Flug von La Guardia, New Yorks Stadtflughafen, nach Portland/Maine, dann weiter mit dem Auto. Die Reise geht in den äußersten Nordosten der USA. Die Wälder sind grau und kaum belaubt, der Frühling beginnt sehr spät. Noch weiter nördlich fließt der Sankt-Lorenz-Strom, der große Fluss Kanadas, in den Atlantik. Dies ist eine gute Gegend für Hummerfänger und Walbeobachter, und vor allem ist es eine gute Landschaft, um zu schreiben.

In Maine wohnt auch Stephen King, der Meister des Horrors, der seinem Land die herrlichsten Zerrspiegel vorhält. Wir sind aber unterwegs zu Richard Ford, dem großen Realisten der amerikanischen Literatur, der es ohne Schauereffekt schafft, uns die komische, abgründige Gegenwart seines Landes zu erschließen. Warum besuchen wir ihn jetzt? Amerika, so scheint es, ist gespalten. Da ist es gut, die Stimme eines gelassenen Erzählers zu hören.

Richard Ford wohnt in einem weitläufigen Haus im Cape-Cod-Stil, es liegt direkt am Meer. Im Flur steht Kristina, seine Partnerin und erste Leserin seit Jahrzehnten, Fords Bücher sind alle ihr gewidmet. Ein kurzer Händedruck, dann ist sie aus dem Haus: Besorgungen im nahen Hafenstädtchen Boothbay. 13 Uhr, unser Gespräch beginnt. Richard Ford ist ein behänder, durchtrainierter 72-Jähriger, der manchmal mit aggressivem Vergnügen aufbraust wie ein junger Kerl. Er ist seit vier Uhr früh auf den Beinen und hat schon viereinhalb Schreibstunden hinter sich.

DIE ZEIT: Mr. Ford, wie hat sich die Lage des Landes in den letzten acht Jahren verändert?

Richard Ford: Die politische Lage des Landes ist alarmierend. Auf der einen Seite haben wir einen guten Präsidenten, den man mit ein wenig zeitlichem Abstand als einen großen Präsidenten einstufen wird – Obama hat sehr viel für die traditionell benachteiligten Bevölkerungsgruppen erreicht. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums sind üble und seltsame Dinge geschehen: kaum verhohlener Rassismus, Verblüffung angesichts der demografischen Entwicklung des Landes, das Gefühl, betrogen worden zu sein. Eine Regierung, die von den Konservativen lahmgelegt worden ist. Der Niedergang des politischen Diskurses.

ZEIT: Gibt es heute mehr Wut in Amerika als vor acht Jahren?

Ford: Es gibt eine sehr große Einkommensungleichheit. Viel Fremdenfeindlichkeit. Das Gefühl, die Regierung arbeite nicht sehr gut. In manchen Herzen entsteht deshalb Wut. Ob es mehr Wut gibt als vor acht Jahren? Vielleicht schon.

ZEIT: Glauben Sie, dass Obama Sie liest?

Ford: Ich habe keinen Grund, das anzunehmen. Vielleicht hat er meinen Namen schon mal gehört. Vielleicht aber auch nicht. Ich befasse mich nicht mit solchen Fragen.

ZEIT: Sie wünschten sich auch nicht, dass Trump Sie liest?

Ford: Ich wünsche mir, dass jeder Mensch mich liest. Ich möchte jeden als Leser haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

ZEIT: Wenn Trump in der Lage wäre, Ihre Texte zu verstehen, könnte das einen Prozess des Wandels in seinem Geist in Gang setzen?

Ford: Ich bin nicht dafür verantwortlich, welche Denkprozesse in den Lesern in Gang gesetzt werden. Das Einzige, wofür ich Verantwortung übernehme, ist es, die Leser von der ersten bis zur letzten Seite meines Buches zu führen. Das ist meine entscheidende Frage an meine Leser: Hast du das Buch gelesen? Hast du’s bis zur letzten Seite gelesen? Und was Trump betrifft: Es ist mir scheißegal, ob er mich liest. ( I don’t give a shit if he reads me or not.) Wenn wir mal voraussetzen, dass er lesen kann ...

ZEIT: Warum kommt Donald Trumps alttestamentarischer Furor so gut bei vielen Amerikanern an? Dieses "Wir holen uns zurück, was die anderen uns gestohlen haben"?

Ford: Er unterscheidet sich so sehr von allem, was sonst in der politischen Rhetorik zu hören ist – vor allem von Obamas wohlgesetzten, vernunftbetonten Worten. Das macht ihn für viele attraktiv. Und: Er spricht einer großen Zahl von Amerikanern aus der Seele, die sich betrogen fühlen. Sie fühlen sich auf dem absteigenden Ast.

ZEIT: Die abrutschende weiße Mittel- und Unterschicht?

Ford: Es sind vor allem Weiße, aber nicht nur. Auch einige Latinos empfinden so. Es fing alles mit Reagan an, dem Gottvater der Republikaner. Er versprach den Leuten der Mittelklasse, dass, wenn sie nur die Reichen unterstützen würden, sie selbst mit nach oben, in den Wohlstand gezogen werden würden. Man sprach vom trickle-down effect ...

ZEIT: Also: Der Reichtum sickert nach unten durch?

Ford: Genau. Aber Reagan bewirkte das Gegenteil. Reichtum sickert nie nach unten, jeder in der Republikanischen Partei weiß das. Reichtum tropft nur dann nach unten, wenn es staatliche Umverteilungsmaßnahmen gibt, die ihn dazu zwingen. Sonst niemals! Ich glaube, diese Wahrheit bestimmt Amerikas gesellschaftliche Situation heute noch mehr als in den achtziger Jahren.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die Alarmstimmung der amerikanischen Rechten? Sie verhalten sich fast wie Leute, die überfallen worden sind.

Ford: Sie sind eine Minderheit, eine belagerte Minderheit. Sie haben das Gefühl, man schulde ihnen Geld, man schulde ihnen Jobs, und um die Wahrheit zu sagen: Sie haben Fox News, das ihnen seit mehr als 20 Jahren zubrüllt, dass sie sich zu Recht benachteiligt fühlen.