Schüsse haben uns aufgeweckt, am frühen Morgen im Bordell. "Nichts Besonderes, das muss ein Test in der Munitionsfabrik sein", mutmaßt der ortskundige Begleiter, der uns hier einquartiert hat: in diesem unscheinbaren Gasthaus in einer Seitenstraße eines kolumbianischen Bergörtchens. Schwere Gitter hängen vor den Fenstern, und die Bettbezüge sind abwaschbar; dralle Damen sitzen in Nachthemden auf einem Sofa, und die ganze Nacht hindurch hat es an der Tür geklingelt. Ein geländetauglicher Jeep soll uns gleich abholen, noch in der Dunkelheit, damit nicht der halbe Ort von unserer Fahrt erfährt. Er kommt, mit Verspätung, als die Ballerei vorüber ist.

Wir sind in diesen Landstrich gereist, ein Stück Hochland namens Cauca, weil wir auf der Suche nach den neuen Narcos sind: einer jungen Generation lateinamerikanischer Drogenbanden, die nach Jahren voller Rückschläge durch Polizei und Militär wieder gut im Geschäft sind. Die Neuen, haben uns Kriminalexperten bei internationalen Thinktanks erzählt, arbeiteten gerissener und seien widerstandsfähiger als die Kartelle der alten Zeit.

Bei unserer frühen Fahrt in die Berge merken wir, dass wir wohl auf dem richtigen Weg sind: Gipfel, die wie Weihnachtsbäume in der Morgendämmerung leuchten! "Cannabis", raunt einer der jungen Männer, die uns abgeholt haben, "Hydrokulturen". Gewächshäuser der Narcos, die die berauschenden Pflanzen in einer Nährlösung gedeihen lassen, ganz nach dem Stand der Technik, tags in der Sonne, nachts unter künstlichem Licht.

"Keine Handys", haben uns die Begleiter vor der Fahrt eingeschärft, "und keine GPS-Geräte!" Das alles ist bei der Puffmutter geblieben, auch unsere Kameras wurden misstrauisch angeschaut. Werden Sie uns jetzt auch die Augen verbinden, so wie im Film? "Unsinn", sagt der Mann, der am Steuer sitzt, ein Mestize mit breitem Nacken und kurz geschorenen Haaren. Er findet unsere Frage ziemlich witzig und lacht fröhlich in sich hinein. Er sagt: "Nach fünf, sechs Abbiegungen habt ihr doch keine Ahnung mehr, wo ihr seid!"

Stimmt auch: Das Geländefahrzeug quält sich über Lehm- und Geröllstraßen die Berge hinauf, mal links, mal rechts, einmal durchqueren wir im Affenzahn eine Farm, verscheuchen panisch gackernde Hühner. Die Männer sind alle in dieser Gegend groß geworden, und sie erzählen uns von ihrer Heimat, zum Beispiel, wie das mit der Munitionsfabrik ist. Kriegsbedarf für die Farc werde dort hergestellt – für die linke Rebellenarmee, die seit den sechziger Jahren von den Hügeln und Wäldern aus die Regierung attackiert. Nebenbei erpressen die Farc-Rebellen in dieser Gegend auch Schutzgeld von Narcos und anderen Gruppen.

"Jetzt dürfen Sie aber nicht schreiben, dass wir Terroristen sind!", poltert ein stämmiger kleiner Mann, den wir N. nennen sollen und der uns mit festem Händedruck und einem breiten Lachen empfängt. Seine Haut ist ledrig und von der Sonne gegerbt, Mitte fünfzig muss er sein – er erklärt, dass ihm das Geschäft an diesem Hang gehöre. Ihm obliegt die Herstellung von Kokapaste, dem Grundstoff des Rauschmittels Kokain. Warum sollten wir Sie denn für Terroristen halten? Mit großzügiger Geste erläutert der Mann seinen Witz: "Na, weil meine Arbeiter doch aussehen wie Dschihadis, mit ihren komischen Lappen im Gesicht! Finden Sie nicht?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Doch, unter dem überdachten Holzverschlag, den N. "mein Labor" nennt, sehen wir zwei vermummte Drogenarbeiter Fässer tragen; zum Schutz vor Giftschwaden und wohl auch vor unseren Kameras haben sie dreckige T-Shirts wie Masken über die Gesichter gezogen. Ein beißender Geruch liegt über der Szene, irgendetwas in der Luft bringt die Augen zum Tränen. Wir sehen grüne und blaue Fässer vor einer Wand gestapelt, daneben rostige Tonnen und Kübel und Säcke. Auf dem Boden liegt ein Berg von Kokablättern, die N.s Männer konzentriert mit Macheten häckseln, um dann Zement und diverse Chemikalien hinzuzugeben und die Mischung in Kübel zu füllen. Dann: Benzin darüber gießen, stehen lassen, auspressen und die flüssige Essenz in Transportbehälter packen.