Es sollte eigentlich ein Tag der Freude sein. Doch je näher ihr 70. Geburtstag rückt, desto beklommener wird Reinhild Krüger ums Herz: Muss sie die Enkelkinder wieder ausladen? Oder soll sie das Risiko eingehen?

Reinhild Krügers Tochter Marlene* leidet seit Langem an Leukämie, an Blutkrebs. Die 30-Jährige lebt noch immer bei den Eltern, kann sich nicht allein versorgen, muss immer wieder Rückschläge verkraften. Deshalb geben alle auf sie Acht. Auch ihr Bruder hat sich aufopferungsvoll um sie gekümmert. Doch jetzt hat er es satt, immer Rücksicht nehmen zu müssen. Er ist Vater zweier kleiner Kinder, die er nicht gegen Masern impfen lassen will. Das ist der Kern des Konflikts. Denn was, wenn die Kinder das Masernvirus zum Geburtstag ins Haus schleppen und Marlene infizieren? Und was, wenn das geschwächte Immunsystem der Krebskranken die Attacke nicht verkraftet?

Der Streit treibt die Großmutter Reinhild um. Nach Jahren des Kampfes um ihre Tochter spürt sie: Ich bin am Ende meiner Kraft. Vor die Wahl gestellt, die Tochter zu gefährden oder den Familienfrieden zu riskieren, weiß sie nicht mehr weiter. Deshalb hat sie nun professionelle Hilfe geholt.

Frank Schulz-Kindermann, der das Drama abwenden soll, ist Psychoonkologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und spezialisiert auf den Umgang mit Krebskranken. Häufig erlebt er, dass in den Familien der Patienten derartige Konflikte aufbrechen. Nicht bloß die Kranken leiden, auch ihre Eltern, Geschwister, Partner sind enormen Belastungen ausgesetzt. "Es geht ihnen seelisch oft genauso schlecht wie den Patienten, häufig sogar deutlich schlechter", sagt Schulz-Kindermann. Und dann kommt der Punkt, an dem keiner mehr kann.

Trotzdem ist von den Problemen der Angehörigen fast nie die Rede. Menschen wie Reinhild Krüger gelten als die Gesunden: Sie sind die Starken im Hintergrund, die sich um alles kümmern, die Trost spenden, Mut machen, den Papierkram erledigen, kochen und im Notfall Erste Hilfe leisten. Es sind die Angehörigen von Krebspatienten oder psychisch Kranken, von pflegebedürftigen oder dementen Menschen, die neben ihrer täglichen Arbeit oft noch einen 24-Stunden-Pflegejob leisten – und die irgendwann selbst Hilfe brauchen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Auf Dauer sind sie einem erheblichen Risiko ausgesetzt. Das Heer "unsichtbarer Patienten" nennt der Mediziner Ronald Adelman von der Cornell University in New York die Angehörigen. Und das Heer wächst. In dem Maße, in dem die Zahl chronisch Kranker steigt und Kliniken ihre Patienten früher nach Hause entlassen, müssen Angehörige zunehmend jene Pflege leisten, die einmal Aufgabe des Krankenhauspersonals war. "Das löst bei vielen Zerrissenheit aus", sagt Susanne Weg-Remers, die Leiterin des Krebsinformationsdienstes in Heidelberg. "Was von Angehörigen erwartet wird, steht in krassem Kontrast zu der geringen Aufmerksamkeit, die sie im Gesundheitssystem erhalten."

Familie Krüger führt seit 14 Jahren ein Leben im Ausnahmezustand: Die Tochter Marlene erhielt 2002 eine Knochenmarktransplantation, doch die Immunzellen des Spenders und ihr eigener Körper bekämpfen einander bis heute. Viele Hundert Tage verbrachte Marlene im Krankenhaus, Mutter Reinhild immer an ihrer Seite: "Wir sind froh über jeden Tag, an dem keine Katastrophe passiert." Zu Hause kochte sie etliche Diäten und musste mit blutendem Herzen zusehen, wie die Tochter alles wieder erbrach. Wer kann das ertragen? Und wie lange?

In der Fachwelt wird das Leid der Angehörigen nun mehr und mehr wahrgenommen. Es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, eine neue Sichtweise, die abrückt von der asymmetrischen Vorstellung, dass einer immerzu gibt und der andere nur empfängt. "Kranker und Angehöriger leiden beide, doch weil auch beide Ressourcen haben, können sie die Defizite, Ängste und Überforderungsgefühle des anderen oft ausgleichen", sagt Guy Bodenmann, Stressforscher an der Universität Zürich.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Wie wichtig der soziale Beistand ist, zeigen zahlreiche Studien: Wer auf die Unterstützung von Ehepartnern, Freunden oder Verwandten zählen kann, lebt gesünder und hat bessere Chancen auf Genesung. So ermittelte etwa ein Team um die US-Psychologin Julianne Holt-Lunstad in einer großen Metaanalyse, dass bei Menschen, die sich im Familien- oder Freundeskreis gut aufgehoben fühlen, das Sterblichkeitsrisiko um 50 Prozent geringer ist als bei Alleinstehenden. Soziale Nähe ist demnach überlebenswichtiger als Sport oder eine ausgewogene Ernährung. Im April 2016 wies eine Studie im Fachmagazin Cancer nach, dass verheiratete Krebskranke eher überleben als alleinstehende. Andere Untersuchungen zeigen, dass Patienten nach Operationen weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie sich auf den intensiven Beistand ihrer Liebsten verlassen können. Einer Studie des britischen Psychologen Robin Dunbar zufolge lässt schon gemeinsames Lachen Schmerzen weniger stark erscheinen.

Kaum etwas ist für uns so bedeutsam wie die Gedanken, Gefühle und Stimmungen unserer Mitmenschen. Wir streben nach sozialer "Resonanz". Besonders in Extremsituationen sind Bindungen die wichtigste Quelle der Kraft und der Hoffnung.