DIE ZEIT: Frankreich ist bekannt für seine Streiks. Keine andere Gewerkschaft der Welt ist mit ihren Aktionen so sichtbar wie die CGT...

Philippe Martinez: ... Frankreich ist für Gewerkschafter in aller Welt immer noch ein Maßstab, was die sozialen Rechte der Arbeitnehmer betrifft. Wo ich im Ausland auftrete, muss ich den Leuten unsere Errungenschaften erklären. Wir überraschen die Leute immer wieder mit unserer Mobilisierungskraft.

ZEIT: Sie lassen dieser Tage Raffinerien blockieren und schalten Atomkraftwerke ab.

Martinez: Die französische Gewerkschaftsbewegung lebt vom Aktivismus.

ZEIT: Machen Sie sich keine Sorgen, dass Streiks im Atomkraftwerk die Sicherheit gefährden?

Martinez: Wenn diejenigen streiken, die von der Sicherheit in einem AKW am meisten verstehen – wo ist dann das Problem?

ZEIT: Wie viel Ausdauer haben die Streikenden?

Martinez: Jeder Streiktag kostet den Angestellten seinen Lohn. Wir können ihn nicht aus der Streikkasse bezahlen wie in Deutschland. Der Streik ist also hart für die Leute. Er wird debattiert, diskutiert und in jedem Unternehmen abgestimmt. Umso entschlossener aber wird dann gestreikt.

ZEIT: Macht Streiken Spaß?

Martinez: Er ist ein Moment der Brüderlichkeit. Streiks waren in unserer Geschichte immer dramatisch, aber auch jovial, fröhlich. Das ist heute nicht anders, sieht man von den gewalttätigen Gruppen ab, die unsere Demonstrationen regelmäßig gestört haben.

ZEIT: Nur knapp drei Prozent der Beschäftigten in Frankreich sind Mitglied Ihrer Gewerkschaft.

Martinez: Das sagt nicht viel. Wir haben knapp 700.000 Mitglieder – mehr als alle politischen Parteien in Frankreich zusammen. Bei Betriebsratswahlen stimmt etwa ein Drittel der Beschäftigten für uns. Unsere Aktionen werden heute von über 60 Prozent der Franzosen unterstützt.

ZEIT: Dann stimmt das alte Klischee: Frankreich – das ist Wein, Käse und Klassenkampf?

Martinez: Frankreich ist das und noch vieles andere. Frankreich ist auch Fußball, wie jetzt bei der Europameisterschaft.

ZEIT: Es gab Vorwürfe, dass die Nationalspieler nach Rassenkriterien ausgewählt wurden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

Martinez: Das glaube ich nicht. Aber wahr ist, dass Rassismus in Frankreich existiert. Das Klima in der Ausländerdebatte ist ungesund.

ZEIT: Verstärken die Streiks nicht noch das ungesunde Klima im Land?

Martinez: Wir müssen das wahre Übel angreifen. Das wahre Übel ist das Kapital. Sonst sagen die Leute: Das Übel ist der andere, der mit der anderen Hautfarbe, mit der anderen Religion.

ZEIT: Verlangen Sie nicht zu viel? Jetzt wollen Sie auch noch mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Martinez: Wir haben gerade tausend Milliarden Dollar in Finanzparadiesen gefunden. Es gibt Geld, auch wenn es manchmal versteckt ist!

ZEIT: Es ist nur nicht Ihr Geld.

Martinez: Warum denn nicht? Europa kann Schluss mit den Finanzparadiesen machen. Europa fehlt bisher nur die Kraft dazu. McDonald’s und Google bezahlen bei uns keine Steuern, kleine Unternehmen dafür sehr viel. Je größer das Unternehmen, desto weniger Steuern und desto mehr Hilfen. Das muss Europa ändern.

ZEIT: Sie streiken heute also aus viel mehr Gründen als nur dem Arbeitsrecht?

Martinez: Es gibt ein Unbehagen in Frankreich. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Löhne sind niedrig, die soziale Unsicherheit ist groß.

ZEIT: Frankreichs Mindestlohn zählt zu den höchsten der Welt.

Martinez: Wissen Sie, wie hoch er ist?

ZEIT: 1.500 Euro.

Martinez: Brutto, macht 1.100 netto. Versuchen Sie mal, damit eine Wohnung zu mieten, Kinder zu erziehen und zu essen!

ZEIT: Frankreichs Arbeitslosenversicherung liegt weit über deutschem Niveau.

Martinez: Aber nur einer von zwei Arbeitslosen kommt in den Genuss dieser Leistungen. Die Armut steigt. Frankreich leidet, obwohl es ein reiches Land ist.

ZEIT: Mit den weltbesten Arbeitnehmerrechten?

Martinez: Mit den am wenigsten beschnittenen Rechten in der Welt.

ZEIT: Und jeder kleine Rückschritt rechtfertigt gleich einen großen Streik?