Akute Gefahr droht der deutschen Automobilindustrie nicht aus den Technologiekonzernen des Silicon Valley mit ihren selbstfahrenden Wagen, sondern aus der Innenstadt von Seattle. Dort arbeitet der amerikanische Rechtsanwalt Steve Berman an Klagen, mit denen er die Autohersteller in Stuttgart und Wolfsburg an ihrer empfindlichsten Stelle packt – bei ihrem guten Namen. "Ich hielt die Deutschen früher für die besten Ingenieure und fähigsten Autobauer der Welt", sagt Berman über VW und Mercedes. Dann kam heraus, dass Volkswagen bei Abgastests systematisch betrogen hat, und Berman reichte im Herbst 2015 für enttäuschte Kunden eine Sammelklage ein.

Jetzt hat sich der Anwalt den nächsten Konzern vorgeknöpft: Mercedes. Ein Vorwurf diesmal: "irreführende Werbung".

Unterlagen, die die ZEIT von anderen Quellen erhalten hat, belegen unabhängig von Bermans Klageschrift, dass an den Vorwürfen etwas dran ist. Insbesondere in Europa, wo die Werbekampagne ihren Anfang nahm.

Seit fast neun Jahren verspricht Daimler seinen Kunden in Slogans die "sauberste Dieseltechnologie der Welt". Prüfberichte des niederländischen Labors TNO, die im Auftrag des dortigen Umweltministeriums angefertigt wurden, zeigen hingegen im Jahr 2015 etwas anderes: Teile der Abgasreinigung schalten sich in den Mercedes-Modellen bei Temperaturen unter vier Grad Celsius einfach ab. Und der getestete Mercedes C 220 BlueTec bläst auf der Straße im Schnitt das Achtfache der im Labor erlaubten Stickoxidmenge in die Luft. In Europa ist der maximal gemessene Wert des Giftes sogar 65-mal höher als im deutlich strengeren Amerika erlaubt.

Obwohl die Mercedes-Fahrzeuge in Amerika umweltfreundlicher konstruiert sind als in Europa, hat Anwalt Berman seiner neuen Klage auch die niederländische Studie zugrunde gelegt. Er vermutet: Wer in Europa in einem solchen Ausmaß vom Werbeversprechen abweicht, tut das auch in Übersee. "In den USA musst du in der Werbung die Wahrheit sagen – und diese Werbung ist nicht ehrlich. Sie ist irreführend, weil die Autos nie zugelassen worden wären, wenn bekannt gewesen wäre, was sie auf der Straße in die Luft blasen", sagt Berman.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Zu den TNO-Tests teilte Daimler schon früher mit: "Fahrzeuge von Mercedes-Benz entsprechen im vollen Umfang den jeweils zum Zeitpunkt der Zulassung geltenden, landesspezifischen Vorschriften." Auch der Daimler-Chef selbst, Dieter Zetsche, war bislang aufs Äußerste darum bemüht, nicht mit den Diesel-Betrügern von VW in einen Topf geworfen zu werden. Er betonte: "Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen."

Der ZEIT liegen allerdings interne Unterlagen vor, die belegen, dass Daimler zumindest mit Manipulationen am eigenen Image keine Probleme hat: Viele der in der Werbung dargestellten Vorzüge eines Fahrzeugs hatten kaum etwas mit dem Verhalten im Straßenverkehr zu tun. Im Gegenteil: Konzernmanager haben, das zeigen Strategiepapiere, ihre Fahrzeuge als emissionstechnisch besonders wertvoll angepriesen, damit die Kunden nicht bemerken, welche Dreckschleudern sie in Wahrheit kaufen.

Man könnte sagen: Schizophrene Autos, die sich im Labor und on the road unterschiedlich verhalten, sind schon bizarr genug. Im Fall Mercedes kommt nun noch eine dritte Persönlichkeit dazu: In der Werbung verhalten sich die Fahrzeuge manisch ökologisch.