Vor Kurzem war ich in Dallgow-Döberitz, einer kleinen Gemeinde im Havelland. Demnächst sollen dort erstmals Flüchtlinge untergebracht werden. Fast 150 Menschen waren zu einer Diskussion ins ehemalige Volkshaus gekommen. Laut Programm sollten wir über die Integration der Zuwanderer diskutieren, aber eigentlich hat da eine Dorfgemeinschaft mit sich selbst gestritten – darüber, wer sie ist und wie sie leben will.

Die kleine Gruppe der Kritiker trat aggressiv und voller Wut auf. Sie prophezeite mehr Kriminalität und wollte aus Prinzip keine Ausländer im Ort; das waren Leute, die auch Jérôme Boateng als Nachbarn abgelehnt hätten. Ihnen gegenüber stand eine engagierte "Willkommensinitiative". Sie will Menschen in Not helfen und fragt bei ihrer Hilfe nicht nach Hautfarbe oder Herkunft. In ihren Reihen ist man entsetzt über den Rassismus mancher Nachbarn. Einer meinte, den Integrationskurs zum Erlernen deutscher Werte hätten die Fremdenfeinde nötiger als manche Flüchtlinge.

Überall im Land spüre ich derzeit diese Spaltung in der Gesellschaft. Unruhe und Unsicherheit sind groß, dabei sind die Flüchtlinge eher Anlass als Ursache. Im 19. Jahrhundert hat der liberale Vordenker John Stuart Mill einmal geschrieben: "democracy is government by discussion." Heute gibt es einen enormen Diskussionsbedarf im Land, aber zu einer argumentativen Auseinandersetzung sind zu viele nicht fähig, andere nicht willens. Ich glaube, das ist ein Grund für die Vertrauenskrise, die Parteien und Medien derzeit erleben.

Wenn wir die aktuelle Vertrauenskrise stoppen wollen, müssen wir endlich aufhören, Politiksimulation zu betreiben und Nischenthemen zu bedienen. Wir müssen aufhören, Scheindebatten über eine Pkw-Maut für Ausländer zu führen, von der jeder weiß, dass sie niemals kommen wird. Die große Mehrheit bewegen andere Themen als die Frage, ob Jan Böhmermann für seine Schmähkritik vor Gericht geradestehen muss oder an welchem Ort das nächste Krisentreffen von Merkel und Seehofer stattfindet.

Finden Familien auch in Großstädten eine bezahlbare Wohnung? Gibt es genug gute Jobs, die anständig bezahlt sind? Haben wir ausreichend Kitaplätze für Alleinerziehende? Ist nach vierzig Jahren harter Arbeit meine Rente größer als die Sozialhilfe? Wie sicher sind wir vor Kriminalität und Terror? Das sind einige der Fragen, die die Menschen wirklich bewegen.

Nach Jahren im Wachkoma lebt die politische Debatte jetzt wieder auf. Wenn sie Gutes bewirken soll, brauchen wir einen Streit um Inhalte. Wechselseitige Beschimpfungen bringen uns nicht weiter. Wir brauchen Politisierung statt Polarisierung. Damit das gelingt, müssen wir uns auf eine alte Tugend der Demokratie besinnen: die Kunst, fair miteinander zu streiten.

Wer diskutieren will, muss allerdings zuhören können und Widerspruch aushalten. Viele Wutbürger diskutieren nicht mehr; ihr Zorn macht sie dialogunfähig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Viele Rechtspopulisten haben mittlerweile die gezielte Provokation zur Kommunikationsstrategie erhoben. Je größer der Tabubruch, je infamer die Attacke, desto größer die Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Im Netz gilt für den Umgang mit solchen Trollen die Devise: "Bitte nicht füttern". Aber für einen Offline-Troll wie Herrn Gauland gibt es wochenlang Schlagzeilen und TV-Präsenz zur besten Sendezeit. Wir müssen jetzt nicht noch über die Parkknöllchen von Herrn Gauland streiten. Zu einer klugen Debattenkultur gehört auch, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das einem hingehalten wird, nicht jede krude These durch deren ernsthafte Diskussion aufzuwerten.

Das Internet ist ein zwiespältiger Faktor der politischen Kultur geworden. Weil der Kontakt zum Gesprächspartner fehlt, sinken Empathie und steigt die sprachliche Verrohung. Individualisierte Suchergebnisse sorgen eher für die Bestätigung der eigenen Meinung als für die Auseinandersetzung mit Gegenpositionen. Debatten werden zudem durch die Fülle der Verschwörungstheorien und dreisten Lügen erschwert, die im Netz kursieren. Wer dank Internet ganz genau zu wissen glaubt, dass es Erderwärmung gar nicht gibt, mit dem kann ich über Klimapolitik nicht sinnvoll diskutieren. Und wer aus dem Internet verlässlich erfahren haben will, dass Flüchtlinge systematisch deutsche Streichelzoos wildern, um Ziegen zu schlachten (ja, auch so was wird verbreitet!), mit dem wird eine Debatte über Integrationspolitik sehr schwierig.

Allerdings machen es sich auch manche Kritiker der Rechtspopulisten zu einfach. Deren Antworten sind falsch, doch nicht jede Frage, die sie aufwerfen, ist auch automatisch unberechtigt. Klar, wir müssen Rassismus und Antisemitismus entschlossen widersprechen, aber es ist kein Gewinn für die Streitkultur, Andersdenkende als Nazis zu beschimpfen oder AfD-Parteitage zu blockieren. Ich bin fest überzeugt: Unsere Demokratie ist stark genug, um Rechtspopulisten auszuhalten – allerdings gibt es eine ganz klare Grenze: Bei Gewalt endet jede Toleranz.

Viele Rechtspopulisten ziehen eine absurde Selbstbestätigung daraus, dass manche Beiträge von ihnen im Internet gelöscht oder ihre Leserbriefe nicht gedruckt werden. Sie halten sich für Opfer von Zensur und wittern die Unterdrückung unliebsamer Wahrheiten. Sie verstehen nicht, dass die Ankündigung von Gewalt oder der Aufruf dazu keine Meinungen sind, sondern Straftaten.

Gewalt gegen Flüchtlinge - "Man muss schon aufpassen" Ein Flüchtlingsheim in Berlin-Buch war seit Baubeginn Ziel von mehr als einem Dutzend fremdenfeindlicher Übergriffe. Wie leben Personal und Bewohner mit dem Gefühl der latenten Bedrohung?