Grau. Sparkassengrau. Volksbankgrau. Huk-Coburg-Grau. Sie stehen auf der Aussichtsterrasse der Cocktailbar Mauritius hoch über der Fußgängerzone von Pforzheim und sehen nur Grau. Dabei sollte das hier doch angeblich der "schönste Dachgarten Deutschlands" sein. Der Ort, an dem sich die Besucher der Schlössle-Galerie, des "Top-Einkaufszentrums" Pforzheims, nach diesem Einkauf entspannen. Und nun das. Wie die Gespinste aus grauen Sagen hängen die Nebelschwaden über der Stadt. Von Mauritius keine Spur.

Dabei hat alles so gut angefangen. Am Pforzheimer Bahnhof hatte Sie die Aufschrift "Goldstadt an der Schwarzwaldpforte" begrüßt. Das hat Assoziationen geweckt. Von einer reichen, einer goldenen Stadt, ähnlich jener fernen Schönen an der Moldau. Verzweifeln Sie nicht! Ein wenig Glanz hat auch Pforzheim zu bieten.

Einen prächtigeren Bahnhof etwa werden Sie in keiner deutschen Großstadt finden. In den 1950er Jahren entstanden, gilt er als eines der herausragenden Beispiele der Nachkriegsarchitektur. Eine Eingangshalle, bei der eine komplette Seite aus Glas besteht. In der die Bodenplatten aus Kalkstein das einfallende Licht reflektieren. In der alles leicht und licht ist – wie die Hoffnungen auf eine bessere Zeit.

Wenn Sie den Bahnhof verlassen und einen Blick zurückwerfen, sehen Sie eine Fassade in Grau und Gold. Das ist keine Sinnestäuschung. In die Granitwand hat der Architekt goldene Steinchen gesetzt – als Hommage an die Goldstadt, in der seit zwei Jahrhunderten Schmuck hergestellt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Die Bahnhofstraße bringt Sie ins Zentrum. Hier sollten Sie weniger auf die Farben und mehr auf Formen achten. Manch fahles Mietshaus verwandelt sich so in eine Diva. Mit geschwungenen Balkonen, weit vorspringenden Dächern, mit Ecken und Kanten, die keine rechten Winkel kennen. Setzen Sie sich ins Eiscafé Rialto beim Markus-, nein, natürlich beim Marktplatz. Bestellen Sie ein Spaghetti-Eis oder – passend zur ersten grün-schwarzen Regierung des Landes – den beliebten Kiwibecher. Lassen Sie sich zurückfallen in der Zeit. Sie erblicken das deutsche Wirtschaftswunderland, wo der Turm der Sparkasse höher ist als die Türme der Altstadtkirchen.

Wenn Sie von all den grauen Steinen schließlich genug haben, müssen Sie nur ein paar Schritte weitergehen, zur Mündung der Nagold in die Enz. Dann sollten Sie sich entscheiden zwischen den beiden Schwarzwaldflüssen. Die Uferpromenade der Enz führt zum Enzauenpark mit seinem überaus stark frequentierten Biergarten. Die Nagold dagegen zum Schmuckmuseum.

Da gibt es manches zu bestaunen, selbst wenn Sie kein Schmuckfan sind. Zum Beispiel die Brosche, bei der ein Schmetterling und ein Tintenfisch eine kuriose Verbindung eingehen. In grünem und rotem Emaille leuchten die beiden Flügel des Falters, dazwischen aber prangen zwei unförmige, schwere weiße Perlen, die den Oktopus verkörpern. "Eleganz und Leichtigkeit gegen Boshaftigkeit und Schwere", so haben Kunsthistoriker das Jugendstil-Prachtstück gedeutet.

Natürlich können Sie in Pforzheim auch allerlei Glitzerkram kaufen. Die bekannteste Adresse dafür sind die Schmuckwelten in der Fußgängerzone, in ganz Europa soll es kein größeres Kaufhaus für Uhren und Schmuck geben. Ist im Sortiment von 150 Designern nichts für Sie dabei, dann werden Sie selbst zu einem. In den Schmuckwelten können Sie Ihr eigenes Kleinod herstellen. Gibt es eine bessere Erinnerung an die Goldstadt Pforzheim?