Zu den großen ungelösten Rätseln in der Welt nach der globalen Wirtschaftskrise gehört das anhaltend schwache Abschneiden vieler Mitte-links-Parteien an den Wahlurnen. Viele Menschen machen sich Sorgen um ihre Zukunft, da sollte man doch eigentlich davon ausgehen, dass sie ganz selbstverständlich offener für Parteien sind, die als arbeitnehmerfreundlicher und wachstumsorientierter gelten. Dennoch kommt beispielsweise in Deutschland die SPD in einer jüngsten Umfrage auf nur noch 19 Prozent bei den Wählern, das schlechteste Ergebnis seit 1992. Auch Mitte-links-Parteien in Großbritannien, Frankreich, Spanien, Polen und Dänemark haben zu kämpfen. Aktuell stellen sozialdemokratische Parteien in Europa kaum ein Drittel der Regierungen.

Aber das Ziel einer politischen Bewegung besteht nicht nur darin, Wahlen zu gewinnen – es geht auch darum, die politischen Gewichte zu verschieben. Beginnen ihre Widersacher ihre politischen Ziele abzukupfern, haben sie einen entscheidenden Sieg gelandet. Im Grunde sind die Christdemokraten heutzutage soziale Demokraten, wenn auch nicht Sozialdemokraten. Europas Mitte-rechts-Parteien (und wenn es um den Sozialstaat geht, sogar die Rechtsaußen) stehen politisch links von den US-Demokraten.

Doch wenn die rechte Mitte sich sozialdemokratische Themen zu eigen macht, bedeutet dies auch, dass das Profil der Sozialdemokraten an Schärfe verliert, besonders als Partner in einer großen Koalition. Viele Wähler können nicht länger erkennen, worin die sozialdemokratische Vision bestehen soll oder inwieweit sie von Relevanz für ihre wirtschaftlichen Eigeninteressen ist.

Und nun steht der politische Mainstream vor einer neuen Herausforderung, und zwar einer, deren längerfristige Folgen noch dramatischer sein werden als beim Thema Einwanderung. Es geht um die Herausforderungen der digitalen Wirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Wie werden die Mitte-links-Parteien in Deutschland, den USA und andernorts auf diese technologischen Umwälzungen reagieren?

Die Hightech-Wirtschaft ist Versprechen und Drohung zugleich. Die Chefs der Silicon-Valley-Firmen prahlen, dass sie Computer und Maschinen mit immer klügerer Software und immer besseren Algorithmen versehen können – und dass diese die menschlichen Arbeiter ablösen und die USA langsam in eine "Freiberufler-Gesellschaft" verwandeln. Große Mengen an Arbeitsplätzen erschaffen die führenden Namen des Silicon Valley jedenfalls nicht. Facebook (12.000 Vollzeitmitarbeiter), Google (60.000) und selbst Apple (90.000) sind viel schlechter im Schaffen neuer Jobs als traditionelle Industriekonzerne wie Daimler, BMW, Ford und Siemens, die jeweils Hunderttausende Menschen beschäftigen.

Prototyp für diese neue Art digitaler Unternehmen ist das in San Francisco angesiedelte Upwork. Mit gerade einmal 250 regulären Mitarbeitern steuert das Unternehmen dank digitaler Technologien zehn Millionen Selbstständige und Projektarbeiter aus aller Welt. Deutsche wetteifern hier um Aufträge mit Menschen aus Indien, Thailand, den USA und sonst wo. In einer globalen Abwärtsspirale liefert man sich ein Wettrennen darum, wer sich am günstigsten verkaufen kann.

Der Ökonom Nouriel Roubini sagt: "In der Fabrik der Zukunft arbeiten möglicherweise 1.000 Roboter und ein Mensch, der sie überwacht." Nehmen wir beispielsweise die junge Technologie des 3-D-Drucks. Das Unternehmen Local Motors aus Arizona kann ein gesamtes Auto "drucken", und der Prozess ist deutlich kostengünstiger als die traditionellen Herstellungsmethoden.

Autos entwickeln sich heutzutage immer stärker zu "rollenden Computern", insofern überrascht es nicht, dass IT-Firmen wie Apple inzwischen die Fahrzeuge der Zukunft entwerfen und die Autoteile dann von günstigen Zulieferern beziehen, die mit 3-D-Druck arbeiten. Für die Automobilindustrie bedeutet das eine gewaltige Umwälzung, ebenso für viele andere Industrien. Werden die deutschen Automobilhersteller in naher Zukunft noch immer so viele Mitarbeiter benötigen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Wohlstand nach deutscher Machart basierte größtenteils auf einer Form von Solidarität und Mitbestimmung zwischen den unterschiedlichen Industriezweigen und auf einer konstruktiven Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Lässt man der digitalen Industrie jedoch unkontrolliert ihren Lauf, tendiert sie stark dazu, dieses soziale Element auszuhöhlen.

Deutschlands Manager stehen vor schwierigen Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Technologischer Fortschritt wird es ihnen ermöglichen, einen gewissen Anteil fest angestellter Arbeitskräfte loszuwerden und mehr Subunternehmer, Teilzeitkräfte und Zeitarbeiter zu beschäftigen. Einige Firmen werden ihre Belegschaft so weit reduzieren, dass sie unter der Grenze landen, ab der eine Mitbestimmung Pflicht ist, oder dass zumindest eine Reduzierung der Größe der Arbeitnehmervertretung notwendig wird. Sollten sie das tun?