Kürzlich knallte es wieder mal an einer Schweizer Universität. Diesmal in Bern. Im vergangenen Herbst wollte das Historische Institut einen neuen Lehrstuhl besetzen. 120 Bewerber meldeten sich auf die Stellenausschreibung. Fünf Kandidaten waren bereits in der engeren Auswahl. Doch dann stoppte die Uni-Leitung plötzlich das Auswahlverfahren. Ein Formfehler, hieß es.

In der Öffentlichkeit war man sich indessen sicher: Es ging um den Pass der Bewerber. Die fünf Kandidaten kamen allesamt aus Deutschland – und kein einziger aus der Schweiz.

Deutsche Professoren haben in der Schweiz einen schweren Stand. "Die Germanen kommen", titelte die Tageszeitung Der Bund. Von "Invasoren" schrieb der Beobachter. Die Deutschen haben die längeren Publikationslisten als ihre Schweizer Kollegen, sie werden ein paar Jahre früher Privatdozent; das zeigt ein Blick in die Statistik. Kurzum: Sie sind harte Konkurrenz. Und das mögen die Schweizer nicht. Aber auf die Deutschen verzichten, das könnte sich keine Hochschule leisten. So stammen an der Uni Zürich mehr als ein Drittel der Professoren aus Deutschland, in Basel sind es gar über 40 Prozent.

In Österreich ist es ähnlich: Die Studenten schimpft man Numerus-clausus-Flüchtlinge, weil sie angeblich alle zu Hause keinen Studienplatz ergattern konnten. Und das wissenschaftliche Personal wird oft schief angesehen. Stefan Hopmann etwa, der aus Göttingen kommt und als Professor am Institut für Bildungswissenschaft an der Uni Wien arbeitet, sagt: "Als ich einmal in eine österreichische Kommission berufen wurde, hat mich ein Kollege angebrüllt: Ich müsse einem Österreicher den Vorzug geben." Als er sich vor 14 Jahren in der Donau-Metropole bewarb, ging er nicht davon aus, die Stelle zu bekommen. "Österreich hatte den Ruf, Österreicher einzustellen", sagt er.

Mittlerweile ist die Zahl der deutschen Professoren an den Unis von Wien bis Salzburg, von Innsbruck bis Graz stark angestiegen. Im Jahr 2014 kamen von 238 Berufungen 66 von deutschen Universitäten, 62 aus anderen Ländern. So viele Fremde bringen nicht nur die Medien, sondern auch die Politiker aus dem Konzept. Die Universität Innsbruck sei schon fast eine deutsche Hochschule, klagte einst der frühere Wissenschaftsminister Erhard Busek. Karlheinz Töchterle, einer seiner Nachfolger, winkt düpiert ab, wenn er das Gerede über die angebliche Germanisierung hört. Die Klagen über deutsche Kollegen hält der Professor für Klassische Philologie an der Universität Innsbruck für eine wehleidige Jammerei. Natürlich seien die Mentalitätsunterschiede gewaltig, "und im Umgang miteinander kann es, wenn sich Gruppen nach Nationalitäten bilden, auch Konflikte geben". Aber die "Germanisierung" sei doch auch ein Glück für Österreich – damit würden seine Hochschulen endlich internationaler.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

An den Donau-Akademien ging es nämlich lange Jahrzehnte recht gemütlich zu. "Während der Leistungsdruck auf den Mittelbau in Deutschland zunahm, konnte man hier den Professorentitel tragen, ohne je berufen zu werden", erzählt Töchterle. Eine Habilitation genügte. Will heißen: In Österreich konnte ein Wissenschaftler jahrzehntelang lehren und forschen, wie er wollte. Mit der Sicherheit und dem Zahltag eines Staatsbeamten. Doch wer sich nicht nur für die eigene Karriere, den eigenen Lehrstuhl, die eigene Fakultät oder die eigene Uni interessiere, sagt Töchterle, der sehe: "Es ist ein großer Vorteil, so starke Wissenschaftsnationen wie Deutschland und die Schweiz als Nachbarn zu haben. Bei Berufungen kann man aus dem Vollen schöpfen."