Wenn sich der Achte eines Monats, der Tag, an dem die Sozialhilfe ausgezahlt wird, mit Vollmond paart, entsteht eine verhängnisvolle Konstellation. Das berichten die Wirtinnen mancher Wiener Vorstadtgasthäuser. Neue Kaufkraft, vereint mit dem lunaren Sog, würde die Stammgäste häufig über die Stränge schlagen lassen. Dann fließe mehr Alkohol, würden die Schmähs derber, sei die Stimmung angespannter. Ein Tag, an dem in dieser abseits des urbanen Schicks angesiedelten Welt Vorsicht angebracht ist.

Vier Jahre lang haben der Fotograf Klaus Pichler und der Autor Clemens Marschall diese exotische Subkultur erforscht und in Bild und Wort dokumentiert. Auf ihrer Entdeckungsreise durchstreiften sie über hundert dieser abgewohnten Beiseln, erwarben das Vertrauen der Stammgäste, warteten geduldig, bis sich die Menschen öffneten.

Es ist ein langsam absterbendes Paralleluniversum, welches die beiden Stadtethnologen für ihren faszinierenden alternativen Stadtführer festhielten, vielleicht in der letzten Phase seiner Existenz. Viele der Gasthäuser, die sie besuchten, haben bereits zugesperrt, viele der Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, leben nicht mehr.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Früher einmal waren diese Trinkertreffs ein einträgliches Geschäft, frequentiert von Werktätigen, die schnell mal einen Abstecher machten. Das erlaubt die neue Arbeitswelt nicht mehr. Heute werden die schummrigen und verrauchten Höhlen hauptsächlich von Arbeitslosen, Pensionisten und Sozialhilfeempfängern bevölkert. In den meisten Lokalen hat sich eine Handvoll Stammgäste niedergelassen, die nach eigenen Gesetzen lebt, über die in der Regel eine resolute Wirtin wacht. Was für Außenstehende unendliche Tristesse ausatmet, ist aber ein Mikrokosmos, der sich tatsächlich mit sich im Reinen befindet.

Clemens Marschall und Klaus Pichler: "Golden Days Before They End", Edition Patrick Frey, Zürich 2016, 250 Seiten, 52,– Euro