Dieses Buch ist derart alarmistisch und mit Feuer abgefasst, dass man sich nach der Lektüre nah am Weltuntergang wähnt. Mit heiligem Ernst werden so gut wie alle Missstände der Welt aufgegriffen, die sich denken lassen: der Finanzkapitalismus, der Hyperkonsum, die soziale Ungerechtigkeit, der Raubbau an der Natur, die Bildungsmisere, die Dummheit der Menschen, die Überbevölkerung, die Geiz-ist-geil-Mentalität, Boko Haram, Griechenland, das Verkehrsaufkommen, Pegida, die Arbeitsbedingungen im Kongo. Diese und andere Weltprobleme werden ausführlich beklagt und um den Hauptgegenstand von Die smarte Diktatur herum gruppiert: die totalitäre Macht der Internetkonzerne.

Der Soziologe Harald Welzer geht in seinem Großessay von einer gewiss richtigen Prämisse aus: Alles hängt irgendwie miteinander zusammen. Man könne, schreibt Welzer, die "Dinge nicht getrennt voneinander betrachten", wenn man den "Versuch machen will", die "gegenwärtigen Macht- und Widerstandsverhältnisse in modernen Gesellschaften auszumessen". Schließlich sei "die gemeinsame Basis noch so unterschiedlicher Lebensformen, Kulturen und Handlungen" der "notwendige und durch nichts Digitales zu ersetzende Stoffwechsel mit Natur". Das führt argumentativ zu munteren Ableitungen, die in etwa nach diesem Schema funktionieren: Die Rechner von Google benötigen Strom, also bedarf es eines Kraftwerks. Das Kraftwerk nutzt, sagen wir: Kohle. Die Kohle muss abgebaut werden. Mit dem Kohleabbau aber werden die Ressourcen des Planeten ausgebeutet und auch die Arbeiter in unterentwickelten Weltregionen. Denn die Maschinen, die zum Kohleabbau zum Einsatz kommen, benötigen Metalle, die in einem afrikanischen Land unter entsetzlichen Bedingungen gefördert werden. Diese Bedingungen wiederum befeuern unseren Hyperkonsum, denn durch die Ausbeutung sind Strom und Waren viel zu billig. Und so weiter und so fort. Wer den Blick einmal darauf schärft, dass die Erde im Zeichen triumphalen Unheils strahlt, findet Belege und Zusammenhänge allerorts. Es ist ja auch tatsächlich vieles schlimm und unerträglich.

Es geht nun Welzer, allen Ausflügen in die vielfältigen Problemzonen der Welt zum Trotz, vor allem ums Internet. Damit hat sich der vielseitig interessierte Soziologe und Direktor der Stiftung Futurzwei einer Debatte zugewandt, die bereits seit vielen Jahren auf durchaus hohem Niveau geführt wird. Frank Schirrmacher hatte assoziationsreich beschrieben, wie sich über die Handlungslogik des computerzugerichteten Menschen "ein Netz der Vorausberechnung, des Determinismus" (Payback) legt; die Unternehmerin Yvonne Hofstetter hat in einem glänzenden und detailversessenen Buch (Sie wissen alles) sehr konkrete politische Vorschläge gemacht, wie mit künstlicher Intelligenz umgegangen werden kann; Jaron Lanier hat das Netz kapitalismuskritisch behandelt, Evgeny Morozov demokratietheoretisch – um nur einige Namen im weiten Feld der Internetkritik zu nennen. Gemein ist den Autoren in der Regel eine starke Technikaffinität, was zu ihrer Glaubwürdigkeit beiträgt. Die Digitalisierung als solche wird mittlerweile selten einer Fundamentalkritik unterzogen, allerdings werden lebhaft politische, gesellschaftliche und technische Maßnahmen diskutiert, wie man Fehlentwicklungen verhindern kann. Ja, es scheint, dass die Verrechtlichung der Netzaktivitäten erst durch eine Entideologisierung des Diskurses möglich wurde.

Harald Welzer aber, man muss es so plakativ sagen, findet das Netz doof. Der Soziologe, der sich als überzeugter Internetmuffel outet, hat allerdings viele Beobachtungen an seinen netzaffinen Mitbürgern und an Internetunternehmen gemacht, die einem seit vielen Jahren vertraut sind, aber noch einmal präsentiert werden wie ganz frische Ware: Im Netz werde man ganz schnell zum Opfer (Shitstorm). Die Konzerne standardisierten uns alle zu dummen Konsumenten. Die Geräte basierten auf Selbstzwangtechnologien. Die Geheimdienste sammelten Unmengen an Daten. Die Welt bestehe aus "Selfie- und sonstigen Peinlichkeitspostern". Es gebe "kaum noch Spontankommunikation in öffentlichen Räumen (...) Niemand flirtet mehr, alle zücken beim Betreten eines öffentlichen Raums ihre Smartphones." Wir lebten in einer Welt, in der "jeder die Gestapo des anderen ist". Wenn man vor die Tür trete, sehe man "orientierungslose Menschen aus aller Herren Länder, die nichts von ihrer Umgebung wahrnehmen". Joseph Goebbels oder Felix Dserschinski würde die derzeitige Datenanhäufung sehr gefallen, heißt es, und es bleibt dem Leser auch nicht der gewagte Gedanke erspart, dass unsere Zeit düsterer sei als das "Dritte Reich": Sogar die nationalsozialistische Gesellschaft, schreibt Welzer, habe Juden "soziale Räume des Überlebens geboten". Und heute? "Es gibt keine Nischen mehr. Alle sozialen Felder, alle räumlichen Nischen sind taghell ausgeleuchtet. Was heißt: Es wird nicht nur niemand gerettet. Es gibt auch keinen Widerstand." Die historische Analogie ist nicht nur aufgrund der Vermengung von staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren so grobschrotig und schief, dass man glaubt, man habe sich verlesen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Dieses Buch kulturpessimistisch zu nennen wäre ein Euphemismus. Welzer diagnostiziert eine Art umfassende Welterkrankung, die sich aus acht Symptomen zusammensetzt: dem Hyperkonsum, der Ausweitung des Marktes auf jede zwischenmenschliche Interaktion, der Vereinzelung der Individuen durch Pseudogemeinschaften in der virtuellen Welt, der Kontrolle aller digitalen Aktivitäten durch die "smarte Diktatur", der Umgestaltung der res publica zur res oeconomica, der Erklärung aller individuellen Lebenslagen zum alternativlosen Schicksal, der Bewertungssucht bei Netzaktivitäten, schließlich der Überwachung. Diese lose miteinander verknüpften und unordentlich nebeneinandergestellten Phänomene nennt Welzer "Übergangszonen ins Totalitäre" – und es ist abermals frappierend, dass auf einem derart skizzierten Weg zur Diktatur nicht die politisch von den wirtschaftlich Verantwortlichen unterschieden werden. Es ist in unserer "neo-feudalen" Welt dunkel von einem "privatwirtschaftlich-staatlichen Komplex" die Rede, der uns beherrsche. Zwar adressiert Welzer durchaus konkrete Handlungsträger (etwa die jungen Chefs von Facebook und Co., die mit Hass bedacht werden), aber immer um den Preis einer Hermeneutik des Verdachts, die zuverlässig das findet, wonach sie auch sucht. Man ist verführt, bei Welzers Buch an Georg Lukács’ Bonmot vom "Grand Hotel Abgrund" zu denken, von dessen Terrasse aus die Frankfurter Schule bei einem Aperitif das Elend der Welt betrachtet.

Für große Verwunderung sorgt beim Leser das Schlusskapitel mit der kecken Überschrift Vorwärts zum Widerstand. Hier wird nun dem siechen Patienten die Medizin offeriert. Der Widerstand gegen das Digitale, erklärt Welzer, müsse mutig sein, Unterhaltungswert haben und unerwartet ausfallen. Er empfiehlt unter anderem, grundsätzlich nicht online, sondern offline einzukaufen, auf Updates zu verzichten und das Smartphone wegzuschmeißen. Widerstand müsse "Spaß" machen, weiß Welzer, deshalb empfiehlt er überdies allerlei Sponti-Aktionen: das Sprengen von Veranstaltungen und digitale Desinformationsstrategien von Hackern. Widerstand müsse cool sein: "Die schöneren Menschen, die lustigeren Ideen, das größere Abenteuer, die stärkere Gemeinschaft ist [sic!] dort, wo der Protest ist, die Ödnis dort, wo die Macht ist." Man ertappt sich angesichts derartiger Aufmunterungen, sogleich das Gegenteil für zutreffend zu halten.

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt Einzelbeobachtungen und Passagen in diesem Werk, die in sich schlüssig und relevant sind. Und zahlreiche Aspekte der Digitalisierung sind der kritischen Erörterung wert – ob es nun um die Akkumulation der Daten, die Manipulation des Konsumverhaltens, die antiinstitutionelle Demokratiefeindlichkeit von Internetunternehmern oder überhaupt um die zunehmende Marktförmigkeit des einst so prächtig anarchischen Netzes geht. Aber die Monokausalität, mit der hier ein Menschheitsunglück hergeleitet wird; die Neigung, jedes Wirtschaften ausschließlich in Ausbeutungsverhältnissen zu denken; der notorische Verdacht, so gut wie alle außer dem Autor lebten in einem Verblendungszusammenhang; die polemische Unpräzision, mit der mit Großbegriffen wie Diktatur oder Totalitarismus hantiert wird; schließlich redundante Verweise auf den gesunden Menschenverstand ("Leben ist aber analog") oder gleich die eigene so engagierte Jugend hinterlassen den Eindruck ungerichteter Wüterei. Welzer suggeriert mit seiner Kapitalismuskritik eine Verschwörung von welthistorischem Ausmaß, der man spontan misstraut. Natürlich ist das Internet das Allerwichtigste. Aber so wichtig auch wieder nicht.

Harald Welzer: Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2015; 320 S., 19,99 €, als E-Book 18,99 €