Nun, da es wieder still ist um die Bauern, ist es an der Zeit, über Kühe zu reden. In den vergangenen Wochen druckten Zeitungen Überschriften wie Milchbauern im Jammertal und Licht aus in allen Ställen. Das Fernsehen zeigte traurige Männer in Arbeitshosen, die wegen der niedrigen Milchpreise ihre Höfe stilllegen mussten. Vor dem Brandenburger Tor standen Tausende leere Gummistiefel – eine Protestaktion verzweifelter Landwirte. Am Ende versprach der Landwirtschaftsminister den Milchbauern mindestens 100 Millionen Euro Soforthilfe. Der Beschluss wurde verkündet wie ein Rettungspaket, wie eine Problemlösung. Die Wörter Milch und Bauer verschwanden wieder aus den Überschriften der Zeitungen. Dabei hat sich wenig geändert: Noch immer kann sich ein Landwirt von dem Geld, das er für einen Liter Milch bekommt, kaum eine Flasche Mineralwasser kaufen. Die Not der Bauern ist nicht vorüber. Sie hat nur an Lautstärke verloren.

Mich hat das alles an Olga erinnert. Und an einen Sonntagmorgen vor fast 40 Jahren.

Olga war eine Kuh, meine Lieblingskuh. Ich bin auf einem Bauernhof in Ostwestfalen aufgewachsen. Als ich klein war, lebten bei uns 30 Hühner, 40 Schweine, mehrere Katzen, ein Pony sowie 25 Kühe und ihre Kälber. Das klingt wie Bullerbü, und genauso war es auch. Olga hatte ich so gern, weil mein Vater sagte, sie sei von allen unseren Kühen die frommste. Olga mochte es, wenn man sie zwischen den Hörnern kraulte, immer guckte sie so lieb und geduldig. Ihre Mutter war die erste rotbunte Kuh in unserem Stall, aber Olga war schwarz-weiß gefleckt wie die anderen. Sie war schon so lange bei uns, wie ich denken konnte, und ich dachte, sie würde für immer bleiben.

An einem Sonntag Ende der siebziger Jahre, ich war damals acht Jahre alt, schnappte ich am Frühstückstisch auf, dass mein Vater unsere Kühe abschaffen wollte. Schon damals funktionierte der Milchmarkt in Europa nicht richtig. Die Bauern verdienten besser als heute, aber nur, weil die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), aus der später die Europäische Union hervorging, den Molkereien riesige Mengen Milchpulver abkaufte und sie einlagerte. Zu jener Zeit kamen Schlagwörter wie "Milchsee" und "Butterberg" in die Welt. Um den Milchüberschuss zu verringern, bot die EWG den Bauern Geld dafür, wenn sie mit dem Melken aufhörten. "Nichtvermarktungsprämie" hieß das. Mein Vater entschied sich, das Geld, ein paar Zehntausend Mark, anzunehmen und die Kühe wegzugeben.

Als ich das hörte, brach ich in Tränen aus. Meine Eltern schalten mich. Die siebziger Jahre waren keine Zeit, in der Landwirte Gefühle zeigten. Für mich aber war es unfassbar: Ich würde nie mehr zugucken, wie mein Vater ein Kalb aus Olgas Bauch zieht. Nie mehr auf ihrem Rücken reiten. Nie wieder im feuchten Morgengras zwischen den Kühen herumstreifen.

Mein Protest blieb wirkungslos, die Kühe wurden verkauft, Olga kam zum Schlachter. Meine Mutter arbeitete nicht in der Landwirtschaft, sie war Lehrerin, das machte den Schritt leichter. Und doch war es eine Niederlage, der Anfang vom Ende einer mindestens 300 Jahre alten, urkundlich verbrieften Familientradition. Fortan mästete mein Vater Bullenkälber, später verpachtete er sein Land und schloss den Kuhstall. Heute steht der Stall leer, und die Melkkammer ist zugewachsen.

Mein Vater hatte seinen Bauernhof so geführt, wie es damals üblich war. Im Winter standen die Kühe im Stall, den Sommer verbrachten sie auf der Weide. Jeden Morgen und jeden Abend fuhr mein Vater mit dem Trecker die zwei Kilometer zu ihnen hinüber. Die Kühe trotteten zum Futterwagen, und während sie das geschrotete Getreide fraßen, das von unseren eigenen Feldern stammte, schloss mein Vater eine Vakuumpumpe an die Zapfwelle des Treckers an, die für Unterdruck in den drei Melkgeschirren sorgte. Viel Aufwand für ein paar Liter Milch.

Ließ sich das nicht rentabler gestalten?

Das war der Gedanke, den Bauernfunktionäre und Agrarpolitiker damals entwickelten: Sie wollten die deutsche Landwirtschaft verbessern, sie wollten optimieren und technisieren, so wie es der Rest der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg vorgemacht hatte. Im Automobilbau zum Beispiel waren die Deutschen zu Weltmarktführern aufgestiegen. Deutsche Ingenieure hatten Produktionsverfahren ersonnen, die überall bewundert wurden.

Es ging um das Wunder der Effizienz. Die Effizienz hatte die Autounternehmen reich gemacht.

Den Milchunternehmen kann das auch gelingen, sie müssen nur anders wirtschaften! Das war die Zukunftsvision, die meinem Vater und den anderen Bauern in den siebziger Jahren ausgemalt wurde. Bauernfunktionäre wie der CSU-Politiker Otto Freiherr von Feury riefen die Republik damals dazu auf, den Beweis zu liefern, dass eine "rationelle Landbewirtschaftung" möglich sei.

Ostfriesland, Frühsommer 2016. Der Bauernhof der Brüder Habbena steht ganz am Rand von Deutschland, dort, wo die Ems in die Nordsee mündet und hinter dem Wasser die Niederlande beginnen. Peter Habbena, Mitte vierzig, blaue Augen unter blauer Wollmütze, hat nicht 25 Milchkühe wie mein Vater früher, sondern 200. Habbena melkt sie mit einem "20er swing-over side-by-side Melkstand", einer Art begehbarer Maschine, in die 20 Kühe gleichzeitig hineinpassen, zehn links und zehn rechts. Jedes Tier trägt einen Chip am Halsband. Computergesteuerte Futterautomaten teilen den Kühen während des Melkens eine individuell abgestimmte Menge an Kraftfutter zu: Energie für die Milchproduktion. Eine Roboterstimme sagt "Nummer 147 langsam", damit Peter Habbena weiß, bei welcher Kuh die Milch nicht so schnell strömt wie bei den anderen.

Habbena muss nur noch die Melkbecher über die Zitzen stülpen. Ist das Euter leer, fallen die Becher von alleine ab und werden automatisch desinfiziert. Sobald alle Kühe im einen Gang fertig sind, öffnet sich das Gitter, und die nächste Gruppe ungemolkener Kühe drängt nach, während Habbena den Kühen im anderen Gang die Melkbecher anlegt. Hat er das erledigt, wechselt er die Seite. So geht das zwei Stunden lang, in denen die Melkmaschine unentwegt pulsiert, links Kühe, rechts Kühe, bis alle Tiere gemolken sind.