Vor Haus 14 des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg-Lokstedt fährt ein silberner Sportwagen vor, heraus steigt: Dagmar Berghoff. Die 73-Jährige war lange nicht mehr hier: "Wenn ehemalige Kollegen zu Besuch kommen, da interessiert sich doch niemand für", sagt sie. Drinnen trifft sie auf Linda Zervakis, 40. Die ist müde, ihre Schicht begann um halb drei Uhr in der Nacht. Ob sie sich schon mal gesehen haben? "Ja, einmal, im Garten unseres Chefsprechers Jan Hofer", sagt Zervakis.

DIE ZEIT: Am 16. Juni 1976 sprachen Sie, Dagmar Berghoff, das erste Mal die Tagesschau. Da war Linda Zervakis noch kein Jahr alt.

Linda Zervakis: Wir haben uns gerade nur kurz Hallo gesagt, und dann hört man diese vertraute Stimme. Sie haben mich meine ganze Kindheit über begleitet.

Dagmar Berghoff: Wirklich?

Zervakis: Ja! Und wenn wir jetzt hier so sitzen, dann muss ich mich ja doppelt kneifen.

ZEIT: Frau Berghoff, mussten Sie sich auch kneifen, als Sie die erste Frau der Tagesschau wurden?

Berghoff: Ich war erstaunt! Dass ich den Job bekam, verdanke ich dem Vorsprechen.

ZEIT: Nicht Ihrem Äußeren? Als Sie Karl-Heinz Köpcke, der damalige Chefsprecher der Tagesschau, anrief, lautete sein Jobangebot: "Sie haben eine angenehme Stimme, und wenn Sie jetzt noch einigermaßen passabel aussehen, könnte man es auf einen Versuch ankommen lassen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Berghoff: Nein. Ich musste die Nachrichten beim Vorsprechen von Köpckes eigenem Manuskript ablesen, es wimmelte nur so von seinen Notizen. Als ich mich verlesen hatte, sagte ich: Wenn ich noch einmal vorsprechen darf, bestehe ich auf einem eigenen Manuskript! Da muss er bemerkt haben, dass ein Profi am Werk war. Ums Aussehen geht es gar nicht so sehr, sondern um Ausstrahlung.

ZEIT: Was ist eine gute Ausstrahlung?

Berghoff: Das wurde mir klar, als ich selbst Castings machte: Da kam eine bildhübsche Frau, blond, so ein Judith-Rakers-Typ. Eine andere sah nicht perfekt aus, aber sie hatte eine tiefe Stimme, was ja meist sympathisch ist, und ein gutes Auftreten. Die haben wir genommen.

ZEIT: Karl-Heinz Köpcke war auch der Meinung, dass Frauen keine harten Nachrichten lesen können, ohne in Tränen auszubrechen.

Berghoff: Genau: Und von Sport verstehen Frauen nichts! Politik und Wirtschaft? Um Gottes willen! Aber die Chefredaktion hatte Köpcke nun mal damit beauftragt, eine Frau einzustellen.

ZEIT: Wie kam das?

Berghoff: Wibke Bruhns war die erste Nachrichtensprecherin im ZDF, einige Jahre vor mir. Auf sie folgte Rut Speer. Da musste die ARD nachziehen.

ZEIT: Frau Zervakis, wie ist das heute?

Zervakis: Ich wurde noch nie gefragt, ob ich in der Lage bin, eine Nachricht zu sprechen. Das ist heute total gleichberechtigt.

ZEIT: Als Sie vor sechs Jahren zur Tagesschau kamen, fragten Sie Ihre Chefs, ob Sie die Stelle nur bekommen hätten, weil es in Deutschland gerade eine Migrationsdebatte gebe.

Zervakis: In der Schulzeit und bei meinen anderen Jobs, in einer Werbeagentur, beim Radio, war ich immer nur Linda. Nicht die Migrantin. Aber natürlich ist mir bewusst, dass die Herkunft eine Rolle spielen kann. Dass die Medien sich vielleicht auf meinen Nachnamen stürzen würden. Ich habe meinen Chefs diese Frage gestellt, die Antwort war Nein. Dann legt man das Thema auch wieder zur Seite. Weil man beweisen will, dass man es kann.

ZEIT: Frau Berghoff, wie schwer war es, sich in diesem Männerladen zu beweisen?

Berghoff: Als die Kollegen merkten, ich breche nicht zusammen, wenn ein Unglück passiert, nahmen sie mich gut auf. Ich war nie benachteiligt.

ZEIT: Das glauben wir Ihnen nicht!

Berghoff: Doch! Was allerdings zu meinen Aufgaben gehörte: Ich war damals für die Dienstpläne zuständig und musste dafür regelmäßig mit den Ehefrauen der Kollegen telefonieren. Konkurrenz habe ich nie gespürt, die hatten die Männer eher untereinander. Für mich war der Job schwer, weil ich mir selbst unheimlichen Stress gemacht habe.

ZEIT: Warum?

Berghoff: Weil ich dachte: Wenn ich versage, ist dieser Beruf für uns Frauen auf Jahre verloren. Deshalb habe ich nach jedem Versprecher Stunden gebraucht, um mich wieder aufzubauen.