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Ein Phänomen sucht einen Namen: Sind es Rechtsradikale, Populisten, Extremisten? Und bilden sie überhaupt eine Gruppe – die Gaulands und Hofers, Sarrazins und Le Pens? Gehört Donald Trump zu ihnen, und was wäre mit dem ungarischen Premier Viktor Orbán oder dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, die dessen Wahlsieg herbeiwünschen?

Vielerlei Bezeichnungen sind im Umlauf, sie reichen von rechtskonservativ bis faschistisch. Das zeigt zweierlei. Erstens: Die Analyse wackelt. Zweitens: Die Demokraten wissen nicht, wie sie mit dem Phänomen umgehen sollen.

Denn Begriffe sind mehr als nur Namen. Sie enthalten Strategien. Der amerikanische Philosoph Charles Sanders Peirce (1839 bis 1914) hat es auf den Punkt gebracht: Ein Begriff werde dadurch charakterisiert, welche Verhaltensweise er auslöse. Wenn der AfD-Vizechef Alexander Gauland als Nationalkonservativer bezeichnet wird, dann löst das andere Handlungen aus, als wenn jemand feststellt, der Mann sei ein Salonfaschist. Mit dem einen diskutiert man, den anderen lädt man gar nicht erst ein.

Eine politische Bezeichnung definiert den Gegner, wendet sich an potenzielle Bündnispartner, plädiert für Debatte oder Abbruch der Verhandlungen, Duldung oder Repression. Und sie gewinnt oder verliert Mitstreiter. Ihre Wahl ist also nicht nur Politologie, sondern auch Politik.

Ein krasses Beispiel aus der Geschichte dafür ist die " Sozialfaschismus- These": Für die KPD der späten Weimarer Republik waren die Sozialdemokraten ebenfalls Faschisten, weshalb die Kommunisten eine Einheitsfront der Arbeiterparteien gegen die Nazis fatalerweise ausschlossen. Auch das machte Hitler den Weg frei.

Der britische Publizist Andrew Sullivan, ein in den USA lebender Rechtsliberaler, schrieb kürzlich über Donald Trump: "Seine Bewegung ist faschistisch, indem sie Fremde dämonisiert, die Bedrohung durch eine inländische Minderheit an die Wand malt (Muslime und Mexikaner als die neuen Juden), sich auf kultische Weise auf einen obersten Führer konzentriert und an Zwang in einer Demokratie glaubt, die bisher auf Überzeugung beruhte." Sullivan räumt ein, dass Trump – anders als die Faschisten – kein kohärentes Weltbild präsentiert. Allerdings unterscheidet diesen noch mehr von einem Benito Mussolini: Trump fordert weder die Liquidierung des politischen Gegners noch die Abschaffung der Demokratie. Darüber hinaus propagiert Faschismus stets eine spirituelle Wiedergeburt der Nation – und nicht bloß eine Erneuerung, wie sie Trump mit seinem "Let’s make America great again" anbietet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Dennoch weist das Phänomen, nach dessen Namen wir hier suchen, einige Gemeinsamkeiten mit dem Faschismus auf.

Seine Protagonisten von Trump bis Le Pen ziehen ihre Kraft aus einer tiefen Verunsicherung ihrer Wähler – so wie die Faschisten und Nazis im Europa der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Eliten hatten sich durch den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise diskreditiert, Hunderttausende waren versehrt aus den Schützengräben zurückgekehrt, die Hyperinflation der zwanziger Jahre hatte Löhne schon am Zahltag vernichtet. Eine dermaßen schwere Krise erleben Europa und Amerika derzeit nicht, doch hat die etablierte Politik lange Zeit die Sprengkraft des wachsenden Unsicherheitsgefühls unterschätzt.

Über Jahrzehnte hinweg hat die Globalisierung Lebenswelten fragil werden lassen, von denen sich Menschen Berechenbarkeit, Bindungen, Sinn und Identität erhoffen konnten. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat das bereits 1998 in seinem Buch Der flexible Mensch beschrieben: "Eine der unbeabsichtigten Folgen des modernen Kapitalismus ist die Sehnsucht der Menschen nach Verwurzelung." Und wenn der flexible Mensch sie in seiner Arbeit nicht finden könne, "treibt es ihn dazu, woanders nach Bindung und Tiefe zu suchen". Das Gefühl der Heimatlosigkeit beschleicht erst recht jene, die soziale Unsicherheit erleben und sich von den Eliten allein gelassen fühlen.

Für Agitatoren, die diese Gefühle verstärken, wurde der Begriff des Populismus erfunden. Ihre Methoden der Massenverführung könnten sie direkt den Werken des französischen Psychologen und Massenverächters Gustave Le Bon entnommen haben, der 1895 schrieb: "Alles, was die Fantasie der Massen erregt, erscheint in der Form eines packenden, klaren Bildes." An solchen Bildern herrscht derzeit kein Mangel. Attentate, Terroristen, geflohene Afrikaner und Araber – alles schon da, man muss es nur benutzen, dem Material eine Botschaft aufprägen: Du bist existenziell bedroht, nur wir können dich retten! Eine emotional aufgeladene Agitationsfigur, mit der schon die Nazis Erfolg hatten. Sie führt den Adressaten ihre Schwäche vor Augen und verspricht Stärke: Du bist Teil einer Bewegung, die das Alte hinfortfegt und den Wandel bringt – so lautet das Angebot der Populisten an ihre Wähler, darin liegt die politische Erotik ihrer Programme. Sei ein Gewinner wie Trump!

Dieses Machtversprechen gibt auch die plebiszitäre Propaganda des Populismus. Direkte Demokratie als Teil eines verfassungsstaatlichen, mit Kontrollmechanismen versehenen Systems von Repräsentation und Partizipation, wie sie in vielen Ländern existiert, ist nicht von vornherein ein Instrument des Populismus, kann aber so benutzt werden. Entweder wie in der Schweiz, wo Volksabstimmungen Alltag sind und auch von Rassisten benutzt werden, etwa im Februar in der Kampagne für die Abschiebung krimineller Ausländer. Oder in Form von Referenden, mit denen die Oberen die Unteren befragen, um sich Legitimation zu beschaffen – etwa wie Marine Le Pen es vorhat für den Austritt aus dem Euro und der EU oder für die Einführung der Todesstrafe. Viktor Orbán will seinen Ungarn demnächst die folgende Frage stellen: "Stimmen Sie damit überein, dass die Europäische Union die Macht haben sollte, die Niederlassung nicht ungarischer Staatsangehöriger in Ungarn ohne Zustimmung des ungarischen Parlaments zu erzwingen?"

Der heutige Populismus weist noch ein weiteres Merkmal auf: die schillernde Brutalisierung der öffentlichen Debatte. Erleben konnte man das in den vergangenen Tagen im Fall Gauland, der behauptet hatte, die Leute wollten einen wie den Nationalspieler Boateng nicht zum Nachbarn haben. Als ihm Rassismus vorgeworfen wurde, ruderte er hin und her, wiegelte ab, um gleich wieder nachzulegen. War das Verwirrung oder Tollpatschigkeit?

Keineswegs. Vielmehr verwendete Gauland eine Strategie, die in Österreich "Feschismus" genannt wird, nach dem "feschen" verstorbenen FPÖ-Parteiobmann Jörg Haider und seinen Gefolgsleuten: Perfektioniere das flirrende Spiel gegensätzlicher Aussagen. Bediene damit deine Fans vom rechten Rand. Und erweitere allmählich die Grenzen dessen, was "doch endlich mal gesagt werden muss!".

Populismus ist also ein treffender Begriff, allerdings beschreibt er mehr die Methode als die Inhalte, er erfasst den rassistischen und nationalistischen Gehalt nicht. Der Faschismusbegriff wiederum passt zwar zu einigen Methoden der genannten Bewegungen, überzeichnet aber ihre Ideologien und Ziele.

In jüngster Zeit geht ein anderer Begriff um, der die verschiedenen Phänomene wie eine Klammer zusammenhalten soll: Autoritarismus. Auch das ist ein Begriff mit Tradition. Die Soziologen der Frankfurter Schule stellten in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einen Zusammenhang zwischen den psychologischen Eigenschaften des "autoritären Charakters" und einer bestimmten Form von Politik her, deren Prinzip die straffe Führung von oben nach unten sei. Charakteristika autoritärer Herrschaft seien schrankenlose Dominanz, geistige Intoleranz sowie Aggression gegen Kritiker und Schwächere. Autoritäre Vaterfiguren in der Politik, in der Wirtschaft und in der Familie ähnelten einander nicht nur strukturell, sondern sie bildeten ein Ganzes.

Zu ihm gehöre auch der von Erich Fromm beschriebene sadomasochistische Mechanismus, den man gemeinhin mit "nach oben buckeln, nach unten treten" beschreibt: Von den Stärkeren erbittet der autoritäre Charakter Schläge, an die Schwächeren teilt er sie lustvoll aus. Und noch der Geknechtetste kann auf diese Weise Herrscher sein, und sei es, indem er Flüchtlinge angreift.

Dieser Begriff des Autoritarismus erklärt auch die Schwulenfeindlichkeit mancher Parteien, Bewegungen oder Regierungen in der rechtsdrehenden Politikgalaxis, denn nichts stellt die klassische Vaterrolle mehr infrage als homosexuelle Beziehungen.

So aussagekräftig er ist, der Begriff des Autoritarismus hat Löcher. Weder der Nationalismus wird mit ihm erfasst noch der Rassismus. Außerdem ist "autoritär" letztlich ein Maßbegriff: Nichts und niemand ist gänzlich antiautoritär, Sozialbeziehungen ohne eine Beimischung von Dominanz existieren nicht. Mit dem Begriff ließen sich daher Konservative kaum gegen die AfD oder die FPÖ mobilisieren. Er bleibt unzureichend.

Erhellend ist die Beobachtung, dass viele der genannten Strömungen internationale Verbindungen knüpfen. Sie haben also etwas Gemeinsames. Was? Das, was sie für den Feind erachten: die EU, Amerika, die Globalisierung, die Fremden im eigenen Land. Dagegen bildet sich so etwas wie eine Weltbewegung der Nationalisten heraus. Der Nationalismus ist, neben Populismus und Autoritarismus, ihre dritte Familienähnlichkeit. Aber hat diese Familie auch einen Nachnamen?

Le Pen und Gauland, Trump und Hofer, Putin und Orbán und wie sie alle heißen versprechen den Weg zurück in eine schönere Vergangenheit, die in Wahrheit nie existiert hat. Sie sind also Reaktionäre. Dieser Begriff hat den Vorteil, dass Konservative damit nicht gemeint sind, auch nicht alle, die sich als Rechte einstufen würden. Er ist sozusagen bündnisfähig. Einwenden ließe sich, dass dieser Begriff von Linken für alles Mögliche verwendet wird.

Man kann ihn aber präzisieren, indem man anfügt, dass es sich um ein länderübergreifendes Phänomen im Angriffsmodus handelt. Damit wäre ein passender Familienname gefunden: Wir haben es mit einer aggressiven, reaktionären Internationale zu tun.