Alexander Gauland sitzt in einem kargen Konferenzraum des Potsdamer Landtags und schaut mürrisch auf einen schwarzen Laptop-Bildschirm. Ein Mitarbeiter wuselt um ihn herum, bis der Computer endlich macht, was er soll. "Wir haben es gleich, Herr Gauland." Plötzlich wirft ein Beamer in Überlebensgröße das Bild von Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, an die Konferenzraumwand. Sternberg sitzt am anderen Ende der Republik in seinem Düsseldorfer Landtagsbüro und lächelt. Neben seinem Kopf hängt unübersehbar ein Kreuz an der Wand.

Christ+Welt: Herr Sternberg, Herr Gauland, Sie sind jetzt per Skype miteinander verbunden. Reicht Ihnen das als Sicherheitsabstand?

Thomas Sternberg: Können Sie mich sehen?

Alexander Gauland: Jetzt ja. Guten Tag.

Sternberg: Also, guten Tag – ich glaube nicht, dass wir einen Sicherheitsabstand brauchen.

Gauland: Das würde ich auch sagen. Wir sind doch zivilisierte Menschen.

C+W: Wir fragen das, Herr Sternberg, weil Sie sich offenbar nicht so gern mit Leuten wie Herrn Gauland sehen lassen. Die AfD wurde vom Katholikentag in Leipzig ausgeladen.

Sternberg: Um genau zu sein, haben wir die AfD-Sprecherin Frauke Petry zu einer Podiumsdiskussion nicht eingeladen. Die Redner auf den Podien des Katholikentags werden nach ihrer Qualifikation für das jeweilige Thema ausgewählt. Wir haben nicht aus politischen Gründen entschieden oder weil wir Angst vor einer Debatte hätten, sondern aus einer menschlichen Haltung heraus.

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C+W: Die da wäre?

Sternberg: Als wir die Entscheidung vor ein paar Monaten getroffen haben, waren Hunderttausende katholische Männer und Frauen in Deutschland in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Von der AfD, insbesondere von Frau Petry, hörte man gleichzeitig drastische Aussagen über Asylbewerber und Flüchtlinge, ich sage nur: Schießbefehl. Solchen Sätzen wollten wir kein Podium bieten, wir wollten der AfD nicht noch helfen, solche Thesen zu vertreten. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Entscheidung so viel Gegenwehr auslöst.

Gauland: Ich schon.

C+W: Herr Gauland, es gibt Menschen, die sagen: Ein größeres Geschenk, als die AfD von solchen Debatten auszuladen, könne man ihr nicht machen.

Gauland: Das stimmt auch. Ich kann Herrn Sternberg fast danken für seine Entscheidung. Ausgrenzungen haben uns immer nur stärker gemacht. Solche Ausladungen führen dazu, dass Leute, die bislang unentschieden waren, sagen: Ach, wenn die alle solche Angst vor der AfD haben, hat diese Partei vermutlich ja doch einen Punkt getroffen. So einen simplen Fehler hätte ich dem Katholikentag nicht zugetraut.

Sternberg: Ich verstehe schon, dass man das kritisch sehen kann. Aber das war kein politisches Kalkül von uns, sondern eine Entscheidung aus unserem christlichen Selbstverständnis heraus: Auf dem Katholikentag haben menschenverachtende Positionen keinen Platz.

C+W: Die evangelische Kirche hat mehr Mut bewiesen als Sie, Herr Sternberg. Sie verkündete gerade, AfD-Mitglieder nicht vom Evangelischen Kirchentag ausschließen zu wollen.

Sternberg: Ich kann dazu nur sagen, dass die Entscheidung des Evangelischen Kirchentages erst vor wenigen Wochen gefallen ist, in einem anderen gesellschaftlichen Klima als noch vor Monaten, als wir über diese Frage nachzudenken hatten. Im Übrigen sind alle Menschen eingeladen, den Katholikentag zu besuchen und sich in die Debatten einzubringen – auch Wähler der AfD.

C+W: Sie, Herr Gauland, müssen sich wiederum fragen lassen, ob Sie ernsthaft mit der Kirche diskutieren möchten. Eine Thüringer AfD-Repräsentantin hat die Funktionsträger der Kirche als "verrottet" bezeichnet. Und in Erfurt hörte man auf AfD-Demos Rufe wie: "Hängt dem Pfaffen seine Eier an die Gloriosa", an die Domglocke also. Klingt das für Sie nach einer Aufforderung zum Dialog?"

Gauland: Ich kenne diese Aussagen nicht. Wenn sie so gefallen sind, ist das sicher nicht sehr gewählt formuliert. Aber da waren Menschen offenbar wütend. Sie müssen sich den Hintergrund ansehen: In Erfurt und Köln haben die Bischöfe während unserer Demonstrationen die Beleuchtung des Domes ausgeknipst …

C+W: … um der AfD keine Kulisse zu liefern für ihre Demo, wie es hieß.

Gauland: Das war der Versuch, uns mundtot zu machen – und er führt zur Ausgrenzung unserer Wähler, eines großen Teils der Bevölkerung also. Ist es das, was die Kirche will? Die Kirche soll ihre Positionen vertreten, wir vertreten unsere. Aber das Domlicht auszuschalten, das ist feige.

Sternberg: Ich kenne den Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr. Der geht keinem Streit mit der AfD aus dem Weg. Hier ging es ihm richtigerweise darum, zu zeigen, dass die fremdenfeindlichen Parolen dieser Demonstration nicht mit den Grundauffassungen des christlichen Denkens übereinstimmen.

C+W: Herr Gauland, würden Sie Herrn Sternberg, den wichtigsten Vertreter der katholischen Laien, als "verrottet" bezeichnen?

Gauland: Ich kenne Herrn Sternberg zu wenig. "Verrottet" ist eine Vokabel, die man in der politischen Auseinandersetzung benutzen kann. Ob ich sie benutzen würde, ist eine andere Frage. Jürgen Trittin hat mich über seinen Anwalt mal als "rechtsradikalen Hetzer" bezeichnet, und ich musste das auch hinnehmen. Ein Bischof, der den Dom verdunkelt, muss mit Gegenwind zurechtkommen.

C+W: Finden Sie, dass die AfD eine unchristliche Partei ist, Herr Sternberg?

Sternberg: Ja, absolut, in vielen Punkten. In der Frage, wie wir mit Flüchtlingen umgehen sollen, berühren wir Grundfesten christlicher Existenz und christlichen Denkens. Menschen auf ihre nationale oder religiöse Zugehörigkeit zu reduzieren, das ist unchristlich. Ich lese das AfD-Programm und finde Ressentiments an jeder Ecke.

Gauland: Ich bitte Sie. Das Programm der AfD ist weder antichristlich noch fremdenfeindlich. Die Eliten dieses Landes, vorneweg die Bundeskanzlerin, haben eine Million Menschen ins Land gelassen, ohne vorher die Bevölkerung zu fragen. Ich sage: Ein Staat kann an so etwas zerbrechen. Denen, die diese Million nicht haben wollen, haben wir eine Stimme gegeben. Das hat mit Ressentiments nichts zu tun. Es ist nicht möglich, dass wir, wie es die christliche Botschaft angeblich verheißt, alle Menschen aufnehmen.

C+W: Stellt sich die AfD an diesem Punkt gegen die Kirchen?

Gauland: Wenn diese Flüchtlingspolitik das Programm der Kirchen ist – dann gebe ich offen zu: Ich bekämpfe das Programm der Kirchen. Ich will nicht, dass der Staat zugrunde geht. Die Kirchen versuchen, den Staat zu manipulieren.

Sternberg: Herr Gauland, wir Katholiken haben nie gefordert, dass alle Menschen beliebig nach Deutschland kommen sollten. Das hat auch die Kanzlerin nie getan. Das Christentum sagt ganz klar, dass "der Fremde in deinen Toren" wie ein Einheimischer zu gelten hat. Das steht im Alten Testament. Und im Neuen Testament steht: "Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen." Das ist eine christliche Botschaft. Entweder Sie beachten sie, oder Sie schreiben das Christentum nicht in Ihr Parteiprogramm.

Gauland: Das tun wir nicht.

Sternberg: Das Programm der AfD sagt schon in der Präambel: Ihr Fundament sei die abendländische und christliche Kultur.

C+W: Wieso, Herr Gauland, bezieht sich die AfD denn aufs christliche Abendland, will aber partout nicht christlich sein?

Gauland: Wir sind keine christliche Partei. Wir sind eine deutsche Partei, die sich bemüht, deutsche Interessen wahrzunehmen. Die Grundfesten unserer Nation liegen nun einmal in einer christlichen Tradition.

C+W: Aber welche Werte des Abendlandes vertritt die AfD, wenn Barmherzigkeit und Nächstenliebe nicht dazugehören?

Gauland: Ich bin sehr skeptisch gegenüber Begriffen wie den Werten des christlichen Abendlandes. Wir verteidigen eine kulturelle Tradition gegen eine raumfremde Einwanderung, und diese raumfremde Einwanderung geht vom Islam aus.

Sternberg: Schon die Worte, die Sie da verwenden!

Gauland: Wir verteidigen nicht das Christentum, sondern das traditionelle Lebensgefühl in Deutschland, das traditionelle Heimatgefühl. Es gibt übrigens viele Christen in der AfD. Und es gibt, wie ich gehört habe, sogar Muslims in unserer Partei.

C+W: Würden Sie denn das Wort "Abendland" verwenden?

Gauland: In Abgrenzung zum Islam, ja. Mit dem Sieg über die Türken vor Wien 1683 haben wir eine klare Trennung zwischen dem Abendland und den osmanisch-muslimisch besetzten Territorien bekommen. Das kann man schon so sagen.

C+W: Sind Sie denn ein gläubiger Mensch, Herr Gauland?

Gauland: Nein, das bin ich nicht. Es gibt eine unaufgeräumte Ecke in meiner Seele, mit der ich mich wahrscheinlich kurz vor meinem Tode auseinandersetzen werde. Aber ich bin nicht gläubig. Ich bin vielleicht so etwas wie ein Kulturchrist.

C+W: Was heißt das?