John C. Bogle, genannt Jack, hält Geldvermehrung für ein Menschenrecht. Seit Jahrzehnten und trotz sechs Herzinfarkten kämpft Bogle für Kleinanleger, gegen überhöhte Gebühren und profitgierige Fondsmanager. Das hat ihn in den USA zu einem Volkshelden gemacht. Ihm gebühre der Nobelpreis, findet das Wirtschaftsmagazin Forbes. Time ernannte ihn zu einem der hundert einflussreichsten Menschen der Welt. Seine Anhänger, die "Bogleheads", nennen ihn schlicht "Saint Jack", ihren Heiligen, und pilgern regelmäßig nach Malvern, einem Vorort von Philadelphia. Dort hat Bogles Unternehmen seinen Sitz. Der Mann ist eben kein Verbraucherschützer. Im Gegenteil: Er war mal Fondsverwalter.

Wer den 87-Jährigen besucht, würde nicht vermuten, dass er offiziell seit 15 Jahren im Ruhestand ist. Überall stapeln sich Papiere und Bücher. An der Wand ein Gemälde von der Schlacht bei Abukir 1798, als die Briten unter Admiral Nelson zur See Napoleon besiegten. Die Unerschrockenheit Nelsons inspirierte Bogle, er nannte seine Firma Vanguard – nach dem Flaggschiff des Admirals.

Nelsons Triumphe beeinflussten den Kurs der europäischen Geschichte. Bogle hat die Welt der Geldanlage verändert. Am 31. August 1976 hat er den ersten Indexfonds vom Stapel gelassen. Das Konzept dahinter war bestechend: Der Fonds bildete den Aktienindex S&P 500 ab, also Aktien der 500 wichtigsten US-Unternehmen.

Heute, 40 Jahre später, haben Anleger allein in den USA mehr als 4,5 Billionen Dollar in derlei "passive Indexfonds" nach Bogles Vorbild investiert. 2015 zogen sie laut dem Fondsbewerter Morningstar über 200 Milliarden Dollar aus aktiv gemanagten Fonds ab, während 400 Milliarden Dollar neu in Indexfonds flossen. Und Vanguard ist mit drei Billionen Dollar Anlage einer der größten Investmentkonzerne der Welt. "In anderen Worten", dröhnt Bogles Bariton, "wir haben gewonnen!"

Zufrieden ist er deshalb nicht. So überzeugt Bogle von seiner Erfindung ist, so unglücklich ist er mit dem, was die Finanzindustrie daraus macht. Besonders ärgern ihn dabei ausgerechnet die erfolgreichsten Indexprodukte überhaupt: Exchange Traded Funds, kurz ETFs. Anders als das Boglesche Original werden die Fondsanteile der ETFs wie Aktien an der Börse gehandelt. Die Finanzindustrie hat mit ihnen den stärksten Herdentrieb der Gegenwart ausgelöst. Damit bezeichnen Ökonomen ein Verhalten, das für den Einzelnen zwar aussichtsreich sein kann – aber gefährlich ist, wenn es zu einem Massenphänomen wird. Ähnlich wie platzende Spekulationsblasen könnte auch die Gefahr, vor der Bogle warnt, die Anleger treffen. Und das, obwohl die Wertpapiere, um die es geht, dafür bekannt sind, besonders günstig, transparent und sicher zu sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Wer ETFs als Anleger kauft, beteiligt sich an einem Index, etwa am Deutschen Aktienindex Dax oder am Nasdaq 100, ohne dass er alle darin gelisteten Aktien selbst und einzeln in sein Depot legen müsste. Wer also auf einen bestimmten Markt setzen will, kann das mit ETFs sehr günstig tun: Weil die ETFs die Börsenindizes stur nachzeichnen, kommen sie ohne teure Fondsmanager aus. Sie laufen quasi auf Autopilot. Deswegen heißen sie auch passive Fonds und schlagen oft die aktiven.

Da ist es kein Wunder, dass ETFs beliebt sind: An der Deutschen Börse sind so viele notiert wie sonst nirgendwo außerhalb der USA. "ETFs ermöglichen den Zugang zu Bereichen, die bisher für viele Anleger unerreichbar waren", sagt Dodd Kittsley, Leiter der ETF Strategy des Deutsche Asset Management in the Americas, das ziemlich aktiv immer neue ETFs ausheckt. Und die Tochter der Deutschen Bank ist nicht die einzige. Über 6.000 Fonds mit mehreren Billionen Dollar sind es heute laut dem Brancheninstitut ETFGI.

Es ist nicht bei Aktienindizes geblieben. Wall-Street-Tüftler konstruierten ETFs, mit denen Anleger in Öl, Gold oder Agrarprodukte investieren können – das war lange Konzernen, Milliardären und Pensionskassen vorbehalten. Zu den jüngsten Produkten gehört ein Fonds, der Anleger auf Drohnenfabrikanten wetten lässt. Ein anderer setzt auf die Vorliebe vieler Verbraucher für Bio-Lebensmittel. Ein Bitcoin-ETF, der die digitale Währung als Grundlage hat, ist in der Pipeline, nur ein Marihuana-ETF ist an juristischen Hürden gescheitert.

Marktführer bei den ETFs ist der New Yorker Vermögensverwalter BlackRock, der mit seinen iShares fast 40 Prozent Marktanteil hält. Vanguard ist ebenfalls in das Geschäft eingestiegen – gegen Bogles Widerstand. Er ist sicher: Anlegern alle möglichen ETFs anzubieten sei, wie wenn man Brandstiftern Streichhölzer gebe. Die Fonds förderten die Art von Spekulation, die Anlegern schade; ihr Hauptvorteil sei, die Taschen der Wall Street zu füllen. Sie brächten neue Risiken mit sich, wettert Bogle. Lange war er ein einsamer Mahner. Aber inzwischen warnen Insider, Regulierer und Akademiker vor Nebenwirkungen. Und zwar nicht nur für den Einzel-Investor, sondern für alle – sogar ein Crash und eine neue Finanzkrise seien möglich.

Wer verstehen will, wo Bogle und die anderen Kritiker die Gefahren sehen, muss zunächst die ETFs verstehen. Etwa einen, der den Dax nachbildet. Wenn viele Anleger diesen ETF kaufen wollen, wird er knapper, und damit steigt der Kurs des ETF – ganz so wie bei Aktien eines Unternehmens.

Bei einem ETF ist das aber ein Problem: Wenn der Wert des Korbs stärker steigt als die Kurse der Aktien, die darin liegen, dann bildet der ETF nicht mehr den Wert dieses Aktienkorbes akkurat ab: Es entsteht ein Unterschied zwischen dem Preis der Aktie im freien Handel und dem Preis der Aktie, die sich in dem ETF-Korb befindet. Das ruft spezielle Händler auf den Plan. Sie bemerken das Ungleichgewicht und kaufen nun schnell Dax-Aktien an, womit diese Aktien teurer werden. Die gekauften Aktien wiederum übergeben sie dem Herausgeber des ETF. Der verwandelt die Dax-Wertpapiere in neue ETF-Anteile, die nun die Anleger kaufen können.