Während sich die deutsche Presse das Brexit-Referendum schönredet, genügt ein Besuch bei Karl Heinz Bohrer in London, um das Frösteln im Nacken zu spüren, mit dem der Tories-Chef David Cameron in diesen Tagen zu kämpfen hat. Der langjährige Herausgeber des Merkur und ehemalige London-Korrespondent der FAZ rückte in seinem Buch Englische Ansichten schon vor 40 Jahren hiesige Sehfehler zurecht. Damals zeichnete sich anlässlich des ersten Referendums des Königreichs zur EU-Mitgliedschaft bereits der mentale Abgrund ab, den der Ärmelkanal markiert. Als Philologe hat Bohrer sich auf die ästhetische Zeit, auf die Plötzlichkeit in der Literatur konzentriert, keine schlechte Voraussetzung, um die schwerwiegende Entscheidung in England zu analysieren.

Im Keller eines hübschen Reihenhauses auf der falschen Seite der Themse, wie Bohrer im Vollbewusstsein britischer Statusgrenzen bemerkt, hat er sein spartanisches Büro eingerichtet. Dort deckt er sich mit einem Stapel Bücher ein, dann ziehen wir in den living room um, wo es weniger kühl ist. Auf dem ovalen Esstisch breitet er sein Material aus, aus dem ausführlich zitiert wird. Bevor von der Brexit-Krise die Rede sein kann, muss man sich die Stimme dieses Doyens der deutschen Intelligenzija vorstellen, die in ihrer Deutlichkeit und rhetorischen Geschliffenheit, bei leichtem rheinländischem Akzent, seine Bühnenerfahrung nicht verbirgt. Hier wird nichts genuschelt und dahingesagt. Bohrers Stimme ist ein Motor, der Gedanken fräst, konstelliert, Worte schleift und Fußnoten einrückt, ohne je den großen Prospekt aus den Augen zu lassen. Im verbalen Duktus ist die Affinität zum britischen Debattentheater immer präsent.

Damit wären wir schon bei Bohrers erstem Punkt für die Inkompatibilität von London und Brüssel. Als der Anführer der britischen Independence Party (Ukip) Nigel Farage dem EU-Präsidenten Herman Van Rompuy 2010 ins Gesicht sagte, er besitze das Charisma eines feuchten Wischlappens, reagierten die Zuhörer mit hilflosen Wutgebärden. "Niemals", sagt Bohrer, "würde ein kontinentaler europäischer Politiker sich so benehmen." Zugleich räumt er ein, dass das elektrisierend unverschämte und zugleich unterkühlte Gebaren der Brexiter in den betulich ernsten, manchmal gar pompös wehleidig auftretenden EU-Abgeordneten kaum einen sportlichen Gegner hat. "Das geht ihnen so auf die Nerven", sagt Bohrer und rezitiert Kiplings Gedicht If, ein an den Schulen des Königreichs für den Gentleman-Schliff genutztes Brevier, in dem es vor allem um Haltung geht: "Das ist ein Argument für eine völlige Singularität des Selbstseins gegenüber den anderen, cool, ohne Triumph."

Auch die Kaltschnäuzigkeit, mit der Brexiter Camerons Untergangsszenarios abservieren, fällt unter dieses Register: "Es ist wahr", sagt Bohrer, "dass Engländer auf ein bedrohliches Element nicht mit totaler Angst reagieren, sondern aus einem gewissen Gefühl heraus, dass der liebe Gott oder die Geschichte ihnen eine genuine Überlegenheit zugebilligt haben. Sie nehmen die Bedrohung zunächst einmal ironisch-selbstironisch zur Kenntnis. Sie wird als Herausforderung empfunden."

Die Engländer, meint Bohrer, fürchten das neue deutsche Gemeinschaftspathos

Bohrer lebt ohne Mobiltelefon, Faxgerät und Computer. Er kann sich nicht vorstellen, wie leicht man heute an ein Gedicht herankommt, deshalb reißt er mir Kiplings If einfach heraus, von dem er sagt, dass es ihn fast ergriffen hätte. Die Singularität des Engländers ist für ihn zunächst eine topografische. Sie beruht auf einem poetischen Nationalgefühl, das von hymnischen Texten auf das grüne Eiland befeuert wird. "Dies Kleinod, in die Silbersee gesetzt", schwärmt der Herzog von Gaunt in Shakespeares Richard II: "Die ihr den Dienst von einer Mauer leistet, / Von einem Graben, der das Haus verteidigt / Vor weniger beglückter Länder Neid." Bohrer intoniert die schöne Schlegel-Tieck-Übersetzung markant, scharf, wie ein Beweisstück vor Gericht. Sein nächster Zeuge ist William Blake, dessen Jerusalem nach dem Zweiten Weltkrieg fast zur Nationalhymne geworden wäre. Darin feiert der Dichter Englands anmutige, gottgesegnete Auen und gelobt den geistigen Kampf gegen die satanischen Mächte der Industrialisierung, die das Erstehen eines zweiten, englischen Jerusalems zu vereiteln suchen.

Churchills große Kriegsrede schlägt in dieselbe Kerbe: "Wir werden unsere Insel verteidigen, koste es, was es wolle. (...) Wir werden in den Feldern und auf den Straßen kämpfen. Wir werden uns nie ergeben." Das ist, was nachklingt, sagt Bohrer, der Schutz der Grenzen, die Unantastbarkeit britischen Bodens: "Das ist alles ins Unterbewusstsein eingesunken. So denkt die Oberschicht heute noch, selbst wenn sie liberal ist und Europa liebt, auch wenn sie es nie sagen würde. Abgesehen von Walther von der Vogelweide findet man nichts dergleichen in Deutschland, und auch in Frankreich kenne ich keine derartige Affirmation der Nation, abgesehen von der Glorifizierung der Französischen Revolution, in der es um politische Lebensmöglichkeiten geht."

Eichendorff und Jean Paul, der deutschen Romantik überhaupt ist so ein in der Landschaft begründetes Selbstgefühl nicht fremd. Allerdings, und da hat Bohrer recht, führt es nicht zum Bewusstsein der Singularität, sondern eher zur Idee einer kollektiven Alleinheit. Um die Kluft zu England zu ermessen, wird auf Plessners Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft hingewiesen: "Wobei Plessner der Linken und Rechten in den Zwanzigern vorwirft, dass sie das Konzept der Gesellschaft nicht akzeptieren, und das heißt auch, der Widersprüchlichkeit. Anstelle dessen das zum Autoritären und Einzigen führende Konzept der Gemeinschaft." Wenn Brexit-Chef Boris Johnson der EU vorwirft, mit friedlichen Mitteln dieselben expansiven Ziele wie Hitler zu verfolgen, dann vermutet Bohrer dahinter die Befürchtung, ein neues deutsches Gemeinschaftspathos könnte den traditionell englischen Diskurs ersetzen. "Keine Frage, die englische Art zu denken wird erwürgt." Noch ein Zeuge, ein Tagebucheintrag Sartres von 1940, als die Besetzung Frankreichs noch nicht abzusehen war: "Das Streben nach Einheit geht über die bloße Vereinigung der deutschen Länder hinaus. (...) Das Phänomen der Vereinigung erscheint so, als müsse es einfach für den ganzen Kontinent einen Sinn haben. (...) Sie ist Vereinigung, um zu herrschen." Für das paneuropäische Phantasma bringt Bohrer nicht nur Friedrich Naumanns Konzeption einer großen mitteleuropäischen Wirtschaft von 1916 vor, er erinnert auch daran, dass die alten bundesrepublikanischen Grenzen mit denen des Ostfrankenreichs zusammenfielen. Solche Phantome spielten eine Rolle, als de Gaulle und Adenauer sich bei Gründung der Montanunion auf das karolingische Reich beriefen und die Aussicht begrüßten, das Werk Karls V. fortzuführen.

Natürlich lässt der Londoner Gelehrte die Pointe nicht aus, dass sich heutige Expansionsgelüste deutscher Politik weniger auf Selbstbehauptung als aufs Verschwinden richten: "Das deutsche Motiv, in eine größere Gemeinschaft einzutreten, die den hehren Namen Europa trägt, ist die Aufgabe der eigenen nationalstaatlichen Vergangenheit. Deutschland hat durch den Holocaust und zwei Kriege eine solche Katastrophe über die Welt, Europa und sich selbst gebracht, dass die Deutschen die Chance sehen, in einem Staat aufzugehen, mit dem wir uns moralisch und psychologisch identifizieren können, was wir angeblich mit einem deutschen Nationalstaat nicht können." Der polemische Nachsatz bezieht sich auf Jürgen Habermas: "Darüber habe ich einen langen Briefwechsel mit ihm gehabt." Dass ausgerechnet Habermas und Ulrich Beck die EU vorangetrieben haben, irritiert Bohrer sichtlich. Sein englischer Blick vermag hinter solchem Engagement nur eine reaktionären Positionen zuarbeitende Schimäre zu erkennen, wo ein Gesellschaftskonzept vonnöten wäre: "Wenn es das gäbe, dann hätte man eingesehen, dass so eine Europa-Idee aufgrund der unterschiedlichen institutionellen und politischen Vergangenheiten der Länder unmöglich ist. Ökonomische und fiskalische Strukturähnlichkeiten wären aber die Voraussetzung dafür, dass der Euro funktioniert." Was England betrifft, steht der EU-Integration an vorderster Stelle eine idiosynkratische Rechtsprechung im Wege, "die unantastbare Glorie" des Common Law.

Trotz vorhandener Empire-Nostalgie – Roger Scrutons England. An Elegy und Andrew Marrs The Day Britain Died werden vorgelegt – kommt die EU als rettendes Ufer nicht infrage: "Man sieht das Euro-Europa als failed state." Dabei gilt die Wehmut weniger dem britischen Weltreich als den kriegerischen Erfolgen: "Immer wenn eine Macht auf dem Kontinent dominant wurde, haben die Engländer sie angegriffen." Vor allem die Weltkriege sind präsent. "Sie waren die Sieger und sollen nun mit diesen Leuten, den Deutschen, die vier Jahre ganz Europa besetzt haben und zweimal niedergerungen wurden, ein nationalstaatliches Bündnis eingehen? Dabei wird von den Engländern doch nur eine freie Wirtschaftsgemeinschaft verlangt. Sie gehören ja nicht zum Euro und auch nicht zu Schengen. Aber selbst das genügt ihnen nicht. Daran erkennt man das Ausmaß der Emotionen."

Dass Großbritannien im geschichtsphilosophischen Sinne, wie Bohrer sagt, "ein eigener Kosmos ist", führt über den Stil seiner Kolonialherrschaft auch zur Ablehnung kontinentaleuropäischer Zuwanderung. Während Frankreich seine nordafrikanischen Eroberungen zu nationalen Provinzen mit kultureller Überformung machte, war die englische Kolonialverwaltung nur am Handel interessiert: "Sie haben ihre Kolonien als eine Art Wirtschaftsunternehmen gesehen. Erst 1856 wurde die englische Königin zur Kaiserin von Indien, mit vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber internen indischen Verhältnissen, seien es nun Schulen, die Religion, nichts wurde angetastet – "doch", korrigiert sich Bohrer dann fast erschrocken und ohne den geringsten Anflug von Ironie, "sie haben die Witwenverbrennung verboten."

"Sie reden heute noch davon, dass ihre Königsfamilie deutsch ist"

Gerade diese rein pekuniären Motive der Empire-Bildung sind heute der Grund für die paradox anmutende Offenheit gegenüber Einwanderern aus dem Commonwealth bei geradezu hysterischer Abschottung vor der EU-Zuwanderung. Setzt man unter den Abkömmlingen ehemaliger Kolonien doch dasselbe Toleranzverständnis und Gefühl für Britishness voraus, das auf der Insel herrscht: "Solche Entscheidungen werden nicht nach der Hautfarbe, sondern nach der kulturellen Zugehörigkeit getroffen. Denn es gibt in England nach wie vor keinen genuinen Rassismus. Einige Intellektuelle warnen zwar davor, wie England in 40 Jahren aussehen wird. 1982 bestand es zu fast 90 Prozent aus Weißen. Jetzt sind es noch 45 Prozent. Das ist bekannt und erzeugt keinerlei dramatische Unruhe in der Bevölkerung. Wenn London, so ist die Angst, in der Union bleibt, dann können Hunderttausende Türken kommen. Englands lange Tradition, politisch Verfolgten zu helfen, hindert sie überhaupt nicht, jetzt hart zu sein. Sie dachten gar nicht daran, auch nur einen dieser armen Leute, die im Dreck von Calais saßen, reinzulassen."

Die englische Linke sagt den Brexitern nach, dass zu ihrer viel beschworenen Britishness neben Toleranz auch die Spekulation auf eine selbstverständliche Anerkennung englischer Superiorität gehört. Für sie ist die Commonwealth-Romantik ein Elitenphänomen: Man wolle sich die billigen Haushaltskräfte nicht nehmen lassen. Unter der nicht weißen Bevölkerung sieht die Haltung zur Europafrage anders aus: "Da gibt es eine ganze Reihe, die für die Öffnung sind, weil sie nach wie vor dem englischen Diskurs und Way of Life entfremdet sind." Das gilt besonders für die Parallelwelt der in sich florierenden indischen Gemeinden. Und "auch in London neigt die Mehrheit der Farbigen, die den muslimischen Bürgermeister Sadiq Khan gewählt hat, zum 'Lasst sie doch kommen'".

Durchaus britisch mutet Bohrers dezidiertes Interesse am Bildungs- und Klassenhintergrund der Debattenprotagonisten an. Dass Jacob Rees-Mogg Sohn des früheren Times-Herausgebers ist, Boris Johnson im Gegensatz zu Michael Gove aus einer Upperclass-Familie stammt und Nigel Lawson eine üppige Schönheit zur Tochter hat, die man ständig im Fernsehen sieht, gehört zu einem Gesellschaftsschauspiel, das mit allen Mitteln betrieben wird. Hier spürt man feudale Lust am Repräsentativen, vielleicht gerade weil dem britischen Königshaus der Stachel der Macht so gründlich gezogen wurde: "Die Engländer reden heute noch davon, dass ihre Königsfamilie deutsch ist und eigentlich das Langweiligste, was es geben kann. Aber auch das Beste, was uns Deutschland beschert hat, weil genau diese unambitiöse Haltung gefällt. Man hat ein wohlwollend ironisches, hinnehmend pragmatisches Verhältnis zur Königsfamilie."

Als vollendeter Gentleman lädt Karl Heinz Bohrer mich zum Lunch in ein nahes Pub ein. Wie er persönlich zum Brexit steht, weiß ich noch immer nicht. "Ich bin keineswegs dafür", sagt er überraschend entschieden. "Sie haben keine wirklichen Argumente, nur ein plötzlich aufgekommenes Superioritätsgefühl, das ich zu verstehen suche." Zwei ganze Makrelen werden aufgetischt, mir bleibt eine Gräte im Halse stecken. Was passiert jetzt? Werde ich den Health Service in Anspruch nehmen müssen? Ich bringe es nicht fertig, mitten im Gespräch abrupt aufzustehen. Stattdessen ziehe ich einen Schokoriegel aus der Tasche, stecke mir ein Stück in den Mund und erwähne die Gräte. Bohrer ist konsterniert. Mich trifft der rätselnde Blick des Plötzlichkeitsphilosophen. "Geben Sie mir auch ein Stück", sagt er dann.