Bald aber bleibt vom "Chileli" von Wassen nur noch die Erinnerung – und die Emil-Nummer. Mit der Eröffnung des neuen Basistunnels fahren die Züge tief unter dem Bergdorf gen Süden. Zum Abschied spielt Emil das Stück noch einmal live. Am 4. Juni beim Volksfest zur Tunneleröffnung in Rynächt, im Kanton Uri.

Der Roman

Was für ein Buch. Was für ein großartiger, was für ein verrückter, was für ein nerviger Roman. Den man erst verschlingt: diese Wortkaskaden, die Satzschrauben! Und schließlich kaum mehr erträgt, weil er sich nur um den Bauchnabel, Pardon, den Unterleib seines Autors dreht. Die künstliche Mutter (1982) von Hermann Burger. Da will der Privatdozent Wolfram Schöllkopf, Germanist und Glaziologe, im Lichthof der ETH Zürich in den Tod springen: "Fünfundzwanzig Meter genügen, einer bereits zerschmetterten akademischen Existenz den Rest zu geben." Doch ein Herzinfarkt verhindert den Sturz über die Balustrade. Also wacht er im Uni-Spital auf – und begibt sich nach einem Reha-Aufenthalt am Bodensee nach Uri, in die Stollentherapie. Tief im Gotthard drin soll Schöllkopf genesen. Von der Liebe, die ihm die Frauen verwehren, allen voran die Mutter Helvetia. In ihren Schoss aus Granit will er zurückkriechen, um im "Gotthard’schen Uterus" noch einmal, "und zwar lustvoll" zur Welt zu kommen. Das gelingt ihm tatsächlich. "Das Zauberwort, das den San Gottardo seit je umflorte, heißt nicht Endstation, sondern Transit. [...] Es gibt auf der ganzen Welt nur eine Institution, die den Gotthard als letzte Zufluchtsstätte missbraucht: Die Schweizer Armee." Also rast Schöllkopf aus dem Loch: Richtung Lugano Sud, auf der Achse Amburgo–Milano.

Der Schlager

Der Mann wusste für alles ein Liedli. Mal komponierte er eine Ode ans Glarner Zigerstöckli, dann eine an den Zürich-blauen Trolleybus. 2000 Stücke umfasst das Schaffen von Artur Beul (1915 bis 2010). Und seine bekanntesten Stücke klingen bereits im Ohr, wenn man nur schon ihre Namen liest: Stägeli uf, Stägeli ab , Nach em Räge schiint dSunne – summen Sie schon? – oder, natürlich:

Übre Gotthard, übre Gotthard flüged Bräme,
ja flüged Bräme, di cheibe Bräme,
wänn si übrem Gotthard sind, dänn sind si däne,
di cheibe Bräme, ho duli ho.

Die Viecher fliegen bis heute an der Seite von verschwitzten Réduit-Soldaten und schnaubenden Postkutschen-Pferden über den Alpenpass. Der Landi-Geist, den die Beul-Songs atmen, gefällt auch in der Swissness-trunkenen Gegenwart. Das Bernhard-Theater in Zürich musste Anfang Jahr ein Best-of-Beul-Musical um mehrere Vorstellungen verlängern. Gegen "Bräme" helfen Fliegenklatschen. Gegen Beul? Mitsingen!

Die Novelle

Gewidmet: "Rolf B. und allen anderen Tunnelbauern". Entstanden: nach Besuchen auf der Baustelle des Gotthardbasistunnels in Bodio. Geworden: ein wunderbares Stück Text. Die Novelle Gotthard von Zora del Buono. Sie spielt an einem langen halben Frühlingstag. Zwischen 6 Uhr und 12.23 Uhr. Der Trainspotter Fritz Bergundthal, ein älterer Junggeselle, ist aus Berlin in die Leventina gereist. Doch bald beschäftigen ihn nicht mehr die schnittigen Lokomotiven, sondern all die Menschen, die hier in diesem Tunnelbau-Mikrokosmos leben. Die dicke, pensionierte Baracken-Köchin Dora Polli-Müller. Ihr Mann Aldo, ein Drogenkurier, der seinen Stoff auf einem Sachs-Pony-Töffli transportiert. Ihre – vielleicht gemeinsame – lesbische Tochter Flavia, eine Lastwagenfahrerin. Oberholzer, der die Tunnelbohrmaschine Gabi II steuert und tief in einer Midlife-Krise steckt. Oder Tunnelbauer Filz und seine Lieblingsprostituierte Monica. "Die Idee war", sagte Zora del Buono in der Schweizer Familie, "dass alles wie auf Eisenbahnschienen durch einen Tunnel führt, genau getaktet, es gibt kein Vor und Zurück, es geht immer tiefer ins Verhängnis – das sauber zerlegt an die Oberfläche geholt wird wie der Schutt aus dem Berg." Auf 144 atemlosen, so poetisch wie faktisch exakt erzählten Seiten setzt del Buono ihr Vorhaben meisterhaft um. Und sie beweist: Auch über dicke Berge kann man dünne Bücher schreiben.