"Das Blut hört auf zu fließen, die Kälte strömt in den Körper": So beginnt das neue, dritte Album der Hamburger Band Die Heiterkeit. Pop & Tod heißt es, und dass dieser Titel wörtlich zu nehmen ist, hört man bereits im ersten Song.

Mit tiefer Stimme singt Frontfrau Stella Sommer vom Versagen der Körperfunktionen, begleitet von einer Orgel und einem Chor, der klingt, als sei er in einer Kirche aufgenommen worden. Nach rund drei Minuten, der Song ist eigentlich schon vorbei, nur die Orgel gniedelt noch ein bisschen, setzt plötzlich ein Schlagzeugrhythmus ein, schleppt sich eine halbe Minute lang weiter und verstummt dann für immer. Spätestens damit ist klar: Hier geht es – Pop hin, Pop her – um den Tod in seiner ganzen bitteren Ausweglosigkeit.

Eine Grabesstimme hatte die Sängerin Stella Sommer schon immer. Verglichen mit den gut gelaunten Frauen aus dem Autoradio klingt ihr Gesang zu langsam, zu tief, zu getragen – und deshalb unverwechselbar. Dazu spielt Sommer Gitarre und wird begleitet von Schlagzeug (Philipp Wulf), Bass (Hanitra Wagner) und Keyboards (Sonja Deffner).

Es gibt Refrains, einprägsame Melodien und einmal sogar ein gepfiffenes Solo. Die Heiterkeit spielen zweifellos Popmusik, aber – dem Bandnamen zum Trotz – nicht gerade beschwingte. Stattdessen wirken sie rätselhafter und ambivalenter als andere Bands. "Im Zwiespalt sitze ich bequem", singt Sommer auf der neuen Platte, und der Chor aus ihren Bandkolleginnen antwortet fröhlich: "Im Zwiespalt, im Zwiespalt, im Zwie-hie-spalt."

Wenn Die Heiterkeit auf ihren ersten beiden Alben Herz aus Gold und Monterey schon sperrig klangen, dann perfektionieren sie diese Wirkung auf Pop & Tod. Dass diese Platte Kunst und nicht Konfektionsware sein will, wird schon an ihrer Aufmachung deutlich: Pop & Tod ist nicht nur ein Konzeptalbum, noch dazu eines über das Sterben. Es ist auch ein Doppelalbum.

Das ist etwas kokett. Bis in die achtziger Jahre hinein war es aus technischen Gründen unvermeidbar, ein Album auf mehrere Schallplattenseiten und bei Überlänge auch auf mehrere Platten zu verteilen. Heute ist das nicht mehr nötig. Die Vinylpressung von Pop & Tod umfasst mit einer Spielzeit von 65 Minuten zwar zwei Platten, doch wer das Album auf CD kauft, bekommt es auf nur einer Scheibe. Und auch auf Spotify ist es ein einziger, langer Stream.

Wenn Die Heiterkeit Pop & Tod nun als Doppelalbum inszenieren und es in Interviews ausdrücklich als solches bezeichnen, dann ist das zum einen eine selbstbewusste Geste. Die Band verweist damit auf die großen Namen der Popmusik, auf die wenigen, die dieses Albumformat gemeistert haben – etwa Bob Dylan mit Blonde on Blonde, die Beatles mit ihrem Weißen Album oder Pink Floyd mit The Wall.

Zum anderen formulieren Die Heiterkeit damit einen ästhetischen Anspruch. Ihr Ziel ist kein Hit, der im Radio läuft oder in den sozialen Medien millionenfach geteilt wird, sondern ein dramaturgisch komponiertes Werk, dem man sich am Stück widmen soll. Musikhören, sonst so oft eine kollektive und zerstreute Erfahrung, wird hier zu einer einsamen und konzentrierten Angelegenheit. Das passt zum Inhalt der Platte.

Immer wieder geht es auf Pop & Tod um Einsamkeit, um Abgeschiedenheit und um das Sterben – nicht immer so drastisch wie im Eröffnungssong Die Kälte, aber oft im weiteren Sinne als Verfall und Verstreichen von Zeit. Daraus ergibt sich eine Nähe zur schwarzen Romantik, doch das Album ist frei von Gothic-Kitsch und Metaphysik. Auffällig oft singt Stella Sommer zwar vom "Ende der Nacht". Doch ob danach ein neuer Tag anbricht, bleibt unklar. Das Sterben ist in ihren Texten eine diesseitige Erfahrung, es ist vom Leben untrennbar, vielleicht sogar von ihm nicht unterscheidbar.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 25 vom 9. Juni 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Heiterkeit werben für einen unaufgeregten Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Am deutlichsten wird das in dem Stück The End, mit dem der erste Teil von Pop & Tod endet. Der Gesang von Stella Sommer ist verstummt, nur noch ein Chor mit Klavierbegleitung ist zu hören. "Wenn es so weit ist, werden wir es wissen", singt er, und: "Es wird in Ordnung sein."

Pop & Tod, das mit großer Geste als Kunst-Konzept-Doppelalbum angetreten ist, entpuppt sich hier im Gegenteil als ein Album über die Demut. So will man sterben und leben können: mit Gelassenheit.

"Pop & Tod I + II" ist erschienen bei Buback/Indigo. Die Heiterkeit spielen am 22. September auf dem Reeperbahn Festival