Alte Menschen nehmen mehr Medikamente ein als junge, vertragen sie aber schlechter. Viele schlucken Pillen, die nicht zueinander passen, und erkranken an den Wechselwirkungen. Sie stürzen dann plötzlich oder sind verwirrt, obwohl sie nicht an Demenz leiden. Iatrogen heißen die durch Behandlung ausgelösten Krankheiten. Werden sie nicht erkannt, bekommen die Betroffenen, wenn es schlecht läuft, weitere Medikamente – die alles noch schlimmer machen können.

Polypharmazie nennt sich das Phänomen, und es ist alles andere als selten. Untersuchungen zufolge gehen zehn Prozent aller Krankenhauseinweisungen bei Senioren auf unerwünschte Medikamentenwirkungen zurück – wohl die Hälfte ließe sich vermeiden.

Bei einer altersmedizinischen Feldstudie mit Hunderten von Hausbesuchen machten Wissenschaftler in Mecklenburg-Vorpommern bestürzende Entdeckungen. Stefan Teipel, Gerontopsychiater am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Rostock, berichtet von 80-Jährigen, die schon zum Frühstück zwölf verschiedene Tabletten einnehmen.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Leute leben zwischen Pillenhalden. Die Schachteln stapeln sich auf dem Wohnzimmertisch und auf den Heizkörpern. "Ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht gesehen hätte." Manche nähmen die Tabletten des Ehepartners, weil sie ja gut geholfen hätten, andere die doppelte Menge eines Präparates, weil sie zwei Medikamentenpläne von zwei Ärzten bekommen hätten. "Da werden Augentropfen geschluckt und Magentropfen ins Auge getan", berichtet Teipel.

Seinen Studenten, angehenden Ärzten, sagt er jetzt immer, selbst wenn sie das richtige Medikament verordnen, können sie weder sicher sein, dass es in der richtigen Dosierung eingenommen wird, noch, dass es in die richtige Körperöffnung gelangt, ja nicht einmal, ob es die richtige Person einnimmt. "Bevor wir ein Präparat neu dazugeben, müssen wir immer fragen: Welches können wir weglassen?"

Was der Gerontopsychiater Teipel sagt, wird von Pharmakologen und Apothekern bestätigt. Es gibt in Deutschland ein riskantes Zuviel an Medikamenten. Das Problem betrifft Senioren zu Hause wie in Heimen – auf unterschiedliche Weise.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Zu Hause sei es der "kreative Umgang" mit Arzneien, sagt der Krefelder Apotheker Manfred Krüger. Kürzlich sei eine Dame mit einem Fläschchen zu ihm gekommen, das sie noch von ihrer Großmutter hatte. "Davon nehme ich ein paar Tropfen nach dem Kegelabend, dann ist das Kopfweh sofort weg", habe sie ihm stolz erklärt. Das Präparat war seit etlichen Jahren abgelaufen – ein opiatähnliches, verschreibungspflichtiges Schmerzmittel. "Da denkt man, das kann nicht wahr sein", sagt Krüger.

Er bietet seinen Kunden eine Medikationsanalyse an. Der Patient füllt in eine Plastiktüte, was er an Arzneien zu Hause hat, und bringt sie in die Apotheke. Die Tüte wird auf einen Tisch ausgeschüttet, ihr Inhalt gesichtet und auf Wechselwirkungen hin überprüft. "Im Schnitt kommen die Leute mit 8 bis 15 Mitteln, und ein bis zwei setzen wir ab."