Castagnola, oberhalb von Lugano. Eine Villa am Hang. Ein livrierter Butler öffnet die Tür. Tito Tettamanti empfängt seine Kolumnisten-Kollegin Anita Fetz mit einem Handkuss. Dann stellt er sie und den Journalisten seiner Frau vor: "Ich habe dir gesagt, Herr Daum sieht aus wie Rasputin." Das Haus: Schweres Holz, Perserteppiche. Der Esstisch, an den wir uns setzen: italienisch opulent geschmückt. Goldrandgeschirr, Silberbesteck. Der Butler trägt die Vorspeise auf. Schinken, Salami, Lardo aus dem Verzascatal.

Tito Tettamanti: Frau Fetz, wenn wir öffentlich verraten würden, dass Herr Daum kein Veganer ist, was würden die ZEIT-Leser denken?

Anita Fetz: Denen wäre das egal.

Tettamanti: Aber es ist doch in Mode? (beide lachen)

ZEIT: In Basel war Herr Tettamanti eine Zeit lang Persona non grata, weil er 2010 die Basler Zeitung gekauft hatte. Wie erlebten Sie das, Frau Fetz?

Fetz: Ich habe rasch erkannt: Hinter Herrn Tettamanti steht Christoph Blocher. Und gedacht habe ich: Diese Stadt ist selber schuld. Es hätte Dutzende Menschen gegeben, die das Blatt hätten übernehmen können. In Basel ist so viel Geld vorhanden.

Tettamanti: Der berühmte Basler Daig hat seine Stadt verlassen. Er hat sich auf die Kultur zurückgezogen. Das ist einfacher. Ob Picasso oder Monet schöner sind, darüber streitet heute niemand mehr. Aber wir haben bei der BaZ einen Fehler gemacht: Wir hatten nicht sofort gesagt, dass Blocher mir eine Garantie gegeben hat.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 23 vom 25.5.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Einige Jahre zuvor hatten Sie bereits die Jean Frey AG übernommen, welche die Weltwoche herausgab. War es für Sie ein alter Traum, einmal eine Zeitung zu besitzen?

Tettamanti: Nein. Aber ich bin ein Gegner der Political Correctness. Als die Jean Frey AG zum Verkauf stand, sah ich eine Gelegenheit, um hier Gegensteuer zu geben. Wir wollten ein Oppositionsmagazin, das den Bundesrat kritisiert – auch wenn er recht hat. Als wir später die Jean Frey AG an Herrn Döpfner von Axel Springer verkaufen konnten, hat das mir und meinen Kollegen erlaubt, die Weltwoche an Roger Köppel zu geben. Er ist ein noch besserer Manager als Journalist. Die Weltwoche schrieb damals Verluste, heute macht sie Gewinn.

ZEIT: Frau Fetz, ein Magazin, voll auf Opposition gebürstet, das müsste Ihnen eigentlich gefallen. Mit der Poch wollten Sie einst auch das Politik-Establishment aufmischen.

Fetz: Das ist mir nicht per se unsympathisch. Sowieso: Man muss die Zeitungen des politischen Gegners kennen. Dazu gehörte lange die NZZ, und heute ist es die Weltwoche. Aber dort arbeiten keine Journalisten mehr, sondern Ideologen.

Tettamanti: Vielleicht bin ich etwas romantisch: aber Zeitungen sind für mich keine Informations-Maschinen. Die Neuigkeiten kriegt man heutzutage gratis. Was wichtig ist, das ist der Kommentar.

Der Hauptgang wird aufgetragen. Fetz ist entzückt. Im Vorfeld schrieb sie in einer Mail: "Es gibt Brasato und Polenta. Etwas gefährlich, weil ich bei meinen Lieblingsmenus so gemütlich werde, was einem Streitgespräch nicht eben förderlich ist. Aber ich habe entschieden, wenn schon ins Tessin, dann mit Genuss!"

Fetz: Zeitungen, die neutral über alles informieren, sind ein Auslaufmodell. Sie brauchen eine Haltung – aber keine Ideologie!

Tettamanti: Ich lese auch, was die ZEIT schreibt. Oft bin ich nicht einverstanden, aber ich bin interessiert.

Fetz: Das Problem ist, dass solche Projekte auf der linken Seite kaum finanzierbar sind. Die WoZ versucht es seit Jahren, unter prekären Bedingungen.

Tettamanti: Die Mehrheit der Schweizer ist halt einigermaßen konservativ. Vor allem die mit Geld.

Fetz: Das war immer schon so.

ZEIT: Was sich geändert hat: Heute gibt die SVP den Ton an.

Tettamanti: Die drei bürgerlichen Parteien haben alles gemacht, um Blocher gewinnen zu lassen. Die CVP hatte die geniale Idee, das "konservativ" aus ihrem Namen zu streichen. Das war die größte Dummheit. Sie haben die ganze Innerschweiz verloren. Man muss sich nicht schämen, wenn man konservativ ist! Also wählen diese Leute halt SVP.