Als Galerist hat Jörg Johnen über drei Jahrzehnte hinweg so guten wie vielseitigen Geschmack bewiesen: Er startete 1984 in Köln zunächst mit Bildhauern wie Thomas Schütte und Katharina Fritsch, wenig später stellte er die Düsseldorfer Fotografen Thomas Ruff und Andreas Gursky aus. Künstlergiganten wie Dan Graham, Rodney Graham und Jeff Wall gehören bis heute zum Programm seiner Berliner Galerie. Ebenso der Performance-Künstler Tino Sehgal, den er 2002 entdeckte. Dass der stets dezent auftretende Johnen jedoch zunehmend unter der Entwicklung des Kunstmarkts litt, spürte man. Im vergangenen Frühjahr fusionierte er bereits die Johnen Galerie mit der seiner Berliner Kollegin Esther Schipper, und nun schließt Johnen seine Räume für immer. Die letzte Ausstellung inszeniert Schippers Künstlerin Karin Sander als Hommage: Sie hat einen doppelten Boden in die leere Galerie einziehen lassen und nur drei Drehständer mit Postkarten aufgestellt. Auf den Vorderseiten sieht man Ansichten sämtlicher 260 Ausstellungen in Johnens Galerie.

DIE ZEIT: Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute auf die gesammelten Postkarten?

Jörg Johnen: Mein erster Gedanke ist: Gott sei Dank, ich habe es hinter mich gebracht. So komprimiert auf den Postkartenständern sieht alles ganz leicht aus. Aber es war eine Knochenarbeit!

ZEIT: Sie reden vom Aufwand im Hintergrund, den man in der Galerie nicht sehen darf?

Johnen: Ja. Künstler zufriedenzustellen ist nicht leicht. Stress ist in der Galeriearbeit der Dauerzustand. Allein die Transporte, die ja auch manchmal schiefgehen. Der größte Horror war ein Madonnenturm von Katharina Fritsch, der zerbrochen in New York ankam.

ZEIT: Empfinden Sie gar kein Gefühl des Stolzes im Rückblick?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Johnen: Doch, schon. Ich finde es auch toll, wie die Galeriearbeit nun so kompakt dasteht – und kann mich gut davon verabschieden. Mich reizt allein noch, darüber nachzudenken, warum diese Künstlerin oder jener Künstler heute aus dem Bewusstsein des Publikums verschwunden sind. Wieso haben es die einen geschafft und die anderen nicht? (Johnen zieht eine Karte aus dem Ständer, darauf einige Putzmittelflaschen) Dieses Bild ist von Stephen Skidmore. Ich nenne ihn insgeheim "den Morandi der Plastikflasche". Der war als Künstler einfach zu schüchtern, zu bescheiden. Das ist meiner Ansicht nach ohnehin das große gesellschaftliche Thema der Zukunft: Ich glaube, dass wir eine neue Phase der Bescheidenheit brauchen. In der Kunstwelt sehe ich noch sehr wenig davon. Hier herrscht eher das Motto: Nach uns die Sintflut.

ZEIT: Was kritisieren Sie am heutigen Kunstbetrieb?

Johnen: Früher gab es eine intellektuelle Rezeption der Kunst. Heute geht es nur noch um Besitz, Selbstdarstellung und Glamour. Der allseits zunehmende Größenwahn hat auch damit zu tun, dass die Sammler für das Kunstsystem immer wichtiger geworden sind und sich selbst auch sehr viel wichtiger nehmen: Sie haben das Geld, die Macht, den Einfluss. Die Museen sind dagegen schon lange außen vor. Und schwierig war es immer, wenn die Künstler dem Geld folgen.

ZEIT: Sie haben also kein Interesse mehr an diesem Betrieb, der von Großsammlern, Mega-Galerien und Auktionshäusern dominiert wird?

Johnen: Genau. Der geschäftliche Teil ist jetzt ganz bei Esther Schipper. Ich arbeite lediglich ein bisschen auf Honorarbasis mit. Es gibt ein paar ältere Künstler wie Rodney Graham oder Jeff Wall, um die ich mich erst einmal kümmere, weil sie noch stark auf mich bezogen sind. Aber eigentlich finden alle meine Künstler die Zusammenarbeit mit Esther Schipper vielversprechend. Ausgenommen Thomas Ruff, der zur Galerie Sprüth/Magers gewechselt ist.

ZEIT: Auch der Bildhauer Stephan Balkenhol steht nicht mehr auf Ihrer Künstlerliste.

Johnen: Ja, richtig. Mein Galerieprogramm war immer sehr offen, von widersprüchlichen Positionen, teils echten Antipoden bestimmt. Bei Esther ist es schon deutlich programmatischer. Und da passen Stephans figurative Skulpturen nicht recht hinein. Ich denke, beide Seiten hätten sich in dieser Konstellation am Ende unwohl gefühlt.

ZEIT: Womit wollen Sie jetzt Ihre Zeit verbringen?

Johnen: Ich interessiere mich seit einigen Jahren sehr für Keramik. Es gibt insbesondere hier in Deutschland tolle Keramiker wie Beate Kuhn oder Robert Sturm. Doch die Szene ist in den letzten 20 Jahren ziemlich in Vergessenheit geraten. Dabei ist die Keramik für mich ein spannender Gegenpol zu diesem ständigen Gesample und Gebastel der jungen Gegenwartskunst, zu dieser Mausklickkunst, bei der mich nur noch große Müdigkeit ereilt. Es gibt in der angesagten jungen Kunst kaum noch eine Tiefe des Denkens und Erlebens. Man will es auch gar nicht mehr.

ZEIT: Also ganz weg von der Kunst?

Johnen: Ich werde die Kunst selbstverständlich nicht aufgeben. Der Maler Raimer Jochims ist nach wie vor mein Lebensprojekt. Bei ihm finde ich Formen von Spiritualität, Demut und Bescheidenheit künstlerisch vorbildlich dargestellt. Jochims wird im Augenblick völlig ignoriert, und so bleibt mein beständiger Einsatz für ihn auch ein wahnsinnig spannendes Experiment: Hat diese Malerei wirklich gar keine Chance, oder gibt es langfristig eine Rezeption? Ich will das unbedingt noch herausfinden.