Die Frau und der Mann kannten sich erst seit drei Monaten, als sie beschlossen, ihr Leben miteinander zu verbringen. Es war Sommer, und sie saßen an einem runden Tisch auf einer Terrasse in Spanien und tranken Túnel, einen süßen Kräuterlikör.

Die Frau und der Mann tranken und tranken, und jedes Mal, wenn sie ein Glas geleert hatten, brachte der Kellner ein neues. Die leeren Gläser reihten sie entlang der Tischkante auf. "Wir trinken so lange, bis der Kreis geschlossen ist", sagte der Mann. Und die Frau bestellte noch eine Runde.

Irgendwann, der Kreis aus Gläsern war geschlossen, nahm der Mann die Frau in den Arm und schaute sie sehr lange an. Er war ein bisschen betrunken, aber er meinte es ernst, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten wolle.

Es war ja ohnehin alles so schnell gegangen: Zwei Profile auf Elitepartner, ein paar Nachrichten, ein Treffen in einer fremden Stadt, ein Kuss, ein Wiedersehen, er gab seinen Job auf und zog zu ihr, in eine andere Stadt. Und jetzt, nach drei Monaten, an diesem Túnel-Abend in Spanien, sagte die Frau: "Ja."

Die Frau ist meine Mutter.

Ich bin mir nicht sicher, was genau sie suchte, als sie sich vor fünf Jahren bei Elitepartner anmeldete, vielleicht ein Abenteuer, vielleicht eine Beziehung. Aber ich weiß, dass sie nicht erwartet hatte, einen Mann zu finden, den sie heiraten würde.

Jede Liebe ist ja immer auch eine Geschichte – und was soll das schon für eine Geschichte sein, die damit beginnt, 20 Minuten lang einen Fragebogen zu beantworten, ein Foto von sich hochzuladen und 449,40 Euro für ein Sechs-Monats-Abonnement zu überweisen?

Obwohl monatlich 8,2 Millionen Deutsche online nach einem Partner suchen, hört man über Partnerbörsen immer noch oft: Sie seien Kuppleragenturen für komplett Verzweifelte oder Unersättliche, sie seien unromantisch und oberflächlich, Inszenierungsplattformen für Selbstoptimierer. Erst kürzlich schrieb Eva Illouz, die israelische Soziologin und Liebesversteherin, im Spiegel, dass die Digitalisierung "nur schwer herbeiführt, was wir uns von einer romantischen Begegnung wirklich erhoffen: voneinander bezaubert sein, verhext zu sein, dem anderen und seinem Charisma zu verfallen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Hört man Illouz oder anderen Analog-Apologeten zu, wirkt es, als sei die Liebe, die im Internet beginnt, weniger wert. Nur weil die Menschen nicht vom Schicksal oder der Magie des Zufalls zusammengeführt werden, sondern von einem Algorithmus.

Dabei ist gerade dieser Algorithmus das Beste an Partnerbörsen. Weil er die Liebe entzaubert, und zwar die romantisch übersteigerte Vorstellung von Liebe, wie sie uns Filme, Romane, die Werbung, Popmusik, all die boy meets girl-Storys in unsere Hirne pflanzen.

Der große Komiker Steve Martin hat in einem Interview einmal gesagt: "Wissen Sie, warum die Liebe erfunden wurde? Sie wurde erfunden, damit wir ficken." Er meinte damit die Frau, die wir lieben, und keine andere.

Martin, der sehr komisch sein kann, meinte das sehr ernst, er sagte auch: "Es reicht nicht aus, Kinder zu zeugen, man muss sie auch großziehen. Und dazu muss man eine Seelengemeinschaft bilden."

Das war einmal der evolutionäre Sinn der Liebe.

Heute jedoch wirkt es so, als sei die Liebe erfunden worden, damit es noch etwas gibt, an das wir in dieser vor die Hunde gehenden Welt überhaupt glauben können.

Wir leben in einer Ära der romantischen Verklärung: Die Liebe soll uns retten, uns erlösen, uns vervollständigen. Sie ist überfrachtet mit einer Last von Erwartungen, die so erdrückend ist, dass Partnerschaften unweigerlich darunter zusammenbrechen müssen. Die durchschnittliche Dauer einer Beziehung in Deutschland beträgt vier Jahre.