Wenn Louis Thomas Hardin noch lebte, dann würde er an einem Tisch sitzen, sein neuestes Werk in Braille-Schrift notieren, und ein Orchester spielte in seinem Kopf. Wie jeden Tag, wie immer perfekt, jeder Ton sitzt. Vielleicht würde er noch eine Piano-Melodie in den Rechner schicken, um ganz unaufgeregt sein Belcanto darüberzulegen. Musik von einer verwirrenden Schönheit, die schon Leonard Bernstein, Paul McCartney und Philip Glass bezirzt hat.

Zum 100. Geburtstag von Hardin, der am 26. Mai 1916 in Kansas zur Welt kam, will jetzt sein großes Klang-Vermächtnis neu entdeckt werden. An die 1.500 Werke hat der Amerikaner unter seinem Nom de Guerre Moondog komponiert, viele davon schlummern noch unaufgeführt in den Archiven, und jene, die ihre Kreise schon länger in unserem Schallplatten-Universum ziehen, klingen so gegenwärtig, als wären sie erst gerade ersonnen worden. Musikwissenschaftler haben seine Aufnahmen analysiert und unter Klassik und Jazz rubriziert, in Moondogs Madrigalen, Chaconnes und Rounds hören wir aber längst auch einen Propheten des Pop. Einen Cross-over-Künstler, der seine Musik selbst "remixte", einen erklärten Outlaw und Kommerzkritiker, einen Mikrophilosophen und Maximalarbeiter, einen Erlöser und Tröster vor dem Herrn.

Moondog erinnert daran, dass im postmodernen Pastiche des Pop jahrhundertealte Kompositionstechniken Teil der Gegenwart sein können. Seine schönsten Songs möchte man auf der Stelle Thom Yorke von Radiohead schenken, damit er sein Weltleiden in den fein geschwungenen Harmoniespiralen endlich auflösen kann. All Is Loneliness und Why Spend the Dark Night With You im Mantra eines Yorke, Selbstversunkenheit und Katharsis könnten kaum vorbildlicher zusammenkommen. Moondogs polyrhythmische Finessen gereichten jedem R&B-Hit zur Ehre, seine von der nordischen Mythologie inspirierten Couplets bieten Stoff für 1.000 Heavy-Metal-Epen. Aktueller war Moondog nie.

Darüber gerät beinahe in Vergessenheit, dass die Uraufführung seiner Musik schon vor mehr als 60 Jahren an einer Straßenecke im New York der Bebop-Ära stattfand. Dort lernten seine Melodien, im Kreis zu tanzen, wie von Geisterhand durch den Big-City-Lärm dirigiert. Dazu ein Bild, das Teil der New-York-Folklore werden sollte: der Zwei-Meter-Mann Moondog, der sich in der Hippie-Ära als Wikinger mit Speer, Lederwams und Hörnerhelm neu erfand. Die Gegenkultur der Sixties sah einen Verbündeten in Moondog, doch Moondog verbündete sich lieber mit seinen Helden aus vorchristlicher Zeit.

Wie einer, der aus einem langen Märchenschlaf erwacht ist, tritt Moondog jetzt in dem Doku-Film The Viking of 6th Avenue vor uns, mit seinen selbst gebauten Instrumenten Trimba (Trommel) und Oo (Zither) und ein paar weise dahingeworfenen Worten – Pop-Kintopp für die digitale Gemeinde, die nach dem Zauber im Analogen giert. Sein Leben wirkt wie eine Wikingersaga, die kein Mystery-Autor besser hätte erfinden können: Im Alter von 16 verliert Moondog sein Augenlicht beim Spielen mit einer Sprengkapsel. Er studiert Musik an einer Blindenschule, lernt dort Geige, Klavier und Kirchenorgel spielen, findet sich bald on the road und am Ende seiner Hobozeit in Manhattan wieder. Das ist der eigentliche Beginn einer Geschichte, die den Sohn eines Wanderpredigers eines Tages auch in die Fußgängerzonen der deutschen Provinz katapultieren wird. New York, Recklinghausen, Oer-Erkenschwick oder Münster (wo er 1999 starb): Gleich, welchen Ort Moondog auf seiner Odyssee besetzte, er komponierte überall und in einem fort, so wird erzählt. "Tok-tok-tok-tok-tok" ging das dann mitten in der Nacht – an seinem Finger trug er ein Leder mit einem Nagel dran, und mit dem Nagel schrieb er seine Kompositionen.

Reportern sang Moondog schon einmal ein gedehntes "Oooooouuuüuiiiii" vor, und beim "i" jubelte er ob des unschätzbaren Fundes: Er habe seine Art von Gott im neunten Oberton entdeckt, und damit Plan und Struktur des Kosmos. Von diesem Ton lässt sich die Musik des blinden Amerikaners bis zur Sonnentanztrommel zurückverfolgen, die er angeblich als Kind in den zwanziger Jahren auf dem Schoße des Häuptlings Yellow Calf bei den Arapaho-Indianern schlug. Frühkindliches Synkopentraining mit sogenanntem Running und Walking Beat. Mehr als drei Jahrzehnte später hat Moondog mit seiner Band Honking Geese diese Beats full speed wieder zum Leben erweckt – in Rabbit Hop, einem seiner berühmten Stücke. Er legte den Punk im Bebop frei, als der Rock ’n’ Roll nebenan gerade durch den Geburtskanal strampelte. Er war seiner Zeit voraus, spielte ihr im selben Moment hinterher und ließ die miefige Unterscheidung zwischen E und U in transzendentalen Klangreihen hinter sich. Als disziplinierter Komponist arbeitete Moondog streng mit dem klassischen Kontrapunkt, als Kind von Swing und Latin suchte er den Jive der Neuen Welt, und als Troubadour barock verspielter Melodien verschränkte er beides mit der Unerschrockenheit des Alchimisten.

Wo so viel zusammenfällt, entstehen Vexierbilder für Interpretation und Exegese. Die einen erkannten in Moondog einen Erfinder der Minimal Music, die anderen feierten ihn als Wegbereiter des Ambient. Wer möchte, darf in seinen frühen street recordings Vorläufer für die Interferenztechniken im Elektropop der Gegenwart entdecken: wie die Tonschwingungen aus seinen archaischen Klangerzeugern sich mit dem Tuten eines Nebelhorns, dem Bellen eines Hundes oder dem allgemeinen Verkehrsrauschen ganz Lo-Fi mischen. So entstehen kleine Spukmusiken, die von der Gegenwart in der Vergangenheit erzählen. Die Zukunft ließ Moondog immer ganz offen. Sie würde ihn eines Tages zu einem großen Orchester tragen, mit dem er einige seiner Straßenlieder in rauschhafte Epen verwandelte. Oder in das Studio des Düsseldorfer Elektronikers Andi Toma, bekannt als ein Teil des Duos Mouse On Mars. Mit ihm nahm er Anfang der neunziger Jahre seine erste samplebasierte Platte auf.

Moondogs Formel für den göttlichen Ton suchte sich über die Jahrzehnte wechselnde Hüllen, der sanfte Primitivismus der fünfziger und sechziger Jahre machte später großen Sound-Sagen und an der europäischen Klassik geschulten Werken Platz, aus denen dann bisweilen verschwörerische Welttheorien und krude Mini-Singspiele wuchsen. Und sein Werk wächst immer weiter, in Samples und Coverversionen, in den Interpretationen des Schülers Stefan Lakatos oder den furiosen Anverwandlungen der Band Hobocombo. Wenn Louis Thomas Hardin noch unter uns wäre, würde er feststellen müssen, dass ihm zwei Leben nicht gereicht hätten, um all seine Musik auf die Bühne zu bringen.