lassen", sagt Franz Wortmann, der an der University of Manchester die Struktur von Haaren und die Wirkung kosmetischer Behandlungen erforscht. Unsere Haarkosmetik sollten wir uns nicht als Heilkur vorstellen, sondern eher wie die sorgsame Pflege von Lederschuhen, die man auf Hochglanz poliert und so haltbarer macht. Die optimale Rezeptur findet jeder am besten durch Ausprobieren – an Inhaltsstoffen lässt sie sich kaum festmachen. Selbst Haarforscher Wortmann vermag seiner Frau und seiner Tochter keine konkreten Tipps zu geben. Wie dick das einzelne Haar ist und wie dicht es auf dem Kopf sprießt, ist genetisch bedingt. Im Alter werden die Haarwurzeln tendenziell schmächtiger, die Haare feiner. Wer allerdings mehr als hundert Stück am Tag verliert, sollte Erkrankungen als Ursache ausschließen lassen. Infrage kämen etwa eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine Syphilis-Infektion, so der Dermatologe Hans Wolff, der die Ursachen von Haarausfall erforscht und am Klinikum der Universität München eine spezielle Sprechstunde unterhält. Auch Medikamente wie der Gerinnungshemmer Heparin können die Haare schütter werden lassen. Darüber hinaus leiden jeder zweite Mann und jede zehnte Frau im Lauf des Lebens an hormonell-anlagebedingtem Haarausfall. Durch eine Überempfindlichkeit greift dann ein Abbauprodukt von Testosteron nach und nach die Wurzeln an, lässt sie verkümmern und absterben.

In dem wuchernden Markt der Haarwuchsmittel findet man immerhin zwei Stoffe, deren Wirksamkeit gegen den erblich bedingten Haarausfall in unabhängigen Studien nachgewiesen wurde. Für Männer ist Finasterid zugelassen, es wird eingenommen. Minoxidil ist für beide Geschlechter geeignet, es wird ein- bis zweimal täglich in die Kopfhaut eingerieben. Frauen können Östrogene einnehmen, allerdings ist hier die Studienlage etwas weniger eindeutig, und der Gebrauch muss wegen der Risiken dieser Mittel gut überlegt sein.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Spezielle Dragees, die vermeintliche Mangelzustände beheben und dem Haar zu mehr Glanz und Fülle verhelfen sollen, sind ebenfalls zu haben. Doch ob sie nun Zink, Selen, Biotin oder andere Spurenelemente enthalten – unabhängige Wirksamkeitsnachweise sucht man vergebens. Mangelerscheinungen, die sich in irgendeiner Weise im Haar manifestieren, sind in reichen Ländern extrem selten. "Da muss man schon im peruanischen Hochland leben und sich ausschließlich von Mais ernähren, bevor man das den Haaren ansieht", sagt Wolff. Die Nahrungsergänzungsmittel seien selbst dann "kompletter Unsinn", wenn Hersteller ihre Wirkung angeblich wissenschaftlich belegt hätten. "Dabei handelt es sich um Pseudostudien, da werden irrelevante Parameter gemessen oder die Probanden mit suggestiven Fragen zu dem gewünschten Ergebnis gedrängt", sagt Wolff, der sich über die Geschäftemacherei ärgert. Den Herstellern spielt die Tatsache in die Hände, dass der Haarwuchs beim Menschen mit den Jahreszeiten variiert und sich oft von selbst normalisiert. Einzig Eisenmangel wird von Medizinern ernsthaft als mögliche Ursache für Haarausfall diskutiert, überzeugende Beweise fehlen aber auch hier noch. Als der australische Dermatologe Rod Sinclair das Blut von 194 Frauen mit diffusem Haarausfall untersuchte, stellte er bloß in zwölf Fällen Eisenmangel fest – und bei keiner der Patientinnen besserte sich der Zustand durch die Einnahme von Eisenpräparaten.

Doch Haare sind nun mal eine emotionale Angelegenheit, und so greifen wir an bad hair days nach jedem Strohhalm, der sich bietet. Kaiserin Elisabeth reagierte beim Anblick ausgefallener Haare jedenfalls mit Jähzorn, obwohl sie ersichtlich keinen Haarausfall hatte. Zwei der Ingredienzien ihrer aufwendigen Pflegepackungen sind immerhin überliefert: die Inhaltsstoffe Eigelb und Cognac. Womöglich stärkte die Kaiserin ihre Haare also mit hydrolisiertem Eiweiß, einer Substanz, die auch in modernen Haarpflegemitteln enthalten ist.