Wer am späten Abend aus der Heidelberger Altstadt in das Neubauviertel hinter dem Hauptbahnhof radelt, braucht keinen Dynamo. Das benötigte Licht schiebt sich wie eine helle Wolke vor dem Radler her. Dafür sorgen Straßenlaternen mit LED-Lampen. Die Leuchtdioden tauchen den Radweg, der auf einem ehemaligen Bahndamm durch dunkle Kleingartengebiete führt, in weißes Licht – und zwar nur in Fahrtrichtung. Kaum hat der Radler eine Laterne passiert, erlischt sie weitgehend. Dafür erwacht hundert Meter voraus die nächste bereits aus dem Dämmerzustand.

Die "mitlaufende Lichtsteuerung" ist Teil eines Gesamtkonzepts für die öffentliche Beleuchtung des neuen, "Bahnstadt" genannten Viertels. Rainer Herb, bei den Heidelberger Stadtwerken für das Thema zuständig, spricht von "bedarfsgerechtem Licht". Es soll nur dort scheinen, wo es gebraucht wird. Ansonsten sollen Mensch und Tier die Dunkelheit der Nacht genießen können. Da ausschließlich sparsame und stufenlos dimmbare LED-Lampen zum Einsatz kommen, sinkt der Stromverbrauch gegenüber klassischer Straßenbeleuchtung um 80 Prozent.

Fast zehn Millionen Straßenlaternen gibt es in Deutschland, zusammen sorgen sie für ein knappes Prozent des gesamten Stromverbrauchs. Im Durchschnitt sind sie 20 Jahre alt, nicht einmal jede sechste Straßenlaterne wurde bisher auf sparsamen LED-Betrieb umgerüstet. Und das, obwohl Städte und Gemeinden damit rund 500 Millionen Euro im Jahr sparen und nebenbei einen Beitrag zum Klimaschutz leisten könnten.

Heidelberg ist die erste Großstadt, die die Lichtwende großflächig umsetzt. Seit fast zehn Jahren werden die flimmernden Leuchtstoff- und gelblichen Natriumhochdrucklampen Stück für Stück gegen weiße Leuchtdioden getauscht, in drei Jahren soll die Hälfte aller Straßenlaternen damit ausgestattet sein. Dreieinhalb Millionen Euro steckt Heidelberg allein in das Beleuchtungskonzept der Bahnstadt – deutlich mehr, als mit klassischen Straßenlaternen nötig gewesen wäre.

Doch nach spätestens neun Jahren hat sich die höhere Anfangsinvestition amortisiert, sagt Peter Erb, der zuständige Stadtwerke-Geschäftsführer. Danach spart die Stadt, und das nicht nur wegen des deutlich geringeren Stromverbrauchs. Auch die Wartungskosten sinken. Klassische Straßenlampen müssen alle drei bis vier Jahre ausgetauscht werden, LEDs halten 15 bis 20 Jahre.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016.

Zugleich kann ihre Leuchtkraft jederzeit stufenlos an den Bedarf angepasst werden. Das ermöglicht den Einstieg in die intelligente Beleuchtung, ein Lieblingsbegriff des Elektrotechnikers Stefan Völker von der TU Berlin. "Wir müssen uns von der Lichtsoße verabschieden, die unsere Städte 100 Jahre lang durchflutet hat", sagt er. "In Zukunft werden wir nur noch die Flächen und Objekte beleuchten, die auch Licht benötigen." Die Städte "werden dunkler wirken und doch besser beleuchtet sein".

In Heidelbergs Bahnstadt ist das zu spüren. Dort, wo am Abend Fußgänger, Radler und Autos unterwegs sind, ist das Straßenlicht hell und weiß. In den Nebenstraßen geben die Laternen ein schwächeres und wärmeres Licht ab. Reflektoren lenken es auf Fußweg und Fahrbahn, nach oben strahlt kaum etwas. "Lichtverschmutzung wollen wir so weit wie möglich vermeiden", sagt Rainer Herb, der Vater des Beleuchtungskonzepts. Gut tausend Lichtpunkte mit 15 verschiedenen Lampentypen hat er dafür in der Bahnstadt verteilt, alle sind drahtlos miteinander verbunden und können über das Telemanagementsystem der Stadtwerke einzeln gesteuert werden. Individuelle Dimmprofile sorgen dafür, dass die Straßen dunkler werden, sobald der Verkehr nachlässt. Komplett ausgeschaltet werden die LED-Laternen jedoch nicht, mit mindestens 30 Prozent ihrer Leuchtkraft bleiben sie bis zum Morgen in Betrieb.

"Jeder kocht sein eigenes Süppchen"

Die Detailplanung war ausgesprochen aufwendig und umstritten. "Die nötige Überzeugungsarbeit darf nicht unterschätzt werden", warnt Peter Erb mögliche Nachahmer des Heidelberger Konzepts. Alle für die Beleuchtung zuständigen Fachämter – von der Umwelt- über die Verkehrs- bis zur Grünflächenbehörde – mussten in die Planung einbezogen werden. Auch manche Anwohner wehren sich gegen das weiße LED-Licht. In einigen Städten haben sich sogar Bürgerinitiativen dagegen gegründet. Besonders stark sind sie in Berlin und Düsseldorf. Dort kämpfen sie für den Erhalt historischer Gaslaternen, die in diesen beiden Städten noch weit verbreitet sind. Fast zehn Jahre nach Beginn der Umstellung stecken LEDs erst in elf Prozent der Düsseldorfer Straßenlaternen, doppelt so viele werden weiterhin mit Gas betrieben.

Das schlechte Image der sparsamen Leuchtdioden hat auch mit den Mängeln zu tun, unter denen die Technik seit der Markteinführung vor einem Jahrzehnt leidet. Bei Tests in seinem Lichtlabor an der Berliner TU stellt Stefan Völker vor allem bei billigen Importprodukten regelmäßig große Abweichungen zwischen versprochener und tatsächlicher Helligkeit sowie bei der Farbe des LED-Lichts fest.

Zudem sind die Lampen verschiedener Hersteller meist nicht kompatibel. "Jeder kocht sein eigenes Süppchen", klagt Rainer Herb. Die Beleuchtung der Bahnstadt hat Heidelberg deshalb als Gesamtpaket ausgeschrieben. Doch keine Stadt macht sich gerne von einem einzigen Hersteller abhängig. "Wir brauchen einheitliche Standards", fordert Stefan Völker. Großbritannien ist mit der Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED-Technik schon weiter. "Auch bei uns gab es am Anfang die Angst vor dem Unbekannten", sagt Robert Waters vom britischen Hersteller TRT. "Doch mit zunehmender Erfahrung ist sie inzwischen verflogen."

In Deutschland beträgt die Erneuerungsrate der Straßenbeleuchtung jedoch nur drei Prozent im Jahr, eine Komplettumstellung würde daher noch über 30 Jahre dauern. Stefan Völker hofft, dass sich das Tempo mit besserer Aufklärung, politischen Vorgaben und weiteren finanziellen Anreizen der Bundesregierung möglicherweise verdoppeln ließe – ergänzt aber leicht frustriert: "Vielleicht schaffen wir es auch nie."

In Heidelbergs Bahnstadt funktioniert die bedarfsgerechte Beleuchtung bisher weitgehend störungsfrei. Selbst Jogger und Fußgänger sind auf dem ehemaligen Bahndamm in einem mitwandernden Lichtkegel unterwegs. Und Pärchen, die es gerne etwas schummeriger hätten, können einfach stehen bleiben. Nach 20 Sekunden dimmt die Laterne dann automatisch auf kuschelfreundliches Dämmerlicht herunter.