DIE ZEIT: Herr Börner, Sie und Ihr Kollege Torsten Eckold arbeiten mit Jugendlichen in der Thüringer Jugendarrestanstalt in Arnstadt, wo auch die Bilder auf diesen Seiten entstanden sind. Warum landen die Jugendlichen üblicherweise im Arrest?

Daniel Börner: Viele von ihnen sind klassische Schulschwänzer, sind schwarzgefahren und haben die Strafe nicht gezahlt, Sozialstunden nicht geleistet oder haben zu viele Ordnungswidrigkeiten angehäuft. Doch es sind auch Leute dabei, die Straftaten begangen haben – Drogen- und Gewaltdelikte etwa, selten mal Delikte mit fremdenfeindlichem Hintergrund.

ZEIT: Wie würden Sie die Atmosphäre dort beschreiben?

Börner: Der Jugendarrest ist in einem schicken neuen Gebäude auf der grünen Wiese etwas außerhalb der Stadt untergebracht. Die Zimmer heißen nicht Zellen, sondern Arresträume und sind nach heutigen Standards eingerichtet, mit eigener Nasszelle. Manche Besucher sagen, das wirke hier wie eine Jugendherberge, nur mit Mauern und Gittern drum herum.

ZEIT: Wie sehen die Jugendlichen das?

Börner: Einige behaupten, es sei dort schöner als zu Hause. Das trifft uns immer sehr hart. In der Regel sind die Jugendlichen nicht in einem Elternhaus aufgewachsen, das ihnen dabei hilft, Konflikte zu lösen. Sie haben einen niedrigen Bildungsstand, was nicht heißen soll, dass sie dumm sind. Im Arrest werden die Grundbedürfnisse erfüllt: Es ist trocken, es ist warm, es gibt Essen. Und nach dem ersten Schock, dort eingesperrt zu sein, gewöhnen sich die Jugendlichen an den Rhythmus und die Regularien. Das beginnt ganz trivial mit dem pünktlichen Aufstehen, gefolgt von Frühsport, kleineren Reinigungsaufgaben, gemeinsamen Mahlzeiten.

ZEIT: Die Bilder vermitteln den Eindruck, als würde auch viel Zeit totgeschlagen.

Börner: Man könnte schon sagen, dass die Zeit dort "leer" ist. Der Jugendarrest gilt, so das alte Vokabular des Gesetzestextes, als "Zuchtmittel". Man soll über seine Taten nachdenken und zur Besinnung kommen, mit möglichst wenigen äußeren Einflüssen und Ablenkungen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

ZEIT: Handys, Fernseher, Zigaretten und Alkohol sind verboten.

Börner: Genau. Das wird oft als massive Einschränkung empfunden. Wir hören Sprüche von Jugendlichen, dass drei Wochen Jugendarrest härter seien als drei Monate Knast. Dort könne man wenigstens rauchen und Fernsehen gucken. Wenn wir dann sagen: "Drei Monate sind doch viel länger!", kommt als Antwort: "Na und? Draußen ist es auch nicht besser." Leider sehen die Jugendlichen ihr Leben oftmals als so verfahren an, dass der Qualitätsunterschied zwischen drinnen und draußen gar nicht mehr gegeben ist für sie.

ZEIT: Diese Jugendlichen wollen Sie ausgerechnet mit Projekten zur DDR-Geschichte und zur Demokratie erreichen. Warum diese Themen?

Börner: Weil die Jugendlichen sehr verunsichert über ihre Stellung in der Gesellschaft sind.

ZEIT: Da hilft es, sie mit politischen Inhalten zu konfrontieren?

Börner: Jemand, der noch 800 Sozialstunden offen hat, frustriert ist und allenfalls einen Hilfsjob in Aussicht hat, lacht vielleicht erst mal, wenn wir ihm etwas über die Schönheit freier Meinungsäußerung und demokratischer Wahlen erzählen. Natürlich ist das ein großer Gegensatz. Den müssen wir aushalten und wirklich auf den Einzelnen eingehen.

ZEIT: Wie gelingt Ihnen das?

Börner: Zunächst ist wichtig, dass wir von außen kommen. Die Jugendlichen können sich auf unsere Verschwiegenheit verlassen. Unser Projekt umfasst eine Woche, fünf bis sechs Stunden am Tag. Wir beginnen es ohne festgelegte Themen und passen es auf die Bedürfnisse der Teilnehmer an. Falls sich etwa viele in der Gruppe für Musik interessieren, nutzen wir das als Anknüpfungspunkt. Im weiteren Verlauf geht es uns darum, die Jugendlichen für politische Fragen zu sensibilisieren und mit ihnen über das aktuelle Geschehen und ihre eigene Rolle ins Gespräch zu kommen. Dafür greifen wir auch auf historische Ereignisse zurück.