Hartmut Rosa, einer der begabtesten deutschen Soziologen seiner Generation, hat zwei gute Eigenschaften und eine verhängnisvolle Neigung. Er hat die Kraft, dicke Bretter zu bohren, lässt sich also nicht von jener Seriosität lahmlegen, die zur sorgfältigsten Bearbeitung kleinstmöglicher Fragen verpflichtet – einer Seriosität, hinter der oft nur Feigheit steckt. Dieser Mut zum großen Wurf, zur umfassenden Gesellschaftstheorie, wurde 2005 in seinem Buch Beschleunigung sichtbar – und jetzt wieder in Resonanz. Dazu kommt die Lust daran, sich ins Getümmel zu stürzen: Der 1965 geborene, seit 2005 in Jena lehrende Wissenschaftler arbeitet eng mit Lehrern an Schulen zusammen und streitet auf dem Kirchentag mit dem Bundespräsidenten; er hält sich nicht vornehm zurück, sondern mischt sich ein, wo er nur kann. Diese guten Eigenschaften sind so oft gepriesen und gewürdigt worden, dass es an der Zeit ist, auf eine Neigung hinzuweisen, mit der Rosa der eigenen guten Sache schadet: seine Neigung zum Wischiwaschi.

Manche Bücher tun ihren Lesern den Gefallen, gleich im ersten Satz ihr ganzes Programm auf den Punkt zu bringen. Dazu gehört auch Rosas neues Buch: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung." Dass alles immer schneller geht, führt – so wird im Verlauf des Buches erklärt – zu einer Zerrüttung unserer Beziehungen zu anderen und zu den Dingen. Das Gegenmittel zu der allseitigen "Entfremdung" sollen die "Resonanzerfahrungen" sein, mit denen Menschen in der Welt Anklang finden und sich in ihr "zu Hause" fühlen können. Damit ist schon klar, in welche großen Teile sich dieses Buch gliedern muss: Zu schildern ist zunächst, welche Resonanzerfahrungen der Mensch macht (beim Atmen, Essen, Lieben, Lachen und so weiter), sodann sind die sozialen Zusammenhänge darzustellen, in denen sich diese Erfahrungen entfalten (Familie, Arbeitswelt, Freizeit, Politik, Religion und so weiter), und schließlich muss die Krise beschrieben werden, von der diese Zusammenhänge heute bedroht werden. Rosa vollzieht einen Dreischritt von der Anthropologie über die Sozialtheorie zur Gesellschaftskritik.

Nun gibt es Bücher, bei denen man außerdem den Eindruck hat, dass sie gleich am Anfang das Kind in den Brunnen fallen lassen, um dessen Wohl sie doch besorgt sind. Um solch ein Buch handelt es sich bei Rosas Resonanz, das immerhin dem Wohl der modernen Gesellschaft gewidmet ist. Also noch mal zurück zum ersten Satz: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung." Der Erfolg von Rosas Vorhaben steht und fällt damit, dass dieser Satz Sinn ergibt. Er hat es also verdient, auf die Goldwaage gelegt zu werden.

Für einen Physiker ist der Fall klar: Er wird es abwegig finden, ein Problem der Mechanik mit den Mitteln der Akustik zu lösen, und zu dem Schluss kommen, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden. Von diesem Physiker muss sich ein Verteidiger Rosas natürlich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Er kann einwenden, dass die Begriffe "Beschleunigung" und "Resonanz" nicht naturwissenschaftlich, sondern sozialtheoretisch, also in einem übertragenen Sinn gebraucht werden. Diese Verteidigung klingt gut, ist aber leider vergiftet. Sie basiert auf dem Eingeständnis, dass Beschleunigung und Resonanz hier als Metaphern gebraucht werden. Das macht sie wunderbar anschlussfähig für aktuelle Stimmungen – aber eben auch arg vage. Wer sich schon einmal so gehetzt gefühlt hat, dass er "keinen Bissen herunterbringen" konnte, meint nun zu wissen, was mit ihm los ist: Die Beschleunigung hat ihm die Ess-Resonanz versaut. Der Erklärungswert eines solchen Befunds ist freilich dünn – und manchmal geht dieser Befund ganz an der Realität vorbei. Wenn ich in der Warteschleife eines Callcenters hänge, habe ich zum Beispiel nichts dagegen, dass die Bearbeitung beschleunigt wird, auf dass mir so bald wie möglich die Resonanz eines Kundenberaters zuteilwird.

Wer mit Metaphern jongliert, dem rutschen also manchmal die Phänomene durch die Finger, die er erfassen will. Dieses Missgeschick ist derzeit nicht nur bei Hartmut Rosa zu studieren, denn es darf insgesamt von einem neuerdings erhobenen metaphorischen Ton in der Theorie gesprochen werden. Besonders laut wird er von Peter Sloterdijk angestimmt, den Rosa gern zustimmend zitiert und als dessen netter Neffe er gelten darf.

Rosa kostet mit großer Hingabe und sprachlicher Verve die Suggestivkraft seiner Metaphern aus. Doch man muss ihm zugutehalten, dass er es nicht bei diesem Spiel belässt. Er schreibt: "Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sich der Resonanzbegriff als Metapher zur Beschreibung von Beziehungsqualitäten in hohem Maße eignet und dass er ein enormes Anregungspotenzial für die Untersuchung von Weltverhältnissen auf nahezu allen Feldern des menschlichen Lebens entfaltet." Dabei will er sich nicht mit einer "metaphorischen Verwendung des Begriffs" begnügen, sondern die Resonanz als "sozialphilosophischen Grundbegriff" und als "sozialwissenschaftliche Analysekategorie etablieren".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Dazu muss Rosa die Vagheit der Resonanz verringern – und so landet er am Ende doch bei der Physik, nämlich bei der Stimmgabel: "Bringt man zwei Stimmgabeln in physische Nähe zueinander und schlägt eine davon an, so ertönt die andere als Resonanzeffekt mit. Wenn Subjekte also im Sinne der Leitthese dieses Buches auf Resonanzerfahrungen hin angelegt sind, so können sie darauf hoffen, als ›zweite Stimmgabel‹ von etwas Begegnendem zum Klingen gebracht zu werden – oder aber im Sinne der ›ersten Stimmgabel‹ so lange zu suchen, bis sie ›Widerhall‹ finden." Das klingt gut und schön – ist es aber leider nicht.

Mit dem Resonanzbegriff handelt sich Rosa eine Vorgabe ein, die er pikanterweise nicht erwähnt: Das Spiel mit den Stimmgabeln funktioniert bekanntlich nur, wenn sie genau gleich gestimmt sind. Resonanz steht eigentlich für öden Gleichklang und bestraft jede Abweichung mit Totschweigen. Passenderweise hat deshalb der hierzulande leider kaum gelesene, von Rosa immerhin beiläufig erwähnte Politikwissenschaftler William Connolly vorgeschlagen, den Kapitalismus mit seiner nivellierenden Wirkung als riesige "Resonanzmaschine" zu beschreiben.

Indem Rosa am Resonanzbegriff festhält, treibt er also ein gefährliches Spiel. Einerseits bedient er den aktuell besonders beliebten Einheits- und Echotraum, in dem alle Unterschiede abgebügelt werden. Andererseits wendet er sich doch gegen ein solches "identitäres Echo-Konzept von Resonanz", welches er weniger beim Kapitalismus als beim Faschismus verortet. Um die Resonanz vor Gleichmacherei in Schutz zu nehmen, muss er sie allerdings bis zur Unkenntlichkeit entstellen und ausleiern. Rosa ist von dem Wunsch getragen, dass derjenige, mit dem er in eine Weltbeziehung tritt, nicht als Dublette, sondern mit seiner "eigenen Stimme" antwortet. Damit wendet er sich Phänomenen der Responsivität, aber auch der Digression und Transgression zu, die quer zu seinem Leib-und-Magen-Wort liegen.

Der Streit um die Resonanz ist nicht nur ein Streit um Worte, sondern ein Streit um den Umgang mit unseren großen Sehnsüchten und um die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Rosa unterbreitet einen Vorschlag, wie eine Gesellschaft aussehen soll, die dem Glück der Menschen zuträglich ist: Sie steht ihm zufolge im Zeichen einer Wiederbelebung der "Romantik", welche sich durch "beispiellose Resonanzsensibilität" auszeichnet. Es wäre hilfreich, wenn er bei nächster Gelegenheit verraten würde, wie er sich die Realisierung dieser charmanten Idee vorstellt. Die Signale, die er einstweilen setzt, bleiben leider ebenso unschlüssig wie sein Resonanzbegriff selbst. Mal meint er kämpferisch, hierzu müsse eine "simultane und konzertierte politische, ökonomische und kulturelle Revolution" stattfinden. Mal lobt er aber auch die moderne Technik und Ökonomie dafür, materielle Lebensbedingungen zu schaffen, die "resonante Weltverhältnisse für alle" denk- und machbar erscheinen lassen. Soll die Resonanz nun Kennzeichen einer anderen, besseren Welt sein – oder ein Sahnehäubchen, das den kalten Kaffee von Kapitalismus und Hightech verziert? Es empfiehlt sich ein ökologischer Umgang mit diesem Wort: Man sollte es mit äußerster Zurückhaltung verwenden.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung; Suhrkamp, Berlin 2016; 815 S., 34,95 €