Vielleicht waren es die Trümmer, war es die völlige Auflösung jeder Form. Vielleicht waren es die alles zerstörende Raserei, die in Agonie endete, und die tödliche Bedrohung durch das Monströse, die den Blick Halt suchen ließ am kaum Wahrnehmbaren. In jedem Fall war es die alles verschlingende Katastrophe der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs, die den Fotografen Peter Keetman prägte. Hier nimmt seine Kunst ihren Ausgang: seine Liebe zur Gestalt und seine hingebungsvolle Beobachtung der unscheinbarsten Form. Seine Experimente mit Stille und Lärm, sein Studium der Gesetze und Geometrien des Lichts, seine Suche nach einer neuen, nach einer letzten Ordnung.

Geboren vor genau hundert Jahren in Elberfeld (Wuppertal) als Sohn eines Bankiers, lernt er in München das fotografische Handwerk. Die Neue Sachlichkeit begeistert ihn, der Versuch, 1939 bei dem großen Albert Renger-Patzsch in Essen als Assistent anzuheuern, scheitert allerdings. Er verdient erstes Geld als Industriefotograf; seine Bilder aus dem braunen München jener Jahre verraten in ihrem strengen Formalismus Irritation und spiegeln die Leere der Gewalt.

Der Krieg macht ihn zum Invaliden, er verliert ein Bein. Der Krieg radikalisiert seinen Blick, doch seine Fotos bleiben streng und kühl. Keetman schließt sich dem 1949 von Stuttgart aus gegründeten Kreis fotoform an. "Wir wollen", schreibt er, "den Leuten die Augen öffnen." Es gilt, Anschluss zu finden, nicht nur an den französischen Existenzialismus, an den amerikanischen Realismus, sondern auch an die fototechnischen Revolutionen der Avantgarde in der Vorkriegszeit.

Dem klassischen Schwarz-Weiß sein Leben lang treu, beginnt er zu experimentieren, arbeitet mit Überblendungen, verfremdenden Kopierverfahren. So entsteht sein berühmtes Vexierbild vom Münchner Stachus. Er fotografiert aus großer Höhe und nächster Nähe, es geht darum, Dynamik sichtbar zu machen: im Straßenverkehr, im Wiederaufbau, in der industriellen Produktion – oder auch nur die Dynamik eines Regenschauers, bis hin zu den Tropfen auf der Fensterscheibe. Er blickt auf Baustellen und Ausfallstraßen, auf Hochhausfassaden, ein wirbelndes Karussell. Fotos wie Cool Jazz.

Doch seltsam, in all dieser distanzierten Turbulenz verbirgt sich eine unzerstörbare Ruhe. Selbst in seiner wohl bekanntesten Arbeit, der großen Suite Eine Woche im Volkswagenwerk von 1953, ist sie zu spüren. All die aufgereihten Karosserien, Kotflügel, Rohbleche, die Motorenteile und Reifen in langer Flucht, die von der neuen großen Automobilität sprechen, wirken wundersam entrückt. Es ist eine Welt in Bewegung, keine Frage, doch zugleich wie in Trance, naturhaft, pflanzenhaft fast, in jedem Fall – um es mit einem Wort jener Zeit zu benennen – organisch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Natur bleibt für Keetman der Schlüssel zur Welt, gut möglich, dass er sogar den Krieg und die eigene Versehrtheit letztlich als Werk der Natur (und sei es der Menschennatur) begriff. Nach ihrer Ordnung, ihren Gesetzen und Zeichen sucht er überall, ähnlich wie in den zwanziger Jahren Karl Blossfeldt. Doch während jener in seiner Nanoästhetik die Pflanzen fotografierte und filmte wie geheimnishafte Maschinen voll versteckter Uhrwerke und anderer winziger Mechaniken, zeigt uns Keetman noch in den seelenlosen Autoblechen und VW-Motoren, in Nahaufnahmen von Schallplattenrillen und Plastikflaschen das geheime Nachleben und Abbild pflanzlicher Formen.

Aber auch in der Landschaft, in den vielen Bildern, die er in der Umgebung seines Wohnorts im Chiemgau aufnimmt, spürt er der verloren gegangenen Urform und der ewigen Ordnung nach. Er zeichnet die Muster des Eises auf, die Schatten eines Gartenzauns, die Ornamente des Schilfs, der Vogelschwärme und schaut einer schier endlosen Rauchfahne nach, die in zerwehenden Schleiern aus zwei Herbstfeuern in den fernen Himmel schwebt. Deus sive natura – 2005 stirbt Peter Keetman, der letzte große Spinozist der Fotografiegeschichte.

"Peter Keetman – Gestaltete Welt", Museum Folkwang, Essen, bis zum 31. Juli, anschließend in Hamburg und dann in München