Eigentlich dachten alle, die Debatte sei vorbei. Endgültig begraben, dieser Jahre währende Streit über die europaweite Studienreform, die 1999 in der italienischen Stadt Bologna verabredet wurde. Das dachte wohl auch die Arbeitsgruppe von Hochschulrektoren und Wissenschaftsministern, die jüngst an einem gemeinsamen Papier zur Zukunft von Bachelor und Master gefeilt hatte. Flexibler sollte das Studium werden, freier und individueller. Die Vollversammlung der Hochschulrektoren hatte das Papier durchgewinkt, nun waren die Amtschefs der Kultusministerkonferenz (KMK) an der Reihe. Reine Formsache, waren sich die Autoren sicher – so sicher, dass sie das Papier der Süddeutschen Zeitung zuspielten. Die feierte noch am Tag der Sitzung den bevorstehenden "großen Wurf". Doch dann passierte etwas, mit dem kaum einer gerechnet hatte: Die Staatssekretäre nahmen das Papier von der Tagesordnung. Es sei in der Form nicht beschlussfähig, hieß es. Die Entscheidung darüber: auf unbestimmte Zeit verschoben.

Was war da los? Im Nachhinein ist die Überraschung nicht mehr ganz so groß, denn der neue Stunk um Bologna hatte sich seit Wochen angekündigt. Langjährige Gegner der Reform, die zuletzt leiser geworden waren, stellen plötzlich wieder die Existenzfrage. Da fordert der Bielefelder Soziologe Stefan Kühl in der FAZ die Abschaffung der Creditpoints, einer tragenden Säule der Reform. Die Professorengewerkschaft DHV beklagt, das Hechelstudium habe die Idee des wissenschaftlichen Studiums pervertiert, und der Münchner Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin sagt das, was er immer sagt: dass seit der Reform das Niveau sinke und zu viele junge Menschen studierten.

Sie opponieren gegen eine Studienstruktur, die die Zahl der Studienabbrecher senken und die Studienleistungen dank europaweit gültiger Creditpoints vergleichbarer gestalten sollte. Das war zumindest der Plan der Wissenschaftsminister aus 30 Ländern, als sie vor 17 Jahren den "Bologna-Prozess" in einer gemeinsamen Erklärung beschlossen haben. Sie vereinheitlichten dafür ihre von Land zu Land unterschiedlichen Studienabschlüsse auf ein gemeinsames, gestuftes System von Bachelor und dem darauf aufbauenden Master. In Deutschland besiegelten die Wissenschaftsminister damit das Ende von Diplom und Magister – und erregten den Zorn weiter Teile der Professorenschaft. Auch Studenten begehrten gegen die neue Struktur auf, die Vorgaben seien zu rigide und beschränkten die individuelle Studienplanung. Die Creditpoints sorgten in Verbindung mit zu kleinen Studienabschnitten, sogenannten Modulen, für eine vorher nicht gekannte Klausurenflut.

Die Proteste gegen Bologna gipfelten in den Studentenstreiks von 2009/10 – und führten zu einer großflächigen Lockerung der Vorgaben: weniger Klausuren, größere Module, neue Wahlmöglichkeiten. In der Folge stieg die Zufriedenheit der Studenten auf historisch hohe Werte, wie der bundesweite Studienqualitätsmonitor regelmäßig belegt. Ebenso die internationale Mobilität der Studenten. Auch die Abbrecherquoten gehen tendenziell zurück. Warum also schießen die Bologna-Gegner jetzt wieder aus allen publizistischen Rohren? Führen sie nicht eine Debatte, die längst Vergangenheit ist?

Um zu verstehen, was da passiert, muss man ein paar Wochen zurückgehen. Am 18. März hat das Bundesverfassungsgericht die Akkreditierung von Studiengängen in ihrer aktuellen Form für verfassungswidrig erklärt. Die Grundidee der Akkreditierung, die kurz vor Bologna eingeführt wurde, ist bestechend: Die Hochschulen werden in die Freiheit entlassen, sie können ihre Studiengänge selbst gestalten und brauchen sie sich nicht mehr von den Ministerien genehmigen lassen. Stattdessen werden die Programme regelmäßig von externen Experten, zumeist Professoren und Studenten, überprüft. Mit Akkreditierungsrat und Agenturen ist das System in der Praxis jedoch höchst umstritten und gilt als überbürokratisiert. Und nun sagt also das Bundesverfassungsgericht: So könnt ihr nicht weitermachen. Ein Paukenschlag für die Wissenschaftspolitik.

Bis Ende 2017 müssen die Bundesländer die Regelungen überarbeiten.

Für Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) aber war der Richterspruch ein Grund, "eine gute Flasche Wein aufzumachen". Seit Jahren habe er auf dieses Urteil gewartet. "Ich wusste, dass es noch eine Gelegenheit geben wird, offen über das Versagen von Bologna zu diskutieren, und zwar in dem Moment, in dem die Verfassungsrichter die rechtliche Grundlage der Akkreditierung infrage stellen."