24. Juni 2016, 7 Uhr, Großbritannien

Als die Briten an diesem Freitagmorgen erwachen, leben sie in einem anderen Land.

Die ganze Nacht lang ist ausgezählt worden, gegen zwei Uhr liefen die ersten Resultate ein, mal lagen die Brexit-Befürworter vorn, dann wieder die EU-Anhänger.

Jetzt, pünktlich zum Frühstück, während die Bürger an ihrer ersten Tasse Tee nippen, zeigen die Info-Grafiken im Fernsehen eine zweigeteilte Nation: Stadt gegen Land. Jung gegen Alt. Gebildet gegen Ungebildet. Auf den Landkarten sind die Großstädte blau eingefärbt ("Bleiben") und die Gegenden drum herum rot ("Gehen"). Der Nordosten Englands ist ein roter Block, Schottland ein blauer.

Aber es gibt keinen Zweifel mehr: Mit einer hauchdünnen Mehrheit haben sich die Briten für den Austritt aus der EU entschieden.

Reporter berichten von spontanen Straßenpartys, auf denen die Leute mit glänzenden Augen erzählen, dass Großbritannien endlich frei sei.

Politiker, Banker, Anwälte, Redakteure in der gesamten EU greifen zu den Telefonen. Die Gemeinschaft steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte.

24. Juni, 8.30 Uhr, Berlin, Kanzleramt

Oben im siebten Stock des Kanzleramts, mit weitem Blick über den Tiergarten, hat Angela Merkel ihre engsten Vertrauten um sich versammelt, ihren außenpolitischen Berater Christoph Heusgen, den EU-Abteilungsleiter Uwe Corsepius, den Regierungssprecher Steffen Seibert sowie Beate Baumann, ihre Büroleiterin. Schon seit Stunden hat Merkel telefoniert, mit Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier, mit dem französischen Präsidenten François Hollande und mit dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

"Wir sind jetzt im Blindflug", sagt ein hoher Beamter.

Natürlich hat es in den vergangenen Wochen immer wieder vertrauliche Runden gegeben, kleine Kreise, in denen die möglichen Folgen eines Brexit diskutiert wurden. Zweimal haben sich die Außenminister der sechs EWG-Gründungsländer getroffen. Sie wollen auch an diesem Nachmittag wieder zusammenkommen, in Berlin, als Signal der Einigkeit. Aber niemand hat einen detaillierten Plan B. Dafür gibt es zu viele Unbekannte: Wie reagieren die Märkte? Was macht Cameron? Wie schnell wollen die Brexit-Befürworter raus aus der EU?

Jetzt muss es rasch gehen. Keine Schockstarre, kein Durcheinanderquatschen. Die EU soll Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit demonstrieren. Über die offiziellen Formeln wird zügig entschieden. Dass man die Entscheidung des britischen Volkes bedauere, aber respektiere. Dass die EU stark sei und einig.

Doch das ist nur die Sprachregelung für die Pressekonferenzen, für die Abendnachrichten. In Wahrheit liegen die Dinge komplizierter.

Die Frage lautet nicht nur: Was sagen? Mindestens so wichtig ist die Frage: Wer sagt etwas, in welchem Format? Ideal wäre eine Erklärung aller 27 EU-Mitglieder ohne Großbritannien. Aber lässt sich das so schnell organisieren? Zu unterschiedlich sind die Interessen. Polen und Ungarn könnten Sympathien für den Ausstieg zeigen.

Also ein kleinerer Kreis? Nur die sechs EWG-Gründungsmitglieder? Doch wie käme das bei den Osteuropäern an? Auf keinen Fall will Merkel allein vor die Presse treten, besser zusammen mit Hollande. Nur: Wo können die beiden gemeinsam auftreten? In Paris? In Berlin? In Brüssel?

Es kommt jetzt auf Nuancen an, auf Tonlagen, auf Symbole.

So viel jedenfalls steht fest: Nichts, was Merkel heute sagen kann, wird die Größe der Erschütterung erfassen.

Mitten hinein in die Beratungen platzt ein Anruf aus London. Cameron ist dran, der geschlagene Premierminister. Er will Merkel sprechen. Die Kanzlerin nimmt ihr Telefon, tritt an ein bodentiefes Fenster. "David?"

#exitcameron

24. Juni, 8 Uhr, City of London, Paternoster Square, London Stock Exchange

Wie an jedem Tag eröffnet die Londoner Börse pünktlich um acht Uhr. Über die riesige Lichtskulptur im Atrium beginnen die Handelsdaten zu laufen. Sie weisen alle in eine Richtung: nach unten.

Das Pfund gibt um mehr als 20 Prozent nach.

Ein paar Blocks weiter, in der Threadneedle Street, dem Sitz der Bank von England, öffnet Notenbankchef Mark Carney seinen Tresor. Darin liegt der Plan für den Fall des Brexit. Mehr als ein Jahr lang hat eine Spezialeinheit daran gearbeitet, unter der Chiffre "Project Bookend". Nun ist es so weit. Die Notenbank geht in den Notfall-Modus.

Die Bank von England erwartet, dass auf den Austrittsbeschluss ein Wachstumseinbruch folgen wird. Unternehmer werden wegen der unübersichtlichen Lage weniger investieren, Verbraucher weniger konsumieren. Die Wirtschaft könnte um bis zu sechs Prozent schrumpfen, bis zu 800.000 Arbeitsplätze seien unmittelbar in Gefahr, glauben die Banker.

Carney weiß, dass er die Arbeitsplätze nicht retten kann. Er kann nur verhindern, dass an den Finanzmärkten Chaos ausbricht. Deshalb hat er die britischen Banken schon vor der Entscheidung mit frischem Geld versorgt, und deshalb öffnet er nun erneut die Schleusen.

24. Juni, 9.20 Uhr, Berlin, Regierungsviertel

Hintergrundgespräch eines deutschen Spitzenbeamten mit einem britischen Wirtschaftsjournalisten.

"Natürlich hoffen wir, dass die Kosten, die Großbritannien durch die Verunsicherung der privaten Märkte entstehen, so hoch sind, dass der Brexit sofort auf alle anderen EU-Mitglieder abschreckend wirkt. Politisch wäre das für uns das präferierte Ergebnis."

"Klaus, wollen Sie damit sagen: Wenn die Kurse in London massiv nachgeben, ist das gut für die EU?"

"Sie können mich damit natürlich nicht zitieren, John, aber so ist es. Dann kapieren die Populisten in anderen Ländern hoffentlich, dass ein Ausstieg aus der EU seinen Preis hat. Einen hohen Preis."

24. Juni, 11 Uhr, London, 10 Downing Street

David Cameron stößt die schwarz lackierte Tür seines Amtssitzes in der Downing Street auf. Draußen wartet die Weltpresse. Cameron muss jetzt sagen, was er nie sagen wollte. Er muss erklären, was er selbst nicht ganz versteht.

Er tritt an das hölzerne Pult, hinter dem er in den vergangenen sechs Jahren so oft gestanden hat. Die Schatten unter seinen Augen verraten, dass er kaum geschlafen hat. "Das britische Volk hat gesprochen, und ich respektiere sein Votum: Großbritannien hat sich entschieden zu gehen."

Cameron weiß, dass dies ein historischer Moment ist. Wahrscheinlich der einzige Augenblick, der von seiner Amtszeit in Erinnerung bleiben wird: das Ende Großbritanniens in der EU.

Cameron drückt den Rücken durch. "Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das Amt des Premierministers noch weiter ausfüllen kann", sagt er und holt hörbar Luft. "Ich denke, dass jemand, der an die Entscheidung zu gehen glaubt, besser in der Lage ist, sie auch umzusetzen."

Cameron sagt noch einige Sätze über die britische Demokratie, über die Freundschaft zu Europa. Er verspricht, die Geschäfte zu führen, bis ein Nachfolger gefunden sei. Dann verschwindet er wieder hinter der schwarzen Tür von 10 Downing Street 10. Er ist raus.

Breaking News rund um die Welt. Der Hashtag #exitcameron explodiert bei Twitter. Und die Kommentatoren im Fernsehen fragen sofort: Wer wird jetzt Premierminister? Boris Johnson, der frühere Bürgermeister von London und Anführer der Brexit-Befürworter? Theresa May, die ehemalige Innenministerin? Oder Schatzkanzler George Osborne, Camerons Kronprinz?

24. Juni, 12 Uhr, Brüssel, Pressesaal des EU-Kommissionsgebäudes

Jean-Claude Juncker kann seine Erschütterung nicht verbergen. Blass tritt er vor die Journalisten, tiefe Furchen durchziehen sein Gesicht. Die ganze Nacht hat er im Büro verbracht, nur eben noch einen Kaffee in einem Bistro getrunken, ganz allein. Er hat diesen Moment gefürchtet, aber wie die meisten in Brüssel hat er bis zum Schluss nicht daran geglaubt.

Juncker beginnt seine kurze Erklärung auf Englisch, dann fährt er auf Französisch fort. Selbst das ist ein Signal heute.

"Eine Mehrheit der britischen Wähler hat entschieden, die Europäische Union zu verlassen. Ich respektiere diese Entscheidung, auch wenn ich sie für falsch halte."

Der fensterlose Pressesaal im Untergeschoss der Kommissionszentrale hat den Charme eines Bunkers. Es ist brechend voll, schnell wird die Luft knapp. "Wann werden die Verhandlungen mit Großbritannien beginnen?", fragt ein Journalist. Und: "Wird das Königreich auch künftig Zugang zum EU-Binnenmarkt haben?" Juncker hat auf diese Fragen gewartet. "Der Deserteur wird nicht mit offenen Armen empfangen", sagt er streng und verweist auf Artikel 50 des EU-Vertrags. Dieser Artikel regelt den Austritt eines Mitgliedsstaates, nur fünf kurze Paragrafen. Eigentlich gemacht, um sie nie anzuwenden.

Zunächst müsse die britische Regierung den anderen Ländern offiziell mitteilen, dass ihr Land die EU verlassen wolle, erklärt Juncker. Erst danach könnten die Verhandlungen beginnen. Und: "Out heißt out. Die EU zu verlassen bedeutet auch, den Binnenmarkt zu verlassen."

24. Juni, 14 Uhr, Bethmannstraße 3, Stadtverwaltung Frankfurt am Main

Markus Frank hat sich ein Brötchen bringen lassen, aber bislang konnte der Wirtschaftsdezernent der Stadt Frankfurt nur ein Mal hineinbeißen. Seit dem Morgen klingelt sein Telefon. Seine Gesprächspartner sind Banker, Anwälte, Beratungsfirmen aus London, die überlegen, an den Main zu ziehen.

Frank war nie für den Brexit. Aber er weiß auch, dass darin eine gewaltige Chance für Frankfurt liegt. Die Stadt ist für viele Banken jetzt die erste Wahl, nachdem London nicht mehr zur EU gehört.

Laut einer Studie von Martin Hellmich, Professor an der Frankfurt School of Finance, könnten etwa 20.000 Banker nach Frankfurt umziehen.

Markus Frank hat jedenfalls schon ausrechnen lassen, wie viel zusätzliche Bürofläche kurzfristig zur Verfügung stünde – etwa 1,2 Millionen Quadratmeter. Da passen einige Neubewohner hinein.

24. Juni, 17 Uhr, Nanterre bei Paris, 76 rue des Suisses

Am Parteisitz des rechtsradikalen Front National im Pariser Vorort Nanterre tritt die Parteiführung um Marine Le Pen zusammen.  Es gibt nur ein Thema, die Folgen des Brexit für Frankreich. Genauer: für den Front National.

Dabei sind auch der Wirtschaftsberater der Parteichefin, Philippe Murer, und der Wahlkampfexperte des FN, Michel Guiniot. Die beiden verhaken sich sofort ineinander: Soll die Partei jetzt einen Austritt Frankreichs aus der EU propagieren – einen Frexit?

Murer warnt, eine Frexit-Kampagne könne leicht wie Trittbrettfahrerei aussehen. Guiniot hält dagegen. Er wittert das Kampfthema für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. "Der Brexit ist ein Donnerschlag. Es geht um nationale Souveränität und Unabhängigkeit, unsere zentralen Forderungen. "Um 19 Uhr lässt sich Marine Le Pen hinüber nach Boulogne-Billancourt fahren, zu den Studios des Fernsehsenders TF1. In den Hauptnachrichten um 20 Uhr ist der Brexit das Aufmacherthema, aus dem Élysée-Palast gibt es eine offizielle Erklärung von Präsident Hollande, der den Austritt der Briten bedauert, aber nun eine verstärkte Zusammenarbeit mit Berlin ankündigt. Um zehn nach acht hat Le Pen zwei Minuten Sendezeit, live.

"Der Brexit ist ein Symbol für die wiedergefundene Freiheit der Völker Europas", sagt sie, "ein Sieg über das herrschende System. Er zeigt, dass die EU kein Gefängnis ist, aus dem man nicht entkommen kann. Auch die Franzosen werden den Mut finden, sich zu befreien!"

26. Juni, 14 Uhr, Brüssel, Kommissionsgebäude

Zum ersten Mal seit dem Brexit tritt die EU-Kommission zusammen, an einem Sonntag. Das hat es seit ewigen Zeiten nicht gegeben. Jean-Claude Juncker sieht immer noch blass aus, aber immerhin versucht er wieder ein paar seiner berüchtigten Scherze.

Über das Wochenende haben alle durcheinandergeredet, Politiker, Politologen, Kommentatoren. Keine Spur von der beschworenen Einigkeit Europas.

Einer der Ersten, die sich zu Wort gemeldet haben, war der frühere belgische Premierminister Guy Verhofstadt. Der Abschied der Briten sei bedauerlich, biete aber eine Chance: "Nur mit einer echten politischen Union hat Europa eine Zukunft." So schnell wie möglich müsse die Wirtschafts- und Währungsunion jetzt vertieft werden.

Mehr Europa als Antwort auf die Europaskepsis? Der Präsident des Europäischen Rats, der Pole Donald Tusk, hält sofort dagegen: "Das Gespenst eines Zusammenbruchs der Union geht um, da scheint mir die Vision einer Föderation nicht die beste Antwort zu sein." Die EU dürfe nicht den Eindruck vermitteln, sie habe den Schuss aus London nicht gehört.

Juncker will all das nicht kommentieren. Er drängt auf Pragmatismus: "Wir müssen jetzt arbeiten, arbeiten, arbeiten!", ruft er seinen Kollegen zu.

Tausende von Rechtsverhältnissen müssen entflochten, die finanziellen Verpflichtungen zwischen der EU und Großbritannien müssen auseinandergerechnet werden. Zahllose Fragen sind offen: Wie wird künftig die Grenze zwischen Irland und Nordirland – demnächst eine EU-Außengrenze – kontrolliert? In welchen Gewässern dürfen britische Fischer noch fischen? Und brauchen Briten bald ein Visum für Besuche in EU-Staaten?

Juncker plädiert für faire Verhandlungen. Man dürfe, sagt er, den Briten keine "künstlich induzierten Kosten" auferlegen. Will heißen: London soll nicht bestraft werden. Das würde nur weitere Ressentiments gegen die EU erzeugen. Keiner im Kreis der 28 Kommissare spricht es aus, aber das ist die größte Sorge im Saal: dass andere dem britischen Beispiel folgen. Dass eine Austrittswelle beginnt.

Ohne Großbritannien kann die EU noch weitermachen, irgendwie. Aber ohne Frankreich?

A New Deal for Britain

27. Juni, 11.30 Uhr, Sintra, Portugal, Hotel Penha Longa

Wenn er unterwegs ist, hat Vitor Constâncio immer ein Kryptohandy dabei, mit dem er abhörsicher telefonieren kann. Der Portugiese ist im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) dafür verantwortlich, dass das Kapital die Nerven behält, wenn irgendwo auf dem Globus etwas nicht nach Plan läuft. So wie jetzt. Dann steht er bereit, um mit billigem Geld die Panik zu ersticken.

An diesem Montag ist Constâncio in Sintra, einer Kleinstadt in der Nähe von Lissabon. Die EZB veranstaltet dort eine Konferenz mit Bankern und Ökonomen aus aller Welt. Während er sich um seine Gäste kümmert, lässt sich Constâncio von seinen Leuten in Frankfurt pausenlos über das Geschehen an den Finanzmärkten informieren.

Sie haben gute Nachrichten. Der leichte Aufwärtstrend, der sich schon am Freitag kurz vor Handelsschluss angedeutet hatte, setzt sich fort. Die Börsen in Asien bleiben stabil. Das Eingreifen der britischen Notenbank scheint zu wirken.

Constâncio steckt sein Handy ein. Kurz schaut er über die traumhafte Landschaft rings um das Luxushotel. Was ihm wirklich Sorgen macht, sind nicht die kurzfristigen Reaktionen auf den Brexit, sondern die langfristigen. Die Angst vor der Angst: die Furcht, dass nach dem Austritt der Briten andere Staaten folgen könnten – und dass Investoren diese Entwicklung vorwegnehmen und heute schon Geld aus Europa abziehen, weil sie fürchten, dass sich die Währungsunion auflöst. Dann geht es nicht mehr um Kursverluste an den Aktienmärkten. Dann droht eine schwere Weltwirtschaftskrise.

28. Juni, 16.30 Uhr, Brüssel, EU-Ratsgebäude

Es sieht aus wie immer bei EU-Gipfeln: Limousinen fahren vor, Türen werden geöffnet, Staats- und Regierungschefs steigen aus. Sie eilen an Kameras und Mikrofonen vorbei, einige stoppen kurz. Auch Angela Merkel. Sie hat eine Meisterschaft darin entwickelt, Aufregung an sich abprallen zu lassen. Natürlich sei die Situation ernst, sagt sie, aber nun müsse man erst mal abwarten, was der britische Premierminister vortragen werde. Ein Nicken, ein Lächeln, schon ist sie im Ratsgebäude verschwunden.

Am Wochenende war Merkel in Paris, sie hat mit dem französischen Präsidenten gesprochen, 5 auch der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi war dabei. Kurz haben sie erwogen, einen Sondergipfel einzuberufen, aber die Lage ist schon dramatisch genug. Besser Routine demonstrieren. Also bleibt es beim lange geplanten Termin an diesem Dienstag.

Als einer der Letzten betritt David Cameron das Ratsgebäude. Es ist sein letzter Auftritt im Kreise der Regierungschefs. Dead man walking.

Noch bevor das Treffen beginnt, macht Cameron deutlich, dass er heute keinen Antrag auf Austritt seines Landes aus der Union stellen wird. Das überlässt er gern seinem Nachfolger.

Im Sitzungssaal im fünften Stock wird Cameron reserviert begrüßt. Nur der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán schüttelt ihm kräftig die Hand. Am Tisch sitzt Cameron zwischen den Ministerpräsidenten aus Malta und Estland, ganz in der Nähe des Ratspräsidenten. Das Wort ergreift er nicht.

Bis tief in die Nacht diskutieren die Staats- und Regierungschefs die Folgen des Brexit. Erst am frühen Morgen wenden sie sich anderen Fragen zu: der Lage in Griechenland. Den Sanktionen gegen Russland. Der Flüchtlingskrise. Die Welt steht ja nicht still, nur weil Großbritannien sich ausklinkt.

7. Juli, Edinburgh, Bute House, Amtssitz der schottischen Ministerpräsidentin

Nicola Sturgeon, die schottische Ministerpräsidentin, wird nicht oft laut. Nur wenn es sein muss.

Ihr Vorgänger Alex Salmond drängt seit dem 24. Juni immer heftiger auf ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum. Sollten die Engländer die Schotten mit aus der EU führen, sagt er, dann müsse sich Schottland aus dem Vereinigten Königreich lösen, um weiter zu Europa gehören zu können.

Salmond träumt von einem unabhängigen Schottland, von einer neuen Staatsgrenze, die ungefähr entlang des römischen Hadrianwalls verlaufen würde. Die Queen müsste sie überqueren, wenn sie ihren Sommersitz Balmoral aufsuchen wollte. Aber wäre sie dann überhaupt noch Königin von Schottland?

Auch Nicola Sturgeon will ihr Land in die Unabhängigkeit führen.  Das hat sie Salmond am Telefon gesagt, sehr deutlich. Aber sie will ein zweites Unabhängigkeitsreferendum erst dann, wenn sich eine Mehrheit für eine Abspaltung abzeichnet. Im Moment jedoch wollen laut Umfragen nur 39 Prozent der Schotten wirklich eigenständig werden. Mit gutem Grund: Ein unabhängiges Schottland wiese ein gigantisches Haushaltsloch auf. Bislang kommt London für das Defizit auf.

"Willst du das Land ruinieren, nur um deinen Willen zu kriegen?", brüllt Sturgeon in den Hörer. Aber vielleicht hatte Salmond da schon aufgelegt.

20. Oktober, 17 Uhr, Brüssel, EU-Ratsgebäude

Drei Monate sind seit dem Brexit vergangen. Großbritannien ist immer noch Mitglied der EU, die britische EU-Botschaft hat sogar ihr Personal aufgestockt, von 120 auf fast 200 Mitarbeiter, um die Austrittsverhandlungen zu führen.

Zum heutigen Gipfel wird das erste Mal der neue britische Premierminister Boris Johnson in Brüssel erwartet. Gleich nach der Sommerpause war er von den Konservativen im Unterhaus neben Theresa May nominiert worden, dann hatte die Basis ihn an die Spitze gewählt.

Johnson hält sich nicht lange mit Höflichkeiten auf. Förmlich teilt er seinen Kollegen im Europäischen Rat mit, dass das Vereinigte Königreich den Antrag stelle, aus der EU auszutreten. Damit ist der Austrittsmechanismus in Gang gesetzt. Einige Teilnehmer der Sitzung wollen ein leichtes Zittern in Johnsons Stimme bemerkt haben.

30. Oktober, 11 Uhr, Birmingham, Kongresszentrum

Es ist ein kalter Oktobersonntag, als Boris Johnson die große Halle des Kongresszentrums betritt. Die Tories haben sich zu ihrem ersten Parteitag nach Johnsons Amtsantritt versammelt.

Der neue Premier tritt an das Rednerpult, das blonde Haar zerzaust wie immer. Er nickt einem Mann mit Seitenscheitel und Brille zu, der in der ersten Reihe sitzt. Es ist Michael Gove, der mit Johnson die Austrittskampagne angeführt hat. Früher war er Justizminister, nun ist er Chef des neuen Brexit-Ministeriums.

"Willkommen in der Freiheit!", ruft Johnson in die Halle. "Willkommen in der Souveränität!"

Obwohl sich Johnson gut gelaunt gibt, nervt ihn das Europa-Thema längst. Er hat keine Geduld für die technischen Details, ein neues Freihandelsabkommen mit der EU zu verhandeln. Wie hoch waren noch gleich *die Zölle, die die EU auf Importe aufschlägt*? Und kann es wirklich sein, dass die Norweger für ihren Zugang zum europäischen Markt fast so viel zahlen wie ein EU-Mitglied?

Johnson lässt den Blick über die Menge schweifen. Mehrere seiner Vorgänger sind über die Europa-Frage gestürzt. Das soll ihm nicht passieren. Er will Großbritannien neu erfinden, so wie er als Bürgermeister London neu erfunden hat.

Er ballt die Linke zur Faust. "Großbritannien", ruft er, "wird die EU verlassen, aber nicht Europa!" Er werde "eine Trennung unter Freunden organisieren. Einen New Deal für Großbritannien."

Das ist der neue Slogan, ausgeheckt von Werbeprofis: A New Deal for Britain. Das klingt nach Aufbruch. Nach Selbstbestimmung. Nach Zukunft.

Jedenfalls klingt es besser als die Nachrichten in den Wirtschaftszeitungen. Da ist von hohen Zinsen die Rede, von ausländischen Unternehmen, die ihre Investitionen gestoppt haben, von steigender Arbeitslosigkeit und drohender Rezession.

Auf dem Weg in die Tiefgarage fragt der Premier seinen Büroleiter, ob es endlich einen Termin für den Besuch von Angela Merkel gebe. Noch hat sich die Kanzlerin nicht in London blicken lassen.

30. Dezember, 21 Uhr, The George and Dragon Pub, Downe, Grafschaft Kent

Das Ende des Jahres 2016 feiert Nigel Farage, der Chef der Britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip), in einem Pub. Seine Frau sitzt neben ihm, ein paar Parteifreunde sind auch gekommen.

2016, das war Farages Jahr. Das Jahr des Austritts. Es ist wahr geworden, was er immer gefordert hat. Doch Farage sieht missmutig aus. Er wendet sich seinen Gefolgsleuten zu: "Wir werden dafür sorgen, dass Johnson uns nicht verarscht!"

In Fernsehdebatten übernimmt Farage jetzt oft die Rolle des letzten Revolutionärs. Er erinnert daran, dass Boris Johnson im Wahlkampf versprochen hatte, strenge Kontrollen für Einwanderer einzuführen. Und die Zahlungen nach Brüssel zu stoppen. "Und was ist geschehen? Nichts!"

Tatsächlich redet die neue Regierung in letzter Zeit verdächtig oft von den Vorzügen Europas. Von den Krisen der Welt, die den Westen zusammenzwängen. Auch die Überweisungen nach Brüssel könne man leider nicht stoppen: Jedes Land bezahle halt für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt.

Für Farage klingt die neue Regierung wie die alte. Er hat den Verdacht, dass Johnson auf eine Art EU-Mitgliedschaft light setzt. Dass er das Erbe der Brexit-Revolution verrät.

2. Januar 2017, 12 Uhr, Peking, Ständiger Ausschuss des Politbüros der KP Chinas

Die sieben mächtigsten Männer Chinas haben sich um einen Tisch versammelt, der mächtigste von ihnen, Präsident Xi Jinping, führt das Wort. "Dieser Brexit, was für ein Unsinn!" Er schüttelt den Kopf. "Als ob Europa nicht schon kompliziert genug wäre. Als ob die da nicht schon genug Ärger hätten. Verrückt." Die sechs anderen nicken. Dann wenden sie sich dem Ausbau der Pazifikflotte zu.

*Anmerkung zur Korrektur: In der Originalversion war von Ausfuhrzöllen die Rede, die britische Händler nach einem Brexit an ihre europäischen Handelspartner zahlen müssten. Tatsächlich handelt es sich um Einfuhrzölle, die von den EU-Importeuren gezahlt werden müssten. Britische Produkte würden dadurch insgesamt teurer werden.

Großbritannien - Brexit-Kampagne auf der Themse Kurz vor dem britischen Volksentscheid über den Verbleib in der Europäischen Union, ist in London auch die Themse Schauplatz der Debatte. Mit Schiffen und Schlauchbooten, Prominenten und Plakaten wird für die jeweilige Position geworben.