Eigentlich bin ich kein Vandale. Aber es kam der Tag, da ertappte ich mich dabei, Werbung von Laternenpfählen abzureißen. Die Firma Helen Doron hatte in meinem Viertel illegal plakatiert, ich zerknüllte alles. Der Anbieter von Englischunterricht für Kleinkinder hatte in mir einen unerklärlichen Hass ausgelöst. Mit seinem Hellblau, mit der Frisur der Britin, die dort warb, und vor allem mit dem, wofür sie warb: Ab einem Alter von drei Monaten sollten Kinder Englisch lernen. Als hätte man nicht genug zu tun, kurz nach der Geburt. Ich hatte von ausreichend Forschungsergebnissen gelesen, die besagen: So etwas sei nicht nötig. Mehrere Studien fanden heraus, dass Frühförderung kaum etwas bewirke und die Kinder später gar keinen Vorsprung in der Schule hätten.

Aber weil wir uns im Leistungskampf wähnen, gedeihen solche Angebote. Ich wohnte damals im Paradies der wohlhabenden modernen Familien, in Berlin-Prenzlauer Berg. Hier lebt man das Klischee der Mittelschichtseltern, die ihre Kinder optimieren wollen, ihnen Mandarinunterricht, iPads und Yoga mit auf den Weg geben, um sie auf die Leistungsgesellschaft vorzubereiten.

Bis unser drittes Kind auf die Welt kam, machten wir da – mehr oder weniger – mit. Dann wurde alles anders. Wir zogen in ein Viertel mit Menschen, die solchen Luxus nicht kennen. Ich lernte ein neues Deutschland kennen.

Der Grund für den Umzug waren die Mieten. Für uns fünf war es in unserem gentrifizierten Bio-Stadtteil zu teuer – mein Frau und ich arbeiten freiberuflich. Als ich einmal eine Vermieterin fragte, warum sie fast doppelt so viel verlange, wie der Mietspiegel vorsieht, nannte sie mich einen "Korinthenkacker" und sagte, "an Leute wie Sie vermieten wir nicht". In Berlin-Neukölln fanden wir eine günstige Wohnung, nach zwei Jahren Suche. Zwar beginnt auch hier die sogenannte Aufwertung, die schicken Bars kommen und die Austauschstudenten aus Barcelona und New York. Aber im Kern bleibt es das, was viele einen "Problemkiez" nennen. Denn mehr als ein Drittel der Einwohner ist arm, der Migrantenanteil liegt bei gut der Hälfte, die Eckkneipen sind schon morgens mit (übrigens deutschen) Zechern gefüllt.

Die linksliberalen Familien, die früher unser Umgang waren, meiden solche Gegenden wie der Teufel das Weihwasser. In Neukölln fragten Nachbarn verwundert: "Ach, ihr zieht hierher?" Normalerweise würden Leute wie wir schnell wieder von hier verschwinden, wenn die Kinder ins Schulalter kommen. Es gab eine Gruppe von Eltern, die zusammen ein Auto gekauft hatten, wirklich gekauft, um ihre Kinder in wechselndem Fahrdienst zu einer anderen Schule zu fahren. Außerhalb von Neukölln. Kilometerweit entfernt. Bloß nicht hier. Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Aber gewundert habe ich mich doch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Deutsche Städte sind aufgeteilt in gute und weniger gute Gegenden, Stadtforscher sprechen von "Segregation". Das passt alles nicht recht zu dem linksliberalen Weltbild, das Menschen wie ich doch eigentlich pflegen. In Prenzlauer Berg, unserem Modellviertel, war der Ausländeranteil an der Schule gleich null. An der ersten Schule in Neukölln, die ich mir anschaute, stand ich in einer Klasse mit 25 Kindern: Alle hatten einen Migrationshintergrund, einige konnten nicht richtig Deutsch, einer sprach nicht ein einziges Wort. Meine Frau und ich entschieden uns gegen diese Schule, auch wenn wir uns selbst dabei nicht gefielen. Wir wussten, dass die anderen Schüler zumindest hinsichtlich der Sprache enorm von unseren Söhnen profitiert hätten. Aber andererseits dachten wir: Man muss Integration auch nicht auf dem Rücken des Nachwuchses austragen. Was sollen unsere Kinder lernen, wenn nicht einmal die gemeinsame Sprache selbstverständlich ist.

Seit ich ein Buch über all das geschrieben habe, habe ich mich mit einem Bekannten von früher zerstritten. Er konnte nicht ertragen, wie hässlich ich diese Segregation der Stadt finde. Ausgerechnet die modernen Kreativen aus dem ganzen Land, die "digitale Boheme", haben einen gentrifizierten Stadtteil geformt, in dem kaum Ausländer leben und in dem unschöne Elemente wie arme Menschen, Süchtige und ruhestörende Clubs keine Chance haben. In Vierteln wie Prenzlauer Berg sei eigentlich, wie ein Wohnungseigentümer mir während meiner Recherchen sagte, der rechtsradikale Traum der "national befreiten Zone" wahr geworden. Rumänen, Türken, Araber müssten draußen bleiben.

Ich bin jetzt international

Wenn niemand auf die Idee käme, sein Kind an eine vermeintlich bessere Schule im Nachbarstadtteil zu schicken, wären alle Schulen gemischt. Das bleibt aber ein Traum. Wir fanden schließlich eine Schule in Neukölln, auf der die Hälfte der Kinder einen "nicht deutschen Hintergrund" hat, wie es im Amtsdeutsch heißt. Und das ist eine gute Mischung. An der schicken Schule in Prenzlauer Berg hatte es zuletzt Streit gegeben, weil nicht alle Grundschüler an dem Tanztheaterprojekt teilnehmen durften, das in der Volksbühne aufgeführt wurde – einer der angesehensten Bühnen der Welt. Solche Sorgen kennen wir heute nicht mehr. Damals, im gentrifizierten Viertel, wurde auf überfüllten Elternabenden stundenlang über Bio-Essen diskutiert und darüber, ob der Eltern-Newsletter das richtige Format für das iPhone hat. Ein Vater beschwerte sich, er müsse "immer so viel scrollen". In unserer neuen Gegend freut man sich, wenn überhaupt ein paar Gestalten zum Elternabend erscheinen. Meine Kinder lernen jetzt das richtige Leben kennen. Wenn sie sich verabreden wollen, brauchen wir neuerdings kein WhatsApp mehr. Die anderen Kinder sind nachmittags sowieso auf dem Bolzplatz. Man geht einfach hin.

Aber wenn andere Eltern fragen, ob ich ihnen die Angst vor unserer Gegend nehmen kann, sage ich immer: Nein. Die Frage bleibt, wie sich unsere Kinder hier entwickeln werden, in einer Gegend, wo unter Heranwachsenden oft das Gesetz des Stärkeren gilt und die große Klappe siegt. Dreimal kamen meine Jungs heulend die Treppe hoch, es hatte Schläge gegeben, oder das Taschengeld war geraubt. Einmal ging ich mittags an einer Gruppe sehr kleiner Kinder vorbei, die Jungs schubsten sich mächtig herum, und eine Piepsstimme rief gerade: "Du Hurensohn! Ficker!" Ich dachte automatisch: "Typisch verwahrlost, wie gut, dass wir ...", und dann sah ich erst, dass mein eigener siebenjähriger Sohn dabei war. Es war seine Hortgruppe, auf einem Ausflug.

Solche Anekdoten erzählt man sich abends wie ein Trapper, der in der Wildnis einen gefährlichen Weg bewältigt hat. Trotzdem lieben wir unser neues Leben heute und wollen nicht mehr weg. Wir sind stolz auf die Chance, mitten in Deutschland in einem gut gewachsenen Vielvölkergemisch zu wohnen und von den anderen zu lernen. Ausgang ungewiss.

Ich habe, weil man das hier so macht, mit ehrenamtlicher Arbeit begonnen, unterrichte einen türkischen Jungen am Klavier. Wir haben eine katholische Kirche gefunden, die ihren Musikraum dafür bereitstellt. Dort schließt mir der polnische Pfarrer auf, mein Schüler und ich setzen uns ans Klavier, Jesus hängt an der Wand. Mein Schüler will nur amerikanische Filmmusik oder japanische Videogame-Soundtracks spielen und kann das richtig gut. Ich bin jetzt international. Ein gutes Gefühl. Doch wenn ich nicht zwei Stunden pro Woche für ihn abzweigen würde, mein Schüler würde nie Klavier lernen. Echte Chancengleichheit gibt es in diesem Land nicht.

Nach einer Diskussionsrunde in Neukölln, an der ich als dieser seltsame neue Stadtteil-Reporter teilnahm und vom Leben meiner Familie im Problemkiez erzählte, kam ein Inder auf mich zu. Achtzig Jahre alt sei er, sagte er, legte mir die Hand auf die Schulter und verkündete: "Ihre Kinder werden stark und selbstständig werden durch das Leben hier."

Thomas Lindemann hat zum Thema dieses Essays gerade das Buch "Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche!" veröffentlicht (Berlin Verlag; 290 S., 15,– €)

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