Gibt es etwas Neues oder immerhin Unbekanntes über Luther mitzuteilen? Vielleicht dies vom Reichstag zu Worms 1521, wo Luther sich vor Kaiser und Fürsten zu seinen als häretisch bezeichneten Lehren bekannte: "Und als er aus dem Kaisersaal heraustrat, hob Martin die Hand nach Art der deutschen Landsknechte, wenn sie im Wettkampf über einen gut gelungenen Schlag jubeln." Volker Reinhardt, Historiker an der Universität Fribourg, teilt uns dieses Detail in seinem Buch Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation mit, und zwar völlig zu Recht. Denn die kleine Geschichte, ob sie sich nun so zugetragen hat oder nicht, ist mehr als bloß komisch. Der päpstliche Legat Girolamo Aleandro notiert sie in einem Brief nach Rom, um etwas mitzuteilen über den merkwürdigen Mönch Martin und sein Milieu: die Deutschen.

Der Verlag hat dem Buch eine Umschlagschleife spendiert, die die Öffnung der "Geheimakte Luther" verspricht. Aber wer mit dieser Erwartung das Buch aufklappt, hat eine bittere Produktenttäuschung vor sich. Geheim ist hier gar nichts. Die Quellen, die Reinhardt auswertet, sind allesamt längst gedruckt. Und wenn der Autor selbst behauptet, dass die Korrespondenz seines Hauptzeugen Aleandro "bis heute nicht ausgewertet" sei, so ist das nicht richtiger. Als zum Reformationsjubiläum 1967 Stephan Skalweit über Reich und Reformation schrieb, sprach er von Aleandros "berühmten Depeschen", womit er wörtlich Karl Brandi wiederholte, der das weitere 30 Jahre zuvor schon in seiner Biografie Karls V. vermerkt hatte.

Auch Reinhardts Wendung gegen die protestantische Reformationsforschung und deren Rombild ist wenig überzeugend. Dieselben Grundzüge finden sich in seinem eignen Buch, als da sind: humanistische Gelehrsamkeit und Kunstliebe, kaufmännisch geprägte Vorstellungen von der Buße und den kirchlichen Ämtern, Päpste, die vorrangig Familienpolitik betreiben.

Sieht man aber darüber hinweg, kann man sich dem zuwenden, was in Reinhardts Buch ergiebig ist: die Akzentuierung der landsmannschaftlichen Empfindlichkeiten. Auf römischer Seite lebt ein starkes Bewusstsein kultureller Überlegenheit. Die päpstlichen Legaten werden in internen Anweisungen aufgefordert, solche Überlegenheit den Deutschen gegenüber nicht allzu deutlich auszuspielen. Doch auf den Hinweis, dass sie Reich und Kaisertum dem Papst verdanken, will man nicht verzichten.

In Deutschland fühlt Aleandro sich unter Barbaren. Er ist ein gebildeter Mann, polyglott, nur Deutsch spricht er gerade nicht. Umgekehrt fühlen sich die Deutschen von der Kurie nicht ernst genommen, finanziell ausgenutzt (was nicht ganz richtig ist) und ohne Mitsprache. Die Abneigung gegen die römische Kirche sitzt schon lange fest. Und wenn die römische Seite sich zivilisatorisch überlegen fühlt, dann die deutsche Seite moralisch: schlicht, redlich, frei von Ranküne. Die Germania des Tacitus ist 1470 erstmals in Druck gegangen; man hat den Eindruck, dass beide Seiten, die päpstliche wie die lutherische, sich nach den dort ausgebreiteten Stereotypen beurteilen.

Das ist kein spezielles deutsch-italienisches Problem. Überall in Europa entwickeln die Humanisten, die sich doch als Kosmopoliten verstehen, kräftige Vaterlandsliebe; diese Protonationalismen sind in den letzten Jahren ein attraktiver Forschungsgegenstand gewesen. Reinhardts Buch ermöglicht es, in den Zitaten zu verfolgen, wie stark die Vorkämpfer beider Seiten in ihren Vorurteilen gefangen sind, wie intelligente Männer sich innerhalb von zehn Zeilen widersprechen, weil die Empörung über die Gegenseite mit ihnen durchgeht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Die Auseinandersetzung zwischen Rom und Wittenberg ist für den Historiker Volker Reinhardt eine politisch-kulturelle, die geistliche Seite nimmt er kaum in den Blick. Das aber tut nun der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin mit seinem sehr viel feiner gearbeiteten Buch Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln. Weil es der Entstehung der reformatorischen Theologie nachgeht, kann es die ideen- und auch die kirchenpolitischen Konflikte schärfer fassen.

Dass Luthers Frömmigkeit stark mittelalterliche Züge trug, ist nicht neu – aber das behauptet Leppin auch nicht. Doch er zeigt mit großem Geschick, wie Luther aus der spätmittelalterlichen Frömmigkeitstheologie das reformatorische Denken entwickelte und warum Rom diese Entwicklung nicht zu steuern verstand.

Was wir oft als genuin reformatorisch ansehen, nämlich die Überzeugung, dass der Mensch allein durch die Gnade Gottes (sola gratia) gerettet werde, das findet sich schon früher. Einer der populärsten Autoren des Spätmittelalters war der Dominikaner Johannes Tauler, dessen gedruckte Predigten der junge Luther studierte und mit ausgiebigen Randnotizen versah. Tauler stellte das Verhältnis zu Christus in den Mittelpunkt der Betrachtungen, wobei der Gläubige "leidend", Christus aber "wirckent" gedacht war. Und Luther notierte dazu, es sei viel nötiger, Göttliches zu erleiden als zu tun. Hier ist schon die iustitia passiva zu greifen: dass die Rechtfertigung des Menschen ganz und gar Gottes Werk ist. Mit der Verinnerlichung des Glaubens ging bei Tauler Distanz zu den vermittelnden Instanzen der Kirche einher. Wer seine Sünden bereue, müsse damit nicht gleich zum Beichtvater laufen. Und Luther am Rande: "Ein überaus nützlicher Ratschlag!"

Luther selbst hat später gern von Wendungen seines Denkens gesprochen, die schlagartig eingetreten seien. Das war ein literarischer Kniff, vielleicht auch eine Saulus-Paulus-Imitatio. Leppin vollzieht nach, wie viel sich allmählich aus mittelalterlichen Wurzeln entwickelte. Die Abneigung gegen die Scholastik mit ihren argumentationstechnischen Finessen war nichts Ungewöhnliches in der Zeit. Distanz zur Kirchlichkeit zeichnete auch die Frömmigkeitsbewegung Devotio moderna aus, die Luther geschätzt hat, sie interessierte sich weniger für Liturgie und Sakramentenspendung als für das Verhältnis des Einzelnen zu Christus.

Was Luther aber von seinen Vorläufern unterschied, das war die Beharrlichkeit, mit der er an der einmal gefundenen Schraube drehte. In der Ablassfrage sieht er die Verkehrung, statt der Reue nun die Wiedergutmachung ins Zentrum zu rücken. Aus dem Denken der Verinnerlichung kommt er zum Priestertum aller Getauften, dies wiederum lässt ihn die Fürsten auffordern, sich um "des christlichen Standes Besserung" zu kümmern. Das hören die deutschen Landesherren gern, es ermöglicht ihnen, die Herrschaft in ihren Territorien auch mit geistlichen Mitteln zu festigen. Zudem hatte Luther, aller prätendierten Derbheit zum Trotz, eine besondere Fähigkeit, zu sehen, was die Zeit verlangte. Er aktivierte nicht nur die überkommenen Frömmigkeitsformen, sondern auch die humanistischen Ideale, die Begeisterung für Platon etwa, womit er eine ganze Generation der besten Köpfe für seine Sache in Dienst nahm.

Rom aber bewegte nicht, was Luther bewegte. Als entscheidend sollte sich das Gutachten des Theologen Prierias zu den 95 Ablassthesen erweisen. Prierias tat die Sache schnell ab. Die Bußtheologie streifte er nur, um dann zu den kirchenpolitischen Fragen nach den Rechten und Gewalten des Petrusamtes überzugehen. Hier vertrat er einen scharf papalistischen Standpunkt, zu dieser Zeit eine mögliche, aber keineswegs verbindliche Lehre. In der Sache Luther wurde aus der bis dahin nur diskutierten Auffassung eine kirchenamtliche Wahrheit, der Streit aus der Frömmigkeitstheologie in die Kirchenpolitik gespielt. Und nun gab es kein Zurück mehr. Dabei gesteht Volker Leppin der römischen Kirche zu, dass ihr Wunsch, die eigenen Prärogative zu behaupten, mehr als Machtpolitik war, nämlich eine verständliche Reaktion auf die Wirren, die mit den Konzilien des 15. Jahrhunderts in Konstanz und Basel entstanden waren.

Volker Leppins Fremde Reformation berichtet davon, wie eine vielgestaltige religiöse Situation sich allmählich wandelt, um dann – aus intellektueller Konsequenz und durchaus rationalen politischen Homogenisierungszwängen – plötzlich sich zu verengen und verhärten. Es ist eine so große wie schreckliche Entwicklung, eine Art geistiger Bürgerkrieg mit der ganzen Härte, die solche Konfliktlagen auszeichnet.

Wie nahe sich die Seiten innerlich doch waren, das zeigt die bewegende Geschichte vom Ende Kaiser Karls V., des großen Gegners Luthers. Er war in Flandern erzogen worden und hatte dort durch Adrian von Utrecht, den späteren Papst Hadrian VI., die Christusfrömmigkeit der Devotio moderna kennengelernt. Als er 1558 starb, durchaus auch mit dem Prunk der katholischen Welt, da reichte ihm im letzten Moment der Erzbischof von Toledo das Kreuz mit den Worten, hierin liege alles Heil. Das sollte später im Inquisitionsprozess gegen den Erzbischof noch eine Rolle spielen.

Volker Leppin: Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln; C. H. Beck, München 2016; 247 S., 21,95 €

Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation; C. H. Beck, München 2016; 352 S., 24,95 €, als E-Book 19,99 €