Seltsam, aber das klingt, als hätte man es gerade gestern gehört: "Der Westen ist innerlich am Ende. Der 'Selbstgenuss' des Individuums hat dem Westen das Mark ausgesogen und ihn unfähig zur aufbauenden Gestaltung gemacht." Das Zitat ist aber von vorgestern, nämlich aus dem Jahr 1940, und es stand im Völkischen Beobachter. Ich habe es der Kulturgeschichte des "Dritten Reiches" von Moritz Föllmer entnommen.

Die seltsame Frische, das Aufgefrischte, mit der solche Maximen erscheinen, kommt daher, dass es derzeit Leute gibt, die aus Bruchstücken der alten Ideologie etwas Neues zur "aufbauenden Gestaltung" bringen wollen. Kritik gegenüber sind sie immunisiert, indem sie die "Nazikeule" schon angreifen und delegitimieren, bevor sie sich von ihr getroffen fühlen. Aber es hilft ihnen nichts: Föllmers Buch ist heutzutage lehrreich, vor allem die ersten 50 Seiten, in denen der Autor die Gretchenfrage stellt, wie es denn passieren konnte, dass sich eine pluralistische, vielfältige Kultur wie die vor 1933 in einen autoritären Einheitsblock hat umfunktionieren lassen.

Auf den ersten Blick gibt es darauf zwei Antworten: Die Anhänger der "bürgerlichen" Kultur, also die, die bei Furtwängler und bei den Berlinern Philharmonikern zu Hause waren, fühlten sich bei Brecht und bei der Dreigroschenoper exterritorialisiert. Sie mussten in der Kultur ihre Heimat zurückgewinnen, sie empfanden die Avantgarde ihrer Zeit als Bedrohung, diagnostizierten eine Krise des "Volkes", für die sie "die Juden" verantwortlich machten. Die Kultur stand also unter einer Fremdherrschaft! "Kultur als eine Art Angebotspalette zu verstehen", schreibt Föllmer, "aus der man – auch bei Gefahr dabei, den ein oder anderen Missgriff zu tun – einfach auswählt, lag im frühen 20. Jahrhundert noch vielen Menschen fern."

Das war die sublime Seite jener Umkehrung einer im Ansatz pluralistischen Kultur. Die andere Seite bestand darin, dass die Nationalsozialisten jeden Widerstand mit einer Gewalt brachen, die, so Föllmer, "in diesem Ausmaß neuartig war". Heute findet man den Versuch einer noch unsicheren Renovierung dieser Gewalt – zum Beispiel durch die Identitären, die in Wien bei der Aufführung von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen die Bühne stürmten. Dieser Aktion sagt man nach, sie sei dem linken Protest von 68 nachempfunden. Das ist eine Schutzbehauptung: Die Angriffe, die Goebbels gegen den Film Im Westen nichts Neues organisierte, sind das noch unerreichte Vorbild der Bühnenstürmer.

Als Goebbels 1940 das besetzte Paris besichtigte, schrieb er ins Tagebuch: "Es ist wie in einem Traum." Wie das Erwachen aus dem Traum war, kann man – auch wenn einige es vergessen haben – heute genau wissen.

Moritz Föllmer: Ein Leben wie im Traum. Kultur im Dritten Reich; C. H. Beck, München 2016; 288 S., 16,95 €