Viel wird von einer neuen goldenen Ära des ernsten Fernsehens geredet, von Serien, die bedeutend wie Romane seien. Tatsächlich aber wird das Medium nach wie vor von den grässlichen, menschenverachtenden Reality-Sendungen beherrscht, die seit Beginn des Jahrhunderts die westliche Kultur infiziert haben, mit einem Virus aus Narzissmus und Demütigung. Bei Amazon Prime ist nun eine Serie ins Programm gekommen, die sich die Werkzeuge des goldenen Zeitalters zunutze macht, um die Welt des Reality-TV zu persiflieren, und dabei auf eine so ekelerregende Art vergnüglich bleibt wie ihr Untersuchungsgegenstand. Die kritische Kern verbirgt sich unter einer dicken Schicht Trash.

Gertrud Shapiros Serie über die Produzenten einer Datingshow heißt Unreal, was mitten hineinführt in postmoderne Doppelbödigkeiten und Metaebenen. Die Serie handelt von der Produktion einer Serie, die ihrerseits so tut, als würde sie Realität abbilden, während sie in Wahrheit diese Realität erst herstellt. Das ist das Betriebsgeheimnis jeder Reality-TV-Sendung; aber indem es in dem Rahmen einer fiktiven Serie enttarnt wird, wird auch diese Enttarnung schon wieder fiktiv. Was ist überhaupt noch wirklich? "Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wirklich", hatte Günther Anders einst übers Fernsehen geschrieben und damit sagen wollen, dass das Fernsehen nicht nur abbildet, sondern Wirklichkeit erschafft, also zu ihrem Vorbild wird.

Gertrud Shapiro kennt das Dilemma gut, von dem ihre Serie handelt. Die Fernsehmacherin mit ausgewiesen feministischem Ruf wurde 2003 durch einen Knebelvertrag verpflichtet, jahrelang The Bachelor zu produzieren. In dieser Datingsendung, deren deutsche Version auf RTL läuft, wetteifern zwölf Frauen um die Aufmerksamkeit eines Mannes. In Tanzstunden und Schimmelritten am Strand buhlen sie um die Gunst dieses sogenannten Bachelors, der am Ende einer von ihnen die Ehe versprechen soll. Wie sehr Shapiro an der Produktion dieser frauenverachtenden Dämlichkeit gelitten hat, versteht man nicht nur, wenn man erfährt, wie sie sich aus ihrem Knebelvertrag befreite (durch Selbstmorddrohung), sondern auch beim Betrachten der Unreal-Szenen, in denen sie die verkommene Welt der Dating-Produzenten vorführt.

Meisterin im Manipulieren von Frauen: TV-Produzentin Rachel Goldberg (Shiri Appleby) © 2016 Lifetime / James Dittiger

Ihr Alter Ego ist Rachel Goldberg, gespielt von Shiri Appleby, das Bachelor-Pendant heißt dort Everlasting. Goldberg kehrt nach einem öffentlichen Nervenzusammenbruch ins Studio zurück.Obwohl sie ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift "So sieht eine Feministin aus", erweist sie sich vor allem als Meisterin darin, Frauen zu manipulieren. Was treibt die Zuschauerquote in die Höhe? Es gibt Prämien, wenn es gelingt, die Frauen zu öffentlicher Nacktheit, betrunkenen Prügeleien oder hysterischen Weinkrämpfen zu animieren.

Shapiro verriet dem New Yorker gerade einige Tricks des Gewerbes. Man lernt: Immer Jalapeños in der Hosentasche mitführen, die man sich ins Auge reiben kann, damit Tränen das Mitgefühl steigern. Wer sich einbildet, er trete in der Sendung nur auf, um sich selbst zu promoten, wer denkt, er könne das System zu seinem Vorteil nutzen, vergisst, dass die Produzenten alles im Griff haben. Sie erschaffen die Realität, sie schneiden Geschichten so zusammen, dass aus Mädchen, die über den Tod ihres Vaters weinen, Psychopathinnen werden.

Wer einmal seinen Rücken kehrt, hat bereits ein Messer darin stecken. Im Wettbewerb um die Herstellung der besten Hassfigur nimmt ein schwarzer Produzent zwei schwarze Bewerberinnen zur Seite und offenbart ihnen, dass keine Minderheit es je besonders weit gebracht habe. Falls sich eine der zwei jedoch bereit erklären würde, die wütende Schwarze zu mimen, werde er dafür sorgen, sie unter die Top Vier zu bringen. Die eine verweigert sich dem Rassenstereotyp, die andere versteht das Spiel besser. Sie will sich einen Namen machen, um ihren Friseursalon zu promoten, und provoziert sofort einen Streit mit einer Südstaatlerin, was im Schnitt wunderbar zu einer rassistischen Auseinandersetzung verwandelt werden kann. Natürlich bringt es der Friseurin nichts. Sie wird vom Produzenten ans Messer geliefert, sobald er sie nicht mehr braucht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 26 vom 16.6.2016.

Einer verbreiteten Theorie zufolge speist sich die Anziehungskraft von Reality-Fernsehen nicht allein aus Voyeurismus oder aus der Identifikation mit den Teilnehmern, sondern aus der Schadenfreude. Jeder Makel wird offenbar, jedes Fehlverhalten wird öffentlich, und der Zuschauer darf nicht nur urteilen, sondern sich auch überlegen fühlen.

In Unreal hingegen vermag die moralische Pose der Empörung über die unethischen Praktiken dieser Produzenten nicht darüber hinwegzutäuschen, dass man ihren Kabalen und Manipulationen voller Neid zuschaut. Hätte man doch auch Zugang zu einem solchen Werkzeugkasten der Intrige, mit dem man sich im Leben nach vorn arbeiten könnte! Zumindest ein glamouröses Leben als Produzent wäre einem sicher.

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