Das Besondere an Zufällen ist, dass man immer weniger an sie glaubt, je mehr es von ihnen gibt. In Dessau wurde eine chinesische Studentin ermordet, und die eigentümlichen Zufälle, die sich um diesen Fall ranken, sind inzwischen so zahlreich, so bizarr, dass in den Medien von einem Polizeiskandal die Rede ist.

Die junge Chinesin Yangjie Li, zum Architekturstudium nach Dessau gekommen, wurde am Abend des 11. Mai 2016 letztmals lebend gesehen. Zwei Tage später, am Vormittag des 13. Mai 2016, fand man ihre Leiche. Seit dem 24. Mai 2016 gibt es zwei Tatverdächtige, einen 20-jährigen Dessauer und seine gleichaltrige Verlobte. Sie sitzen in Untersuchungshaft.

Zuerst könnte man meinen: ein grausamer, schrecklicher Mord in einer kleinen deutschen Stadt – einer, wie er leider viel zu häufig vorkommt; bei dessen Aufklärung aber auf die Polizei Verlass ist.

Dann hört man vom ersten Zufall. Und fängt an zu zweifeln.

Der mutmaßliche Haupttäter nämlich, Sebastian F., entstammt einer Polizistenfamilie. Seine Mutter ist Polizistin, sein Stiefvater Jörg S. gar Chef des Dessauer Polizeireviers. Seit einigen Tagen steht der Verdacht im Raum, dass die Eltern ihm, F., beim Verwischen von Spuren geholfen haben könnten. Sie weisen das weit von sich. Aber es sind ziemlich viele Zufälle, die sie erklären müssen.

Am 25. Mai 2016, am Tag nach der Verhaftung der beiden Verdächtigen, wird die Sache zum Fall für Sachsen-Anhalts Innenminister. Holger Stahlknecht (CDU) will eigentlich auf eine Landpartie fahren. In Braunschwende, Kreis Mansfeld-Südharz, soll er auf einem Fest des MDR auftreten. Da erreicht ihn die Nachricht, dass es Ungereimtheiten bei Ermittlungen geben könnte. Stahlknecht, schon auf dem Sprung, zieht das Sakko wieder aus. Er berät mit seinen Leuten, was zu tun ist. Die Landpartie sagt er ab.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 24 vom 2.6.2016.

Was auch die Medien in diesen Tagen schon beschäftigt: Bis vor Kurzem hat das verhaftete Paar in einem Haus unweit des Tatorts gelebt. Warum sind bis zur Festnahme trotzdem elf Tage vergangen? Möglicherweise weil die Ermittler zwar unter Gullydeckeln nach Spuren gesucht und sogar die Dixi-Toilette beschlagnahmt haben, neben der die Leiche gefunden wurde. Darauf, die Häuser zu überprüfen, in deren direkter Nähe man die tote Studentin fand, wurde jedoch offenbar weitgehend verzichtet. "In diesem Punkt war das dilettantische Ermittlungsarbeit", sagt ein leitender Justizbeamter.

Inzwischen gehen die Beamten davon aus, dass die Leiche aus dem Fenster eines leer stehenden Hinterhauses geworfen wurde. Dieses Hinterhaus wiederum gehört zu jenem Gebäude, in dem das Pärchen bis vor wenigen Tagen – und noch zum Tatzeitpunkt – seine Wohnung hatte. Die Reihe der Zufälle beginnt hier erst richtig. So ist die Polizistin Ramona S., Mutter des Tatverdächtigen, vor der Festnahme ihres Sohnes an den Ermittlungen in dem Fall beteiligt, führt angeblich Befragungen durch, so unter Kommilitonen des Opfers. Das alles, bevor ihr Sohn zu den Verdächtigten gehört.

Jedoch erfährt sie früher als ihre Kollegen, dass ihr Sohn möglicherweise etwas mit dem Fall zu tun haben könnte. Nachdem in den Medien berichtet wird, dass fremde DNA-Spuren an der Leiche von Yangjie Li gefunden worden seien, sollen sich Sohn und Freundin an Ramona S. gewandt haben: Die Spuren könnten von ihm, dem Sohn, Sebastian F., stammen. Man habe sich am Abend vor dem Verschwinden von Yangjie Li mit einer Chinesin zum Sex getroffen, sie habe das Haus danach wieder verlassen. Nach eigener Aussage drängt Ramona S. ihren Sohn, die Version auch der Polizei vorzutragen. Das tut er am nächsten Tag. Die Erklärung von Sebastian F. und dessen Freundin erscheint den Beamten so obskur, dass das Paar verhaftet wird. Allerdings hindert das den Oberstaatsanwalt Folker Bittmann nicht, die Version des Paares auch auf einer Pressekonferenz am 24. Mai, bei der über die Festnahme der beiden 20-Jährigen informiert wird, in aller Ausführlichkeit auszuplaudern.

Sorglosigkeit, Mangel an Feingefühl – und manche bislang unaufgeklärte Merkwürdigkeit

Besonders darüber sind die Eltern der ermordeten Studentin, inzwischen aus China angereist, schockiert. Der Architektur-Professor Rudolf Lückmann, der die Eltern im Auftrag der Hochschule Dessau betreut, ärgert sich über den Staatsanwalt: "Er hätte einfach den Mund halten sollen", sagt Lückmann, "in China steht die Würde der Familie noch über dem Leben des Einzelnen." Der Vater habe eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingereicht.

Der indiskrete Umgang mit den Zeugenaussagen ist nicht der einzige Fauxpas, den sich Bittmann auf der Pressekonferenz am 24. Mai erlaubt. Schon die Szenerie der Veranstaltung ist obskur: Ein Dutzend Reporter wartet, bei regnerischem Wetter, draußen vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft und darf nicht hinein. Die ersten Minuten seines Vortrags verwendet Bittmann darauf, zu erklären, warum. Es handelt sich offenbar um eine Strafmaßnahme: Bei einer vorangegangenen Pressekonferenz hätten Journalisten die Toiletten "verschmiert hinterlassen". Nun lasse er sie nicht mehr herein.

Das sind die Prioritäten bei den Ermittlungen in einem Mordfall? Es vermengen sich, in diesen Dessauer Tagen, einige unschöne Zutaten. Zu ihnen gehören Sorglosigkeit, Mangel an Feingefühl – und manche bislang unaufgeklärte Merkwürdigkeit.

Wie die Merkwürdigkeiten um den Stiefvater des Verdächtigen. Als Leiter des Polizeireviers in Dessau hat er zwar offenbar nichts mit den Ermittlungen zu tun. Allerdings tritt er an einer anderen Stelle in Erscheinung. Am 21. Mai 2016, acht Tage nach dem Fund von Yangjie Lis Leiche – und drei Tage bevor Haftbefehl gegen Sebastian F. und seine Verlobte erlassen wird –, ziehen diese aus ihrer Wohnung aus und vom möglichen Tatort weg. Beim Umzug hilft: Jörg S. Der Polizeichef. Hat er also geholfen, Spuren zu beseitigen?

Schon der Anschein ist fatal. Am frühen Abend des 25. Mai lässt Innenminister Holger Stahlknecht seine Pressestelle vermutlich auch deshalb ein Statement verschicken: "Mit sofortiger Wirkung wurde die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt." Das Innenministerium hat den Dessauern die Aufsicht über die Ermittlungen entzogen. Alles, was da in Dessau passiert sei, könne der größte Zufall des Jahrtausends sein, sagt jemand, der die Arbeit der Dessauer Polizei beobachtet. Aber was, wenn nicht?

Es ist der 28. Mai, der dieser Geschichte schließlich noch eine besondere Wendung gibt. Die Eltern eines Verdächtigen – ungewöhnlich in einem Mordfall – äußern sich ausführlich im Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung (MZ). "Denn die Spekulationen sind nicht auszuhalten", sagt Jörg S. in dem Gespräch.

Der Auszug aus der Wohnung? Sei laut Ramona S. lange geplant gewesen, weil dort Schimmel entdeckt worden sei. "Ich war nicht dabei, weil ich Termine hatte", sagt sie. Der Stiefvater gibt derweil zu, beim Umzug zugegen gewesen zu sein. Aber: "Ich war nicht in der Wohnung, weil ich ahnte, wie unordentlich die aussieht." Im Ernst? Er habe nur den Hänger gefahren. "Wenn etwas Auffälliges auf dem Hänger gewesen wäre, hätte ich sofort reagiert."

Die MZ will in dem Gespräch von der Mutter wissen: Wenn sie Befragungen durchgeführt hat, hätte sie dann nicht auch die Ermittlungen beeinflussen können? "Ich hatte weder zu den Akten noch zu den Asservaten und Spuren Zugang. Für die Zeugenvernehmungen wurde mir ein Fragebogen ausgehändigt. Ich half ja nur aus", sagt sie.

Schon in der Vergangenheit soll Sebastian F. in Brandstiftungen und sogar einen sexuellen Missbrauch verwickelt gewesen sein. Den Verdacht, sie habe auch bei früheren Ermittlungen schützend die Hand über ihren Sohn gehalten, weist Ramona S. in dem Interview von sich. Auch Klaus Tewes, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg, sagt: "Für eine Vereitelungstat der Mutter oder des Stiefvaters haben wir derzeit keinerlei Verdachtsmoment." Während die polizeiliche Ermittlung aus Dessau abgezogen wurde, sieht die Naumburger Generalstaatsanwaltschaft keinen Grund, das Verfahren von der Dessauer Staatsanwaltschaft an sich zu ziehen. Man kann das wenigstens politisch ungeschickt finden. Denn wer dieser Tage von den Vorgängen in Dessau hört, denkt auch an den Polizeiskandal von 2005: Damals verbrannte hier der Asylbewerber Oury Jalloh unter bis heute nicht komplett aufgeklärten Umständen in einer Polizeizelle. "Ich bin froh, dass der Innenminister die Polizeidirektion Süd mit den Ermittlungen beauftragt hat. Wir müssen in Dessau jetzt jeden Anschein vermeiden", sagt der Grünen-Innenexperte Sebastian Striegel. Noch mehr Zufälle möchte niemand hier haben.