Viel hat Leonardo Sciascia, Sohn eines Schwefelgrubenarbeiters aus Racalmuto, einflussreicher Journalist, Schriftsteller, Politiker und unermüdlicher Gegner der Mafia, über das sizilianische Wesen, die Seele seiner Heimat geschrieben: Zutiefst unsicher seien die Insulaner aufgrund der von Fremdherrschaft geprägten Geschichte, schrieb er, doch auch gewitzt, ein jeder verstehe sich auf Bestechung. Zu jener sicilianità zähle auch eine tiefe Verbundenheit der Sizilianer mit der arabischen Kultur – zunehmend werde das arabische Erbe als Teil der eigenen Identität betrachtet.

Die Hauptfigur in Sciascias historischem Roman Das ägyptische Konzil von 1963, den Monika Lustig nun ins Deutsche übersetzt hat, repräsentiert all diese Charakteristika: Ende des 18. Jahrhunderts nimmt der Maltesermönch Don Giuseppe Vella eine unglaubliche Dokumentenfälschung vor. Er nutzt die politisch angespannte Lage am Hof des Vizekönigs, wo sich der Adel und junge aufklärerische Intellektuelle um Recht und Besitz streiten, um sich als Übersetzer auszugeben und eine unbedeutende arabische Schrift in einen wichtigen Codex zu verwandeln, der die feudalen Privilegien der sizilianischen Barone rechtfertigt. Dafür wird er mit Reichtum und Ämtern belohnt. Der Adel ebenso wie die Aufklärer versuchen, Vella zu bestechen, um ihre Stammbäume im Codex in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu rücken und sich politische Vorteile durch vermeintlich historische Fakten zu verschaffen. Durch diese Fälschung der historischen Tatsachen aber ändert sich die Gesellschaft, geht die Geschichte einen neuen Gang. Die Fälschung wird Grundlage einer neuen Wirklichkeit. "Es ist nicht der Betrug am Leben, sondern Betrügen ist Bestandteil des Lebens", erkennt Vella. Durch seine tiefsinnigen Reflexionen sowie meisterhaft ironischen Dialoge gibt der Roman ein lebhaftes Sittengemälde der Kultur rund um den Hof des Vizekönigs in Sizilien.

Leonardo Sciascia: Das ägyptische Konzil. Die andere Bibliothek, Berlin 2016; 372 S., 22,– €