Früher ist sie Ski gefahren und getaucht. Gabriele Lühmann war eine sportliche Frau. Heute ist die 54-Jährige froh, wenn sie es auf ihren Elektroroller schafft. Mit ihren Beinen kann sie sich nur noch hinkend fortbewegen. Zur Linderung ihrer Schmerzen nimmt sie Opiate. "Die Lebensqualität ist nicht mehr da", sagt die Berufsschullehrerin aus Hamburg lapidar.

Künstliche Hüftgelenke sind in Deutschland eigentlich Normalität. Jährlich werden hierzulande um die 200.000 davon eingesetzt. Etwa 15 bis 20 Jahre hält ein Implantat, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. Aber im harten Wettbewerb kommen auch Modelle auf den Markt, die enormen Schaden anrichten. Dazu gehören zwei Modelle des Metallimplantats ASR von DePuy aus dem englischen Leeds, einem Tochterunternehmen des amerikanischen Konzerns Johnson & Johnson.

Bei Gabriele Lühmann wurde 2007 Arthrose in der Hüfte diagnostiziert. Die Ärzte empfahlen ihr ein Modell von DePuy. "Man hat mir versprochen, dass ich danach wieder so aktiv sein kann wie früher, dass ich auch wieder tauchen kann", sagt sie. Im Februar 2008 bekam die Patientin links ihre erste Metallprothese von DePuy. Ein Jahr später rechts die zweite.

Lange ging das nicht gut. Bereits wenige Monate nach der zweiten Operation knackten die Prothesen. Die Hüftpfannen lockerten sich. Die Metallwerte im Blut waren deutlich erhöht. Von 2011 an wurde Lühmann mehrfach nachoperiert, die künstlichen Gelenke von DePuy mussten wiederausgebaut und durch andere ersetzt werden. Diese Operationen waren schwierig, weil die Knochensubstanz im Umfeld der Hüftgelenke bereits angegriffen war.

Fast 100.000 Patienten weltweit wurden die ASR-Metallgelenke von DePuy eingebaut, mehr als 5.000 davon in Deutschland. Vielen geht es ähnlich wie Gabriele Lühmann. Den Satz "Das hat mein Leben zerstört" hört man häufig von Betroffenen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Eigentlich hätten die Implantate, die oft klemmen und klappern und deshalb erhöhten Metallabrieb verursachen, schon 2008 nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Bereits damals waren DePuy die Probleme bekannt. Dokumente, die der ZEIT und dem ARD-Politikmagazin Panorama vorliegen, belegen das frühzeitige Wissen der Unternehmensmanager.

Interne E-Mails, die DePuy-Mitarbeiter an Kollegen verschickt haben, zeigen, dass die Euphorie nach der Einführung der neuen Modelle im Jahr 2003 schnell verflogen war. "Ich bin besorgt wegen der Versagensrate", schreibt eine leitende Mitarbeiterin des US-Mutterkonzerns Johnson & Johnson an einen der Designchefs von DePuy schon im Oktober 2005. "Die Reklamationsquote geht nach oben", warnt eine Vertriebsmanagerin aus Australien. Ein Arzt aus Nordirland berichtet 2006 gegenüber DePuy von Schmerzen einer Patientin und einem unaufhörlichen "Knacken" im Implantat. Ein Chirurg aus Italien meldet "erhöhten Metallabrieb". Auch aus anderen Ländern träufeln 2006 schlechte Nachrichten wie diese in die Firmenzentrale.

Kritik müsse man "im Keim ersticken", schreibt ein Manager an seine Kollegen

Aus den Niederlanden meldet sich im Juni 2006 ein Orthopäde, der im Auftrag von DePuy eine klinische Studie mit dem ASR-Implantat durchführt. Der Arzt wird von den DePuy-Leuten als "erfahrenster Anwender der ASR-Metallhüften" in den Niederlanden bezeichnet. Aber der Orthopäde sieht sich mit Komplikationen konfrontiert und berichtet von "lockeren Hüftpfannen", die er sich "nicht erklären" könne. Außerdem habe er bei Patienten "erhöhte Metallionenwerte" festgestellt. Solange ihm DePuy keine befriedigende Antwort liefere, werde er die neuen Implantate nicht mehr einsetzen, macht er gegenüber dem Unternehmen klar. Kritik wie diese, schreibt daraufhin ein leitender Manager der Marketingabteilung in Leeds an seine Kollegen, "müssen wir im Keim ersticken". Panik macht sich breit. Angesichts der Fragen und Warnungen von Anwendern aus aller Welt gibt einer der Konzernbosse die Losung aus, dass die "Wahrnehmung des Produkts gesteuert" werden müsse. Schließlich habe man allein in eines der beiden Implantatmodelle 45 Millionen Dollar investiert. Und die "Gewinnspanne" sei "gesund".