Dem Mythos nach begann alles in einem Berliner Club. Thomas Burhorn blickte zum DJ und träumte, wie es wohl wäre, selbst Techno oder Deep House zu spielen. Zu Hause in Hamburg wählte er sechs Klassiker der Clubmusik aus und schrieb Noten für: Tuba, Posaune, zwei Trompeten, drei Saxofone, drei Schlagzeuger und eine Marimba.

Blaskapelle spielt Techno. Das klingt nach peinlich, nach bemühter Einlage auf dem Dorffest, ist aber eines der ungewöhnlichsten und erfolgreichsten neuen Hamburger Musikprojekte: Meute.

Im Januar stellte die elfköpfige Band ihr erstes Video ins Netz, in wenigen Tagen schauten fast eine halbe Million Menschen die Coverversion des House-Klassikers Rej an.

Seither bekommen Meute fast täglich Konzertanfragen, im Sommer spielt die Band auf 30 Festivals, derzeit sind es manchmal fünf Gigs an einem Wochenende. Die Blaskapelle ist als Vorband der Popnewcomer AnnenMayKantereit aufgetreten, gerade war sie zur Aufzeichnung bei NDR-Talkerin Ina Müller zu Gast. Der Terminplan ist voll, dabei hat die Band diese Woche erst ihre dritte Single rausgebracht: Kerberos, wieder eine Coverversion eines Deep-House-Songs.

Die Geschichte von Meute klingt nach einer dieser Karrieren, die aus einem zufälligen Internethype entstanden sind – bis man Thomas Burhorn kennenlernt. Er wartet an seinem Arbeitsplatz im Betahaus in der Schanze, dem nicht ganz heimlichen Zentrum der digitalen Boheme in Hamburg. Burhorn hat kein Instrument dabei, aber ein Macbook.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 26 vom 16. Juni 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der 40-Jährige hat Jazztrompete und Kulturmanagement studiert, er hat für Fettes Brot, Thomas D. und Kettcar gespielt, hat Werbekunden beraten, welche Musik am besten zu ihrem Produkt passt. Und er bringt Studenten an der Musikhochschule bei, wie man sich selbst vermarktet.

Sein Credo: "Ein Projekt wird dann eher erfolgreich, wenn man die Idee mit wenigen Worten auf den Punkt bringen kann." Für Meute funktioniert das in einem Begriff: Techno-Marching-Band.

Meute sind nicht nur eine Band aus elf Profimusikern, die sonst für Stars wie Jan Delay und Samy Deluxe spielen. Meute sind vor allem eine perfekt organisierte Marketingidee: Im vergangenen Sommer haben sie die von Burhorn arrangierten Songs im Studio eingespielt. Beim Auftritt im September auf dem Schulterblatt wurde das erste Video gedreht. Nach dem erfolgreichen Start im Januar folgt nun alle paar Wochen ein neues Video. Das Ziel: eine Fan-Community aufbauen.

"Wir wollen elektronische Musik zurück zu ihren Wurzeln bringen", sagt Burhorn. Elektronische Musik sei etwas Archaisches, wie das Tanzen zu Trommelrhythmen am Lagerfeuer. "Wir produzieren diesen archaischen Moment wieder akustisch. Und geben der elektronischen Musik dadurch, was ihr in Clubs üblicherweise fehlt: die Performance. Bei uns sieht man, wenn die Bassdrum geschlagen wird. Und das ist geil."

Man muss Meute einmal live gesehen haben: Die physische Wucht macht spürbar, woher die Redewendung "mit Pauken und Trompeten" kommt. Besonders energisch vermittelt sich das, wenn die Band nicht auf einer Bühne steht, sondern als Elf-Mann-Meute spontan eine Straße oder einen Park zum Club umfunktioniert.

Ein Klang, wie gemacht fürs Beta House: Apple meets Manufactum

Dass die Kombination von Club- und Blasmusik das Potenzial zur Sprengung der öffentlichen Ordnung hat, ist keine neue Erkenntnis. Bläser-Bands wie Too Many Zooz und Lucky Choops haben mit ihren akustisch drastischen und dabei extrem virtuosen Auftritten schon Mobs von Hunderten Menschen in New Yorker U-Bahnhöfen zum Tanzen gebracht. Verwackelte Handyvideos ihrer Gigs wurden im Netz millionenfach angeschaut.

Auch in Deutschland hat sich die Blasmusik in den vergangenen Jahren vom Rumtata-Klischee emanzipiert. La Brass Banda schafften es mit ihrem Mix aus traditioneller Blasmusik, Techno, Balkanbeats und bayerischer Mundart zum Publikumsliebling beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest 2013. Und die Münchner Hip-Hop-Bläserkombo Moop Mama hat mit ihren sogenannten Guerilla-Gigs im Englischen Garten schon vor Jahren vorgemacht, wie man als Marching Band den öffentlichen Raum innerhalb von Minuten in eine Tanzfläche verwandelt.