Bekannt ist das Schaffhauser Jazzfestival für seine klare Programmatik: Gezeigt wird, was der Schweizer Jazz zu bieten hat. Dies führt Jahr um Jahr im Mai dazu, dass Kritiker und Publikum eine Fülle junger Musiker sehen, die unerkannt hinter dem nächsten Berg leben.

Da kann man gelegentlich früh jemand Wunderbares entdecken wie den Pianisten Nik Bärtsch zum Beispiel, der inzwischen mit seinem Zürcher Zen-Funk um die Welt fliegt. Von den weniger Begabten hört man nie wieder, weil sie von Nachdrängenden zur Seite geschoben werden. Denn die Schweiz ist das Land mit der höchste Jazzerdichte Europas. Hier Gehör zu finden ist hart.

In der 27. Ausgabe des Festivals kommt nun erstmals und ausnahmsweise eine zweite Bedingung hinzu, die den Fokus weiter verengt: Heuer müssen die Bandleader auf der Bühne nicht nur Schweizer sein, sondern sogar Schweizerinnen.

Manchen Besucher stimmt die Ankündigung übellaunig: Ist die Bluse jetzt wichtiger als der Blues? Quote statt Note? Gibt es nicht genug Jazzmusikerinnen in der Geschichte, die ihre Hörer ohne Gender-Filter begeistert haben? Billie Holiday, Nina Simone, Alice Coltrane, Carla Bley?

An dieser Stelle wird die Nörgelei kleinlaut, weil die Liste weltberühmter Jazz-Ladys dann doch recht kurz ist. Zudem gilt: Die allermeisten der wenigen Frauen im Jazz sind Sängerinnen, dann kommen die Pianistinnen, und an anderen Instrumenten muss man sie lange suchen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Unter den aktuell 440 Jazzstudenten in der Schweiz sind 82 Frauen, weniger als ein Fünftel. Das detailreich informierende Programmheft des Schaffhauser Festivals zitiert Valérie Portmann, Jazz-Chefin an der Berner Hochschule der Künste: "In der Ausbildung haben wir bei den Instrumenten einen Frauenanteil von fünf bis sechs Prozent". Sie spricht von "dramatischen Verhältnissen."

Wenn nun besonders rare Bandleaderinnen vier Tage lang die Schaffhauser Bühne erklimmen: Sinkt dann die Qualität auf unter fünf Prozent des Üblichen? Oder sind die wenigen Frauen, weil sie sich durchsetzen, besser als viele Männer?

Das sind Fragen, die im Kulturhaus Kammgarn am Rheinufer in der schwülen Luft subtropischer Frühlingsabende heiß diskutiert werden könnten – werden sie aber nicht. Tatsächlich fühlt sich das Festival völlig normal an. Es gibt Herausragendes, Maues, Umstrittenes und Wirres, ganz wie immer und ganz ohne Testosteron-Östrogen-Front. Bemerkenswert ist eher die Selbstverständlichkeit, mit der man (impersonal!) vier Nächte lang weiblich inszenierten Jazz genießen kann, obwohl diese Erfahrung für alle Beteiligten neu und außergewöhnlich ist.

Klingen Frauen anders? Offenbar nicht.

Das aus drei Männern bestehende Programmkomitee will mit seiner Idee zuvörderst eine Musikerin ehren, die in diesen Tagen 75 Jahre alt wird. Die aus Schaffhausen stammende Pianistin Irène Schweizer eröffnete 1990 das erste Festival und beklagte damals schon, dass Veranstalter immer zu wenig Frauen einlüden. Zeitweise spielte sie selber in Frauen-Bands auf feministischen Events vor einem weiblichen Publikum, das sich allerdings – wie sie später beklagt hat – weniger für den Jazz als für die Jazzmusikerinnen interessierte.

Das hat sich nicht mal James Last getraut

Es ist eine herrliche Ironie, dass die rebellische Irène Schweizer, die für ihren Festivalabend eine Band aussuchen durfte, drei Männer antreten lässt. Aber vielleicht ist das zeitgemäßer Feminismus: Die Frau bestellt, die Männer liefern.

Hier ist es das Trio um den Basler Saxofonisten Domenic Landolf, dem sich als Überraschungsgast ein weiterer Mann hinzugesellt, der Zürcher Saxofonist Jürg Wickihalder. Vier Männer für Irène, die mit ihrer Lebensgefährtin in der zweiten Reihe sitzt und lauscht. Sie spielen nichts von Carla, dafür etwas von Thelonious, den Klassiker Bemsha Swing, in einer poetischen, geradezu altersmilden Fassung.

Auch an den anderen Abenden des Festivals holen die Damen Männer auf die Bühne. Die 31-jährige Pianistin Luzia von Wyl aus Luzern lässt gleich acht Herren antreten, die sie in keiner Weise dirigieren muss. Die wissen, was sie zu tun haben. Einmal sagt sie ein Stück für eine kleinere Besetzung an, bei dem sie selber nicht mitspielt. Dann geht sie von der Bühne und lässt die Männer allein mit dem von ihr komponierten Werk.

Das ist schon eindrucksvoll, das hat sich nicht mal James Last getraut. Der stand immer bei seiner Band und schnippte mit den Fingern. Der war so sehr Chef, dass er nichts mehr machen musste, aber gehen konnte er eben auch nicht.

Wenn es geschlechtsspezifische Momente dieses Festivals zu nennen gilt, zählt Luzia von Wyls Abgang dazu, als Akt weiblicher Souveränität: die Mackerin, die nichts mehr heraushängen lassen muss.

Nach dem Auftritt erzählt sie von ihrem Studium in Bern als einziger Frau unter lauter männlichen Kommilitonen. "Es gab auch nur männliche Dozenten", sagt sie, "und in einem Gebäude gab es nicht einmal eine Damentoilette." Lächelnd fügt sie hinzu: "Es hat mich nicht gestört."

Ihr Ensemble verschränkt Streicher mit Bläsern in eng geführtem Zusammenspiel. Filmmusiken klingen an, James Bond- Motive, schmissige Themen, perfekt intoniert. Wenn etwas fehlt, dann allenfalls das Loslassen, das Abheben, das Spirituelle.

Dies trifft nicht nur auf die Musik der Luzia von Wyl zu, sondern auch auf den flott-spröden Post-Bop der 24-jährigen Pianistin Marie Krüttli, auf die indisch grundierten Gesangsausflüge der weltläufigen Sarah Buechi, sogar auf die schamanenhafte Stimm- und Körper-Perkussion der Lisette Spinnler. Ideenreich, aber dann zu unentschieden; abwechslungsreich, doch deshalb zu austauschbar; gekonnt, bloß immer etwas zu gekonnt.

Ist diese Risikoscheu eine jugendliche Schwäche aus Mangel an existenzieller Erfahrung? Oder eine schweizerische Schwäche, die Rückseite der Präzision? Oder eine weibliche Schwäche?

"Jazz ist mit bestimmten Attributen verbunden", sagt im Programmheft Marianne Doran von der Abteilung Musik der Hochschule Luzern. "Er ist wild, aggressiv, ekstatisch. Frauen sind kulturell leider immer noch anders geprägt; sie neigen dazu, sich im Hintergrund zu halten, sich fremdbestimmen zu lassen, auf Anerkennung zu warten. Wie viele Frauen gibt es wirklich, die so dominante Instrumente wie die Posaune oder die E-Gitarre spielen?"

In Schaffhausen greift nur eine Frau ernstlich zur E-Gitarre; es ist die 33-jährige Claire Huguenin aus der Romandie. Sie bewegt sich anders auf der Bühne als all die anderen jungen Frauen. Sie führt nichts auf. Sie ist da. Sie ist auf faszinierende Art präsent. Ihr Projekt Jibcae hat sie nur mit Saiteninstrumenten versehen. Klavier, Bass, Gitarre, Harfe. Kein Schlagzeug. Sie setzt die Akzente mit ihrer Stimme, die sie überstrapaziert. Das kann man kritisieren, aber sie schert sich nicht darum.

Obwohl sie ein Stück von Gershwin singt, scheint von Gershwin wenig durch. Sie wurde irgendwie nach Schaffhausen eingeladen, und nun ist sie eben hier. Ihr Song Patchwork Heart wird zu einem völlig unerwarteten Höhepunkt des Festivals. Auf Deutsch ginge der englische Text ungefähr so: Mein Vater wurde geboren in Amerika / Er wuchs auf an der Riviera / Seine Eltern sprachen ein Kauderwelsch, das er nie verstand / Später stellte sich heraus / Das war Schwyzerdytsch.

Dann singt sie von ihrer Mutter, die den Katholizismus zugunsten der Psychiatrie aufgab, von ihren vielen Halb- und Adoptivgeschwistern, von den Brüdern in Afrika und auf dem Mond.

"I have a patchwork heart!"

Das Lied ist eine Liebeserklärung an die Kraft des Unreinen, an die Grenzenlosigkeit und Widersprüche unseres Seins, an das wilde, schöne Leben in der Schweiz und auf der ganzen Welt. Es ist – Jazz.