Anfang der Woche reiste Kanzlerin Angela Merkel zum UN-Nothilfegipfel nach Istanbul, wo sie auch den türkischen Präsidenten Tayyip Erdoğan traf. Merkel wird für das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei kritisiert und dafür, dass sie mit Erdoğan Kompromisse eingehe, die wegen der vielen Rechtsverstöße im Land schwer zu vertreten seien. Vor allem Menschenrechts-Organisationen werfen der EU und der Bundesregierung vor, sie ignorierten die schweren Probleme in der Türkei.

DIE ZEIT: Frau Sinclair-Webb, die türkische Regierung verfolgt Kritiker und knebelt Journalisten, zugleich veranstaltet sie in Istanbul den UN-Nothilfegipfel. Wie passt das zusammen?

Emma Sinclair-Webb: Die Türkei beherbergt nahezu drei Millionen Flüchtlinge, die meisten davon aus Syrien. Kein einziges Land der EU hat so viele Not leidende Menschen aufgenommen. Die Türkei ist also durchaus großzügig und fühlt sich moralisch im Recht, einen solchen Gipfel auszurichten.

ZEIT: Also kein Widerspruch?

Sinclair-Webb: Doch, doch, denn wie unsere Organisation Human Rights Watch schon seit einiger Zeit berichtet, hat die Türkei ihre Grenze zu Syrien inzwischen nicht nur geschlossen, sondern drängt Bürgerkriegsflüchtlinge auch gewaltsam zurück. Es wird sogar auf syrische Flüchtlinge geschossen. Wir haben mit etlichen Zeugen gesprochen und ihre Aussagen dokumentiert.

ZEIT: Wie verlässlich sind diese Aussagen?

Sinclair-Webb: Da die Türkei den Zutritt zur Grenze stark beschränkt, können wir leider nicht selber vor Ort sein. Wir sind also auf Zeugenaussagen angewiesen. Die Verlässlichkeit ergibt sich zum einen aus der Vielzahl der Berichte und zum anderen daraus, dass die Zeugen nichts miteinander zu tun hatten und sich nicht kannten. Entweder waren sie als Flüchtlinge selber Opfer oder sie leben an der Grenze und haben die Gewaltanwendung beobachtet und Schüsse gehört.

ZEIT: Haben Sie mit offiziellen Stellen gesprochen?

Sinclair-Webb: Als wir das türkische Militär und das Innenministerium mit diesen Aussagen konfrontierten, haben sie die Vorwürfe abgestritten. Allerdings sehr allgemein und ohne irgendeinen Gegenbeweis anzutreten. Stattdessen sprachen sie von einer sehr hohen Zahl illegaler Grenzübertritte.

ZEIT: Werden Sie als Menschenrechtsorganisation in Ihrer Arbeit behindert?

Sinclair-Webb: Im Südosten des Landes, also dort, wo viele Kurden leben und sich die türkische Armee und die PKK bekriegen, arbeiten wir unter äußert schwierigen Bedingungen. Es gibt weiträumige Sperrzonen und lange Sperrstunden, in denen niemand auf die Straße darf. Wir können nicht selber nachforschen, was während der Militäroperationen geschieht und warum viele Menschen zu Tode kommen. Wir haben den Verdacht, dass der türkische Staat nicht will, dass darüber berichtet wird und Beobachter bewusst fernhält. Es ist äußerst beunruhigend, dass der Konflikt zwischen der türkischen Armee und den Kurden sich dramatisch verschärft, aber die Medien und wir weitgehend ausgesperrt bleiben. Dabei kommt es immer wieder vor, dass die Armee ganze Wohnviertel wahllos unter Beschuss nimmt. Kinder, Zivilpersonen sterben.

ZEIT: Dafür haben Sie Beweise?

Sinclair-Webb: Ja. Da ist zum Beispiel der Tod eines dreimonatigen Babys und seines 82-jährigen Großvaters. Beide wurden in der Grenzstadt Cizre von einem Platz aus beschossen, auf dem das türkische Militär stand. Erst wurde das Baby getroffen. Der Großvater eilte mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm zu einem Krankenwagen, begleitet von zwei Menschen mit weißen Fahnen, aber die Soldaten erschossen auch ihn. Von ihnen ging sichtlich keine terroristische Gefahr aus. Ein anderer Fall, ebenfalls in Cizre: 136 Menschen suchten Schutz in den Kellern, unter ihnen etliche Verletzte und Zivilpersonen. Türkische Soldaten umzingelten und töteten sie. Wir kennen nicht alle Umstände dieser sogenannten Antiterroraktion, aber wir haben Fragen: Wieso wurde niemand verhaftet, warum mussten alle sterben, warum ließ man nicht wenigstens die Verletzten ziehen? Unter dem Radar der Weltöffentlichkeit werden im Südosten der Türkei ganze Städte evakuiert, Hunderttausende sind auf der Flucht.