Der Plan klingt abenteuerlich: Um Wölfe zu schützen, schießt man am besten ein paar von ihnen ab. Weniger Tiere verursachen weniger Schäden, und das lässt Schäfer, Bauern und Hundebesitzer ruhiger schlafen. So argumentieren – mäßig überraschend – viele Jäger. Aber auch Naturschutzbehörden, etwa in den USA, Finnland oder Lettland, finden Gefallen an der Idee.

Es ist fast zwei Monate her, da wurde in Niedersachsen ein Wolf seinem Revier "letal entnommen", also von einem Polizisten mit einem Präzisionsgewehr erschossen. Der junge Rüde, der sich nicht dagegen wehren konnte, dass ihm der grenzdebile Spitzname Kurti verpasst wurde, verhielt sich nicht so, wie man es von einem integrationsbereiten Wolf erwarten würde. Statt sich menschenscheu zu zeigen, wurde er beschuldigt, eine Frau mit Kinderwagen verfolgt und einem Retriever-Mischling ins Hinterteil gebissen zu haben.

Zu diesem Fall passt eine aktuelle Studie aus den Proceedings of the Royal Society B. Sie stammt von Adrian Treves von der University of Wisconsin und Guillaume Chapron von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften. Sie haben untersucht, ob Jagdquoten für Wölfe tatsächlich die illegale Jagd reduzieren. Gehen verbotene Abschüsse wirklich zurück? Beruhigt der Blutzoll die Gemüter?

Die Autoren hatten sich die Wolfspopulationen in den beiden US-Bundesstaaten Michigan und Wisconsin angeschaut. Hier fielen in den vergangenen Jahren immer wieder unterschiedliche Entscheidungen über den Schutzstatus der Tiere. Für die Forscher war das ein Glücksfall, denn sie konnten ihre Frage in einem Quasi-Experiment untersuchen. Ihr Fazit: Nimmt eine Behörde einen Teil der Tiere vom Schutz aus, etwa indem sie eine Quote auslobt oder selbst einen Teil der Population schießt, werden mehr Tiere gewildert als zuvor. Offenbar signalisiert die Entscheidung, dass die Wölfe weniger wert seien und deshalb ihr Schutz weniger energisch durchgesetzt werde.

"Sie haben mit einem Modell gearbeitet, und die Tiere, deren Verlust auf Wilderei zurückgeführt wird, wurden nicht gezählt, sondern die Größe der Bestände wurde geschätzt", sagt die Expertin Sandra Balzer, die beim Bundesamt für Naturschutz für Artenschutz zuständig ist. Trotzdem glaubt sie, dass die Studie die Forderung der Naturschützer unterstützt, den Wolf nicht zu bejagen. "Als Managementmaßnahme ist die Jagd nicht geeignet", sagt sie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Ähnlich sieht das Markus Bathen vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu), einer der größten Wolfsfürsprecher des Landes: "Mich hat die Studie überhaupt nicht überrascht, und ich glaube, dass man die Ergebnisse sehr gut auf Deutschland übertragen kann." Das Argument, dass Quoten eine bestimmte Klientel vom Wildern abhalten könne, hält er für obsolet: "Ich spreche seit zehn Jahren mit den Leuten, und es gibt eine kleine Gruppe radikaler Jäger, die bereit ist, den Wolf zu schießen, obwohl er durch nationale und internationale Gesetze so streng geschützt ist." Wer in Kauf nehme, für einen toten Wolf ins Gefängnis zu gehen, ließe sich auch von Quoten nicht beruhigen.

Auch in Deutschland werden regelmäßig Wölfe illegal geschossen oder absichtlich überfahren. Von 18 solcher Fälle weiß das Bundesamt für Naturschutz. Wie viele es wirklich sind, kann niemand sagen. Die drei S – für: Schießen, Schaufeln, Schweigen – sind eine ziemlich gute Taktik, um unerkannt mit einer solchen Straftat davonzukommen. "Leider wissen wir im Prinzip überhaupt nicht, welche Rolle die Wilderei bei uns für den Wolf spielt", sagt Robert Kless vom IFAW (International Fund for Animal Welfare), und auch sein Nabu-Kollege Bathen will gar nicht erst mutmaßen, wie hoch das wahre Ausmaß der Abschüsse sein könnte. Eines halten beide immerhin für plausibel: Illegales Töten könne Wölfe davon abhalten, sich im Norden Brandenburgs und in Mecklenburg-Vorpommern anzusiedeln. Wenn sie recht hätten, wäre das ein echter Rückschlag für das Land, das die tierischen Neubürger bisher meist recht freundlich empfangen hat.