Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Im deutschen Feuilleton war jüngst ein kleiner Richtungskampf über eines der heißesten Themen der Zeit zu bemerken. Nämlich darüber, ob es zu tolerieren sei, dass bei Livekonzerten mit Smartphones Aufnahmen gemacht werden. Man könnte nun meinen, das Feuilleton hätte sich schon mit entscheidenderen Fragen auseinandergesetzt, aber interessant ist die Debatte dennoch. Wenn sich eine Meinung dabei sogar zu der Abstrusität versteigt, Smartphones bei Konzerten zu verbieten sei ein Anzeichen vermehrten Spießertums, erkennt man: Hier wird ein besonders heißes Eisen geschmiedet. Dieser Logik folgend, zählt es zur Praxis der angewandten Avantgarde, wenn jemand etwas nicht mehr mit eigenen Augen betrachten oder ein Gespräch nicht persönlich führen will. Es ist das Faszinosum der freien Meinung, dass sie durchaus manchmal auch frei von Sinn sein darf. Frei von eigenen Sinnen lautet also das Credo dieser Tage.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Jeden Schmarrn zu fotografieren ist allemal besser, als Menschen oder Landschaften selbst zu betrachten. Wer weiß, wie leicht kann man sich irren, und dann ist die eigene Wahrnehmung eben nur eine Falschnehmung. Und wie objektiv ist dagegen das Smartphone mit seiner miserablen Qualität. Aber zurück zur Verspießerung: Das Wesen des Spießers scheint es doch zu sein, die Realität eben nicht durch eine genormte Brille zu sehen. Das heißt eigentlich, dass das größte Spießertum eben darin besteht, krampfhaft dazu auf Distanz zu gehen. Und es soll schon vorgekommen sein, dass gerade die bemüht Lockersten schlimmer waren als die Gartenzwergbesitzer. Diese pseudointellektuelle Selfies haben mit Selbstreflexion nur wenig zu tun. Aber vermutlich ist die Ablehnung dieses Spießertums auch schon wieder spießig. Schwierig.