"Wo ist der see, in dessen ewig-stillem wasser ein stein / keine wellen erzeugt", dichtet der bengalische Schriftsteller Sajjad Sharif. So schön klingt es jedenfalls in der Übersetzung des deutschen Dichters Hendrik Jackson. Wie schön die Verse im Original sind, können wir nicht beurteilen – und übrigens auch Hendrik Jackson nicht. Er ist des Bengalischen ebenso wenig mächtig wie wir. Was also soll der Unfug?

Der schöne Unfug ist das Ergebnis einer staunenswerten Unternehmung, die das Goethe-Institut gemeinsam mit der Literaturwerkstatt Berlin/Haus der Poesie organisiert hat. Deutsche und indische Dichter haben sich gegenseitig übersetzt, ohne die Sprache des jeweils anderen zu beherrschen, sie hatten nur eine sogenannte Interlinearversion zur Hilfe. Das ist eine rein lexikalische, um Ungeschicklichkeiten, manchmal sogar um Grammatik unbesorgte Zwischenstufe der Übersetzung, die das Befremdliche, auch Unverständliche des Originals so weit wie möglich bewahrt. Die Klänge, Gefühlswerte sind darin nicht mehr enthalten, das Gedicht ist wieder Rohstoff geworden – muss also erst wieder neu destilliert werden.

Das wahnwitzige Unternehmen, über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg sozusagen mit verbundenen Augen zu balancieren, das unter dem magischen Titel Versschmuggel in Werk gesetzt wurde, hat Workshops organisiert, in denen die Dichter einander befragen konnten. Sie haben das, die babylonische Verwirrung noch einmal steigernd, im Wesentlichen auf Englisch getan. Konnte und kann noch jemand garantieren, dass sich die Assoziationsräume der wechselseitig unbekannten Sprachen vermitteln ließen, noch dazu beim Gang durch die Nacht des Englischen, das für keinen der Beteiligten Muttersprache ist?

Und doch haben sich bei der ersten öffentlichen Berliner Präsentation des gewaltigen Projektes – 51 Dichter, die an neun Orten in Bangladesh, Pakistan, Indien und Sri Lanka gearbeitet haben – lyrische Gebilde gezeigt, die lebensfähig waren, atmeten und von einer individuellen Autorschaft kündeten. Ein Gedicht von Sajjad Sharif, übersetzt von Hendrik Jackson, war kein Gedicht von Hendrik Jackson. Es war ein Gedicht von – nun, wenn nicht von Sharif, dann von einer dritten Autorenpersönlichkeit, die zwischen ihnen entstanden ist. Philologen wird es schaudern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Aber alle anderen Lyrikliebhaber werden zugeben, dass es bei Versübersetzungen ohnehin nie mit rechten Dingen zugeht. Das Auseinandertreten von Form und Inhalt ist nur das bekannteste Problem. Und selbst wenn Klangreiz und Metapherntreue doch einmal zusammengehen, dann muss sich die Wirkung, die ein Stilmittel in der Originalsprache hat, noch immer nicht gleichermaßen in der Übersetzung entfalten. Der italienische Elfsilbler lässt sich zwar nachbilden, macht aber im Deutschen, das nicht Silben, sondern Hebungen zählt, einen ganz anderen Eindruck. Insofern ist einer Übersetzung, wie auch immer entstanden, schon das Äußerste gelungen, wenn sie etwas stimmiges Drittes hervorbringen konnte. – Der VERSschmuggel mit Südasien geht übrigens auf Lesereise, bis Ende Oktober, quer durch Deutschland. Die Dokumentation ist im Draupadi Verlag erschienen.