Nur fünf Buchstaben änderte unser Redakteur in einem Text unserer Autorin. Daraus entwickelte sich ein Streit: Über Sprache, Gender und die Macht an den Unis.

Von: Anna-Lena Scholz

An: Thomas Kerstan

Lieber Thomas,

vielen Dank für Deine gute Redigatur meines Artikels! Ich bin mit allen Korrekturen einverstanden – fast jedenfalls. Du hast aus den "Studierenden" in meinem Text die "Studenten" gemacht. Das generische Maskulinum verschluckt die Studentinnen, mit denen ich bei meiner Recherche gesprochen habe! Einverstanden, dass wir die geschlechtsneutralen "Studierenden" in meinem Artikel stehen lassen?

Herzliche Grüße

Anna-Lena

Von: Thomas Kerstan

Liebe Anna-Lena,

Du kannst gern bei den Studierenden bleiben, ich will Dir als Autorin da keine Vorschriften machen. Ich aber mag das Wort "Studierende" nicht und werde weiter von "Studenten" schreiben, wenn ich junge Menschen beiderlei Geschlechts meine, die studieren. Das Wort ist kurz und hat sich bewährt. "Studierende" klingt für mich hingegen gestelzt und bürokratisch. Rund die Hälfte der Studenten ist weiblich; ich sehe nicht die Gefahr, dass ein Wort sie verschlucken könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Herzliche Grüße zurück,

Thomas

Von: Anna-Lena Scholz

Lieber Thomas,

Du bist ja selbst Journalist und weißt, wie mächtig Sprache sein kann. Sie bildet die Welt nicht spiegelbildlich ab, sondern prägt und formt unsere Realität. Übrigens haben sprachwissenschaftliche und psychologische Studien nachgewiesen, wie groß der Einfluss geschlechtergerechter Sprache ist: Wenn wir von Politikern, Lesern, Studenten sprechen, dann aktiviert das in unserem Gedächtnis nur männliche Personengruppen. Verwenden wir ein neutrales Wort oder die Paarform, stehen uns imaginär Männer und Frauen vor Augen. Deswegen stört es mich, dass Ihr in der ZEIT fast immer von Studenten, Professoren, Hochschulpräsidenten sprecht. Ich sehe dann lauter Männer und eine Hochschulwelt von gestern.

Schöne Grüße

Anna-Lena

Von: Thomas Kerstan

Liebe Anna-Lena,

stimmt, Sprache kann sehr mächtig sein. Sie muss aber auch gut gepflegt werden, damit sie ein scharfes Schwert bleibt und nicht zu Brei wird. Das Herumdoktern an ihr, um sie vermeintlich gerechter oder weniger diskriminierend zu machen, tut ihr in den meisten Fällen nicht gut. Aus dem Lehrling wurde der Auszubildende, im Volksmund schnell zum Azubi verkürzt, sein weibliches Pendant zur Azubine verjuxt. Das umständliche "Studierende" hilft Dir ja auch nur in der Pluralform; im Singular musst Du Dich dann für das eine oder das andere Geschlecht (wir gehen jetzt einmal altmodisch von zwei Geschlechtern aus) entscheiden. Und ich hab mal nachgeschaut: Seit 2014 stand in der ZEIT 220-mal das Wort "Studierende". Dass wir das nicht drucken, stimmt also gar nicht.

Herzlichen Gruß

Thomas