Katholisch zu sein und eine moderne Frau ist eine absolute Zerreißprobe.

Wir fahren nach Leipzig zum Katholikentag, wir singen mit, wir feiern mit, wir organisieren mit, und vielleicht sind wir dabei sogar in der Überzahl. Wir jubeln zu Tausenden hoffnungsfroh dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, zu, der beim Abschlussgottesdienst in Leipzig den Diakonat für die Frau gefordert hat.

Doch unser Engagement kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eigentlich nur eines sind: Dekoration. Wir sind nicht Priester, Bischof oder Kardinal, wir sind nicht Teil der Elite, wir entscheiden nichts, wir wählen niemanden, wir predigen nicht, wir haben keine Macht, denn Macht hängt in der katholischen Kirche an der Weihe – und von der sind wir kategorisch ausgeschlossen. Wegen einer so zufälligen Sache wie unserem Geschlecht, für das wir nicht mal etwas können.

Wir sind es gewohnt, unsere Entscheidungen frei und selbstbestimmt zu treffen, deshalb kommt uns diese Bevormundung – beziehungsweise Entmündigung – ungerecht vor. Und das ist sie auch. Deshalb laufen wir immer wieder mit demselben Kopf gegen dieselbe Wand und hoffen, dass, wenn nicht dieser Papst, dann doch vielleicht der nächste, und wenn nicht der, dann vielleicht irgendein Konzil dermaleinst ein Einsehen haben möge und uns endlich sagt: Ja, ihr dürft in eurer Kirche Priester sein. Ja, Mann und Frau sind gleichberechtigt, und zwar auch im Dienst vorm Altar.

Ich glaube mittlerweile: Aus dem gleichen Grund, aus dem wir das Priesteramt wollen, müssen wir es ablehnen. Zumindest dieses Priesteramt. Nicht Priester sein zu dürfen ist schlimm für moderne Frauen, es sein zu dürfen wäre aber noch schlimmer. Diese Art von Gleichberechtigung können wir nicht wollen.

Auf einmal wären wir Teil des Problems und nicht mehr der Lösung. Denn das Problem ist zunächst das Priesteramt selbst, nicht, wer zu ihm zugelassen wird. Der Streit um diese Frage ist nur ein Scheingefecht, das aber mit aller Leidenschaft geschlagen wird.

Im Rahmen dieses Gefechts haben in letzter Zeit Theologiestudentinnen immer lauter Zugang zum Priestertum gefordert. Sind sie sich darüber im Klaren, was sie sich da wünschen? Zugang zu einem Klerus, dessen weibliches Idealbild seit 2000 Jahren die Jungfrau Maria ist? Der die Sexualität gleichzeitig verdammt und idealisiert? Für dessen Führung es nichts gibt zwischen Jungfrauen und Müttern, zumindest nichts Gutes? Ist eine Mitgliedschaft in diesem Klerus begehrenswert? Käme es nicht zunächst einmal darauf an, sich einzugestehen, dass das Amt in seiner jetzigen Definition eine Zumutung ist für jedes moderne Individuum, gleich welchen Geschlechts? Seine Restriktionen machen den Priesterberuf so unattraktiv, dass wir in Europa unsere Priester mittlerweile aus Übersee importieren müssen.

Im Jahr 2011 veröffentlichte ein Bündnis aus über 300 deutschen Theologen einen Appell, in dem sie die Abschaffung des Pflichtzölibats und Zugang zu kirchlichen Ämtern für Frauen forderten – im selben Satz. Beide Fragen sind miteinander verknüpft. Vielleicht bedingen sie sich auch gegenseitig: Jeder von beiden Schritten würde eine Liberalisierung bedeuten, die so weit ginge, dass der jeweils andere Schritt auch nicht mehr ausgeschlossen werden könnte.

An dieser Stelle kann man natürlich einwenden: Konvertiert halt! Schließlich dürfen Frauen in anderen Konfessionen Priester werden und gleichzeitig auch noch heiraten oder eben nicht heiraten, ganz wie sie wollen. Dieser Einwand ist allerdings eine argumentative Unverschämtheit. Man muss die eigene Heimat nicht gleich fahnenflüchtig verlassen, nur weil es dort einige Plätze gibt, die einem nicht gefallen.