Von: Anna-Lena Scholz

Die Sprache ein "scharfes Schwert"? Meine Güte, wen möchtest Du damit bekämpfen??

Von: Thomas Kerstan

Die Retortenwörter! Sie nerven mich, weil sie hässlich klingen und Fremdkörper in unserer Sprache sind. Das merkst Du sehr gut daran, dass sie sich nicht für Gedichte oder Lieder eignen. Beim Abwägen zwischen "geschlechtergerechter" Sprache und guter Sprache entscheide ich mich für die gute Sprache.

Von: Anna-Lena Scholz

Ehrlich gesagt – wenn die sprachliche Brillanz und argumentative Kraft eines Zeitungsartikels am seidenen Faden des generischen Maskulinums hängt, dann taugt er nicht viel. Ich will mehr Mut zur Kreativität! Mal von Studierenden, mal von Studenten, mal von Studentinnen reden. Oder so lange an der Formulierung basteln, bis man auf ein geschlechtlich codiertes Wort verzichten kann. Die Neuerfindung "Profx" ist auch eine tolle Idee! Für mich ist "gute Sprache" eine politisch reflektierte und bewegliche Sprache, die unseren emanzipatorischen Freiheitsgewinnen Ausdruck verleiht.

Feministisch grüßt:

Anna-Lena

PS: Ich gehe nicht von nur zwei Geschlechtern aus!

Von: Thomas Kerstan

Profx? Auweia! Das passt gut zu "ächz, würg, stöhn" im Comic, aber nicht in einen Zeitungsartikel, dessen Qualität an vielen seidenen Fäden hängt. Ich kann dem Streit um formale Mätzchen nichts abgewinnen. Das geht ja weiter bei dem aktuellen (ich finde: albernen) Streit um das Wort "Flüchtlinge", das einige durch "Geflüchtete", "Flüchtende" oder was weiß ich ersetzen wollen. Ich habe große Zweifel daran, dass die Einsätze der Sprachpolizei einen Gewinn an Freiheit bringen; ich befürchte eher das Gegenteil. Also: viel Aufwand für wenig Effekt. Es gibt wirklich wichtigere Dinge.

Von: Anna-Lena Scholz

Ach, und wer definiert bitte schön, was "wichtige Dinge" sind? Frauen mussten sich den Zugang zu Bildungsinstitutionen erkämpfen, das ist gerade mal hundert Jahre her. Schreibweisen wie "Professor_innen" oder "Student*innen" aktivieren unser historisches Bewusstsein. Das Sternchen als Gedankenstütze, vielleicht ja gerade für Leute wie Dich ... Bildung ist eine Ressource, die von jeher ungleich verteilt wird. Ich will, dass sich das endlich ändert.

Von: Thomas Kerstan

Findest Du nicht, dass Du übertreibst? Mädchen machen das bessere Abitur, 50 Prozent der Studenten sind weiblich. Diese Zahlen sprechen doch für sich. Jetzt bist Du diejenige, die von einer "Hochschulwelt von gestern" spricht ...

Von: Anna-Lena Scholz

Na, wenn das so ist, dann machen wir doch mal den Umkehrtest. Die Universität Leipzig hat sich neulich eine neue Verfassung gegeben. Sie ist im generischen Femininum formuliert, es ist formal also nur von "Studentinnen", "Professorinnen", "Rektorinnen" die Rede. Die Männer sind natürlich mitgemeint! Schlimm?

Von: Thomas Kerstan

Davon geht die Welt nicht unter. Aber unsere schöne Sprache leidet darunter, wenn sie krampfhaft umgemodelt wird. Mehr Professorinnen und Rektorinnen? Unbedingt. Der Kampf darum kommt wunderbar ohne Sprachakrobatik aus.

Von: Anna-Lena Scholz

"Unsere" Sprache? Wer ist denn dieses Wir? Mir behagt Dein Festhalten am vermeintlich überhistorischen "Schönen" nicht. Weißt Du eigentlich, was Professorinnen, die so argumentieren wie ich, von rechtskonservativen Kräften für Hassbotschaften einstecken müssen? Da geht’s nicht nur um "schöne Sprache", sondern um die politische Frage, wer im öffentlichen Diskurs seine Stimme erheben darf. Vielleicht ja auch Menschen, die "unserer" Sprache noch gar nicht mächtig sind?!

Ah, und da fällt mir noch ein: die Umbenennung der "Studentenwerke" in "Studierendenwerke". Schon klar, auch das findest Du albern. Ich finde aber bezeichnend, wie der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, das begründet. Er hat im Tagesspiegel gesagt: "Die seit 1921 existierende und gut eingeführte Marke 'Deutsches Studentenwerk' würde sonst wohl einen nicht zu unterschätzenden Verlust erleiden." Eine öffentlich finanzierte Bildungsinstitution erleidet also einen "Verlust", wenn sie sprachlich zum Ausdruck bringt, dass sie auch Frauen offensteht? Das macht mich richtig wütend.

Aber immerhin beweist Deine sprachliche Aufrüstung ("Schwert", "Sprachpolizei"): Es geht um etwas.

Von: Thomas Kerstan

Ich bitte um Gnade: Waffen- und Kriegsmetaphern sollten im Gender-Diskurs erlaubt sein, seitdem auch Frauen in der Bundeswehr dienen! Und Achim Meyer auf der Heyde hat vollkommen recht, wenn er sich gegen die Umbenennung des Deutschen Studentenwerks ausspricht. Vermutlich wird es nichts nützen, weil die meisten männlichen Hochschulangehörigen (Achtung: Kriegsmetapher!) schon die Waffen gestreckt haben.

Von: Anna-Lena Scholz

Ich halte mich lieber an die besseren Argumente. Hab’ gerade ergoogelt, dass sich Nachweise für die "Studierenden" schon in Dokumenten des 19. Jahrhunderts finden!

Von: Thomas Kerstan

Stimmt, das Wort "Studierende" ist tatsächlich in alten Schriften zu finden, hat sich aber in der Alltagssprache aus gutem Grund nicht durchsetzen können. Erst die künstliche Beatmung durch die Ritter der "gerechten Sprache" hat es wieder zum Leben erweckt. Ich fürchte, dass die politische Korrektheit siegen wird. Aber es ist und bleibt eine sprachliche Verhunzung. Belassen wir es jetzt dabei?

Herzliche Grüße

Thomas

Von: Anna-Lena Scholz

Siehst Du, ebendas unterscheidet uns: Ich habe nicht vor, die Dinge zu belassen, wie sie sind.

Herzlich!

Anna-Lena