Was zeichnet einen guten Populisten aus? Er kennt den Wert eines kleinen Vorsprungs. Er ist schon da, wenn der Gegner noch abwartet. Er spielt schon den Gewinner, wenn er in Wahrheit noch verlieren kann. Es ist 10.32 Uhr, als in der österreichischen Kleinstadt Pinkafeld dieses Gesicht auftaucht, aus dem Europa zu lesen versucht. Faltenfrei, glatt und freundlich. Der 45-jährige Norbert Hofer hat es vor Wochen als Projektionsfläche für Freunde und Feinde freigegeben, auf Plakaten, im Fernsehen, in den Zeitungen. Jetzt, am Wahltag, am vergangenen Sonntag, steigt er mit seinem Lächeln, in das sich alles hineindeuten lässt, aus einem weißen Audi und wünscht "einen guten Morgen allerseits", so langsam und leise, dass die Umstehenden zum Schweigen gezwungen sind. Nur wer ganz nah an Hofer herankommt, sieht, wie sehr der Mann schwitzt. Sein Konkurrent, der 72-jährige Grüne Alexander Van der Bellen, wird erst in einer halben Stunde wählen gehen. Die erste Aufmerksamkeitswelle des Tages gehört Hofer.

Pinkafeld ist eine kleine Stadt im Burgenland, 100 Kilometer südlich von Wien, 30 Kilometer westlich von Ungarn. Hier lebt der Präsidentschaftskandidat der FPÖ, in einem Einfamilienhaus, das nur dadurch auffällt, dass seit einiger Zeit die Polizei davor patrouilliert. Als einer von 5600 Einwohnern erscheint Norbert Hofer zur Stimmabgabe. Die Sonne knallt aufs Wahllokal, die örtliche Musikschule, ein Betonklotz aus der Zeit des Kanzlers Bruno Kreisky. Reporter rempeln, Fotografen stolpern durch Staudenbeete. Inmitten dieser Traube stemmt sich Hofer mit seinem Gehstock sieben Treppenstufen hoch. Ihm folgen seine Frau und die zwölfjährige Tochter, ein Mädchen in Jeansjacke und gepunktetem Kleid. Während des Wahlkampfs war Hofer nicht daran gelegen, sein Kind aus dem politischen Streit herauszuhalten: Der Kronen Zeitung haben Vater und Tochter ein langes Interview über Erziehung, Haustiere und Klavierspielen gegeben. Jetzt, auf dem spiegelnden Steinboden des Wahllokals, klammert sich das Mädchen stumm an der Hand der Mutter fest.

Eine Minute lang hält Norbert Hofer seinen Stimmzettel in den Urnenschlitz und befolgt geduldig die Anweisungen der Fotografen.

"Etwas schräger, bitte!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

"Herr Hofer, einmal um 180 Grad drehen!"

"Bitte nach rechts!"

Hofer grüßt, Hofer lächelt, Hofer plaudert mit Wählern, die ihn – den eigenen Nachbarn – bestaunen, weil ihn eine Aura der Macht umgibt.

Auch wenn er die Macht nicht erringen wird.

Als Alexander Van der Bellen schließlich doch noch die österreichischen Präsidentschaftswahlen gewinnt, sprechen manche Beobachter von einem Sieg, einem guten Tag für Europa. Aber ist das wirklich ein Sieg, wenn Norbert Hofer am Ende 15.000 Stimmen fehlen, um als erster Rechtspopulist das oberste Staatsamt in einem europäischen Land zu erringen? In einem Land, das im Zentrum Europas liegt, in der Mitte der Europäischen Union und des Schengen-Raums?

Oder ist es eine nur etwas weniger schmerzhafte Niederlage?

Fast überall in Europa dringen Autokraten und Rechtspopulisten von den Rändern in die Mitte der Gesellschaft vor. Hofer und die FPÖ in Österreich. Geert Wilders in den Niederlanden. Marine Le Pen und ihr Front National in Frankreich. Viktor Orbáns Regierung in Ungarn. Die nationalkonservative Regierung in Polen. Christoph Blocher und die Schweizerische Volkspartei. Die Dänische Volkspartei, zweitstärkste Kraft im Parlament. Die Lega Nord in Italien. Die Brexit-Befürworter in England. Die AfD in Deutschland. Es formiert sich eine neue Internationale. Die Internationale der Nationalisten.

Sie erheben ihr eigenes Land über andere Länder, betonen die unverwechselbare Einzigartigkeit der eigenen Kultur und der eigenen Geschichte – und wollen merkwürdigerweise alle das Gleiche.

Da ist der Unwille, Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten in Europa aufzunehmen. Da ist die Angst vor Zuwanderern generell. Da ist das Leiden an der liberalen Gesellschaft, die angeblich viel zu lange diskutiert, bevor sie etwas entscheidet. Da ist die Aversion gegen alles Ökologische und Feministische, gegen all die progressiven Errungenschaften der siebziger und achtziger Jahre. Da sind der Wunsch nach Volksbefragungen und Volksbegehren, die massiven Vorbehalte gegenüber dem Islam, die Huldigung eines starken Staates, der seine Grenzen besser schützen, Verbrecher viel härter bestrafen und das Ideal einer traditionellen Familie wiederherstellen müsse – Papa, Mama, Kind.

Um Ordnung geht es, die Ordnung einer vergangenen Epoche. So groß ist die Sehnsucht danach, dass viele Rechtspopulisten dem Irrglauben verfallen, eine Regierung könne sich der Globalisierung einfach so entziehen.